Българо-унгарски отношения през Средновековието

Христо Димитров

 

BULGARISCH-UNGARISCHE BEZIEHUNGEN IM MITTELALTER

 

(Resümee)

 

 

Die bulgarisch-ungarischen Beziehungen im Mittelalter sind ein Untersuchungsobjekt der historischen Wissenschaft nur hinsichtlich einzelner Zeitabschnitten und in einigen allgemeinen Studien über die mittelalterliche Geschichte Bulgariens und Ungarns gewesen. Deshalb stellt dieses Buch, in der Hoffnung, alles bisher auf diesem Gebiet Geleistete berücksichtigt zu haben, eine ausführliche Erforschung dar. die vor allem die politischen Beziehungen zwischen Bulgarien und Ungarn am Anfang des 6.Jh., besonders während dem 9. und bis zum 15.Jh., sowie die Ereignisse am Ende des 16.Jh. untersucht.

 

Trotz der verschiedenen Theorien über die Herkunft und Urheimat beider Völker, davon einige, die eventuelle Berührungspunkte ziemlich weit zurück in der Urgeschichte suchen, kann man die ersten sicheren Kontakte zwischen ihnen in der ersten Hälfte des 6.Jh. vorfinden. Wie man aus den Mitteilungen des Agathios von Myrinea ersehen kann, begannen gerade zu dieser Zeit inmitten der Urbulgaren (Hunnobulgaren), die die Steppen um das nördliche Schwarze Meer bewohnten, einzelne ugorische Stämme (Oguren) einzudringen. Diese Stämme, die sich schon von der ugorischen Grundmasse um den Ural abgesondert hatten, begannen offensichtlich den Einfluß der Türkenvölker zu fühlen als Folge der eingetretenen großen Bewegungen inmitten der Nomadenwelt, die hauptsächlich von der Invasion der Hunnen hervorgerufen worden waren. Wie dem auch sei, konsolidierte sich um die Mitte des 6.Jh. in den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres ein neues ethnisches Element als Folge der Vermischung der türkischen hunnobulgarischen Masse mit einem Teil der ugorischen Stämme (Oguren). Das äußerte sich zuerst in den veränderten Ethnonymen in den schriftlichen Quellen (Hunnougrier/Hunnoguren/Onoguren, sowie Utiguren und Kutriguren).

 

Die so bestätigten bulgaro-ugorischen Stämme, die vorausbestimmt waren eine wichtige Rolle in der Ethnogenesis der heutigen Bulgaren und Ungarn zu spielen, erwiesen sich während der zweiten Hälfte des 6.Jh. aufgeteilt zwischen den zwei Grundmächten der damaligen Nomadenwelt. Derweil sich die Kutriguren mit den Awaren verbanden, die sie vorwiegend nach dem Balkan und Mitteleuropa vordrängten, gerieten die Utiguren und

 

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Onoguren unter der Gewalt des Türkütischen (Westtürkischen) Khanats um den Asow und im Vorderteil des Balkans. Allmählich vermischten sich die Kutriguren entlang der Mittleren Donau hauptsächlich mit den dort vorgefundenen Hunnobulgaren aus Pannonien so, daß ihr Name schon Ende des 6.Jh. verschwand und der Name Bulgaren als eines der ethnischen Grundelemente des Awarischen Khanats auftrat. Vom Anfang des 7.Jh. werden in den Steppen Osteuropas die Bulgaren-Unogunduren (Utiguren + Onoguren?) bekannt, die eine eigenständige Kultur entwickelten und eine bedeutende politische Selbstständigkeit genossen.

 

Während der dreißiger bis sechziger Jahren des 7.Jh. gelang es dem "Alten Großbulgarien" des Khan Kubrats die Bulgaren - Unogunduren mit dem Rest der Kutriguren aus den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres, um den Asow und dem vorderen Teil des Kaukasus zu vereinigen. Nach dem Tode Kubrats zerfiel sein Reich unter den Angriffen der Chasaren, wobei die Bulgaren in Teilen nach verschiedenen Richtungen zerstoben - nach dem Gebiet der Wolga, nach der Unteren Donau, nach Pannonien und von dort aus nach Mazedonien; einige erreichten sogar Norditalien und ein Teil verblieb in den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres unter der Gewalt der Chasaren. Diese bulgarischen Gruppen - die eine als Anfangsbestand der sg. Wolgabulgaren, die andere als Bajans - oder "Schwarzbulgaren" in Chasarien bekannt - erwiesen sich in unmittelbarer Nähe der ugorischen Stämme, die fortfuhren sich aus den Gebieten um den Ural nach Südwesten zu bewegen. Wahrscheinlich entstanden unter ihnen Kontakte schon im 8Jh., da die Madjaren gegen Anfang des 9.Jh. schon durch das Khanat der Chasaren gezogen waren und sich an seiner südwestlichen Grenze niedergelassen hatten, womit sie Nachbarn Donaubulgariens geworden waren.

 

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Noch zur Zeit ihres Zugs durch Chasarien nahmen die alten Ungarn einen Teil der Wolgabulgaren, sowie einige der "Schwarzbulgaren" auf, die am Bürgerkrieg der Chasaren mit Hilfe der Donaubulgaren teilgenommen hatten. Am Anfang der dreißiger Jahren des 9.Jh. haben sich die Madjaren sicherlich westlich des Dons niedergelassen, da die Chasaren mit Hilfe von Byzanz angefangen hatten die Grenzfestung Sarkel aufzubauen. Sie nahmen das Steppengebiet zwischen den Flüssen Don und Dnepr ein, das unter dem Namen Lebedien bekannt war. Das machte sie zu unmittelbaren Nachbarn der Donaubulgaren, deren nordwestliche Grenze bis an den Dnepr reichte.

 

Die schriftlichen Quellen beschreiben den ersten Kontakt zwischen den Donaubulgaren und den alten Ungarn im Jahr 837 als ein gegen Byzanz

 

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gerichtetes Bündnis. Zu dieser Zeit rief der Verwalter des sg. "Jenseitigen Donaubulgarien" einen Teil der banachbarten Madjaren zur Hilfe gegen die aufständischen byzantinischen Gefangenen, die aus Thrazien dort angesiedelt worden waren. Die Aktion war erfolglos, doch die guten Beziehungen zwischen Bulgaren und Ungarn blieben offensichtlich erhalten. Sie waren zum großen Teil durch die Versuche der Byzantiner, mit Hilfe von Chasaren und Russen eine feindliche Koalition gegen sie aufzubauen, hervorgerufen worden.

 

Im Laufe der Zeit bemühten sich die Chasaren und Byzantinern die Madjaren auf ihre Seite heranzuziehen. Das Bündnis zwischen Chasaren und Ungarn wurde wahrscheinlich vor 860 geschlossen als die von Konstantin-Kyrill Philosoph geleitete Mission auf ihrem Weg nach der Halbinsel Krim ungarischen Truppen begegnete, die den Chasaren Beistand leisteten. Das hat sich zweifellos auf die bulgarisch-ungarischen Beziehungen ausgewirkt, wenn man den traditionellen Antagonismus zwischen Donaubulgarien und den Chasaren, sowie seine feindliche Einstellung zu Byzanz in Betracht zieht.

 

Es ist möglich, daß während den achtziger Jahren des 9.Jh. die Madjaren zusammen mit den "Schwarzen Bulgaren", Byzantinern, Petschenegen und Uzen gemeinsame Handlungen gegen die Chasaren und Alanen unternommen haben. Doch die Bewegung der Petschenegen nach Westen stellte erneut das ungarisch-chasarische Bündnis wieder her, was bedrohlich für Donaubulgarien war. Während 889 verdrängten die Petschenegen die Madjaren westlich des Dneprs im Gebiet Atelkuzu, das zweifellos einen Teil der jenseits der Donau gelegenen bulgarischen Besitztümer umfaßte - mindestens die Steppengebiete zwischen den Flüssen Dnepr und Südlicher Bug/Dnestr. Als Resultat dieses Ereignisses begann zwischen Bulgaren und Ungarn ein Konflikt heranzureifen, da letztere immer deutlicher ihre Expansionsabsichten äußerten, besonders dem Karpatenbecken gegenüber, dessen größerer Teil sich noch immer unter bulgarischer Macht befand.

 

Bei einem ihrer ersten Erkundungsfeldzügen nach dem "Ugorischen Gebirge" überfielen die Madjaren Kiev, wahrscheinlich im Jahr 891. Trotzdem sie den Russen eine Niederlage zufügten, hielt die Stadt stand; das war auch nicht das Ziel der Angreifer, denn sie zogen weiter nach Westen. 892 rief der ostfränkische (deutsche) König Arnulf von Kärnten ihre Truppen zur Hilfe gegen Swatopulk (Zwentibold), dem Fürst von Mähren. Diese Aktion wurde wahrscheinlich mit bulgarischer Genehmigung durchgeführt, da das Bündnis zwischen König Arnulf und dem bulgarischen Fürsten Wladimir, gegen Mähren gerichtet, wiederhergestellt worden war.

 

Zwei Jahre später, im Sommer 894, kurz nach dem Tod Swatopulks, überfielen die Madjaren wieder, dieses Mal selbstständig, die mährischen Länder, von wo aus sie die Donau überschritten und "Pannonien ausplünderten und verwüsteten". Erst dann hat König Arnulf wahrscheinlich eingesehen

 

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was für eine Gefahr sie für die deutsche wobei er offensichtlich die Pläne der Byzantiner die Ungarn gegen Bulgarien zu benutzen nicht gebilligt hat. Im selben Jahr 894 auf dem Weg nach Mähren und Pannonien, oder auf dem Rückweg, absichtlich oder nicht, überfielen und plünderten die Madjaren die jenseits der Donau gelegenen bulgarischen Länder, wahrscheinlich an einer ziemlich breiten Front von der Theiß bis zum Dnestr. Im folgenden Jahr 895, als Verbündete von Byzanz infolge der Mission des Niketas Skieros herangezogen, überfielen sie die zentralen bulgarischen Gebiete mit Hilfe der aus Konstantinopel über die Donau geschickten Schiffe. Die madjarische Invasion südlich des großen Flusses brachte viel Verwüstungen und Niederlagen für die Bulgaren, war letzten Endes jedoch nicht niederschmetternd für das Bulgarische Reich und die Invasoren mußten sich zurückziehen. Noch im Frühling 896 überfielen Bulgaren und Petschenegen Atelkuzu, was die Ungarn veranlaßte, nach den nördlichen Gebieten des Karpatcnbeckens überzusiedeln. Nachdem sie sich dort niedergelassen, gefestigt und ihre Reste zusammengeschlossen hatten, engagierten sie erneut die Aufmerksamkeit der westlichen Chronisten durch ihre verheerenden Einfälle in den Gebieten Unterpannoniens und Norditaliens. Um diese Unternehmen durchzuführen, mußten sie zuerst die näher liegenden Objekte auf dem Weg ihrer Expansion eliminieren - die jenseits der Donau gelegenen nordwestlichen bulgarischen Länder entlang den Tälern der Flüsse Theiß, Körös, Marcs und Temes. Folglich wurde der bulgarisch- madjarische Konflikt bei dem Zaren Symeon nicht mit den dramatischen Ereignissen in Atelkuzu beendet, sondern entwickelte sich weiter in den nordwestlichen Randgebieten des Bulgarischen Reiches auch während den ersten Jahren des folgenden Jahrhunderts.

 

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Bis jetzt hat die bulgarische historische Wissenschaft keine besondere Beachtung den Angaben aus den ungarischen lateinischen Quellen gewidmet, unter welchen sich der sg. "Anonymus" befindet, der den Zusammenstoß der Madjaren mit der bulgarischen Regierung zur Zeit ihrer "Andnahme" in Mitteleuropa um den Anfang des 10.Jh. behandelt. Gegenwärtig sind die meisten Forscher geneigt die Information aus dieser Quelle als glaubwürdig anzunehmen, doch die Ereignisse in ihr werden ziemlich willkürlich datiert und interpretiert. Der ungarische Anonymus stellt im allgemeinen die ethnopolitische Situation im Gebiet zwischen den Flüssen Donau und Theiß und dem Karpatenbecken gegen Ende des 9. und Anfang des 10.Jh. objektiv dar; nach ihm lebten dort vorwiegend Slaven, Bulgaren und Reste der Awaren, die von Salan, Menumorut und Glad regiert wurden, die offensichtlich von dem bulgarischen Herrscher ernannt und ihm Untertan waren. Nach

 

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dem Anonymus stießen die Ungarn an der Spitze mit Arpad zuerst auf die Truppen Salans, der als Verwandter des bulgarischen Zaren wahrscheinlich das größte Gebiet zwischen der Mittleren Donau und der Theiß beherrschte. Danach griffen die Madjaren auch das Gebiet des Menumoruts östlich der Theiß zwischen den Flüssen Samos und Maros an. Nach langwierigen und schweren Kämpfen gelang es ihnen seine wichtigste Festung Bichor zu erobern, worauf Menumorut gezwungen war die Oberherrschaft Arpads anzuerkennen, wenngleich mittels Verschwägerung zwischen beiden Seiten.

 

Mittlerweile führen die Ungarn fort nach Süden gegen Salan vorzudringen. Anfangs schien dieser geneigt die Länder bis zum Fluß Zagva abzutreten, doch als er sich zusätzliche Unterstützung für den Krieg von Seiten des bulgarischen Herrschers gesichert hatte, beschloß er eine entscheidende Schlacht in dem heutigen Voivodina zu liefern. Doch der Kampf endete mit einer Niederlage für die Bulgaren und Salan war gezwungen mit den Überlebenden seiner Truppen in der Belgrader Festung Zuflucht zu suchen. Nachdem sie das ganze Gebiet zwischen Theiß und Donau unterworfen hatten, drangen die Madjaren weiter nach Süden vor mit der Absicht die Donau bei der Mündung der Save zu überqueren und Belgrad anzugreifen. Dort stießen sie auf den Zaren Symeon mit seinem Heer, in welchem auch byzantinische Truppen kämpften. Das darf nicht so unglaublich scheinen, wenn man in Betracht zieht, daß 904, trotz einiger Zusammenstöße, der bulgarische Herrscher seinen Vertrag mit den Byzantinern bestätigt und ihnen sogar Festungen im Gebiet Dyrrachion überlassen hatte; außerdem fühlte sich die byzantinische Regierung in Dalmatien zur Genüge von der ungarischen Invasion bedroht. Der Zusammenstoß bei Belgrad aber war auch nicht erfolgreich für die Bulgaren, trotzdem sie diese wichtige Festung für sich behalten konnten. Inzwischen wurde auch zum Teil das Gebiet bei Orsova, das südlich von den Besitztümern Menumoruts lag und von Glad verwaltet wurde, verloren. Zar Symeon aber beschloß, weitsichtig mit den Madjaren Frieden zu schließen, nach welchem Bulgarien ihnen zugunsten auf die meisten, jenseits der Donau gelegenen Besitztümern verzichtete (mit Ausnahme eines Teils des südwestlichen Transsylvaniens und des Gebiets Severin, die später von dem Nachfolger Glads - Achtum verwaltet wurden). So wurden zwischen den beiden Völkern als Verbündete dauernde friedliche Beziehungen hergestellt, die eine wichtige Rolle für die Politik des Zaren Symeons Byzanz gegenüber und die weitere Entwicklung des Ersten bulgarischen Reiches gespielt haben.

 

Die Angaben aus dem Anonymus werden mehr oder weniger von späteren ungarischen Quellen (Simon de Keza und Chroniken aus dem 14. und 15.Jh.), von einigen zeitgenössischen und späteren westlichen Chroniken, sowie direkt von byzantinischen Mitteilungen bestätigt. Sie alle erlauben

 

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uns die Schlußfolgerung zu machen, daß die in Frage kommenden Ereignisse um die Eroberung der meisten, jenseits der Donau gelegenen Besitztümer von den Madjaren und der nachfolgende Friedensvertrag am Anfang Jes 10Jh. datiert werden müssen.

 

Die Madjaren haben den Versuchen der byzantinischen Diplomatie, nach 913 sie zusammen mit den Petschenegen in eine Koalition gegen Bulgarien miteinzubeziehen. nicht nachgegeben.Im Gegenteil, sie haben sich auf der Seite Zar Symeons in den ausschlaggebenden Ereignissen von 917 eingemischt und nicht nur an der wichtigen Schlacht bei Acheloi teilgenommen, sondern auch an der Eroberung der damaligen Grenzfestung Debelt zwischen Bulgarien und Byzanz, sowie nachfolgend an dem Feldzug gegen Konstantinopel.

 

Das am Anfang des 10.Jh. geschlossene bulgarisch-ungarische Bündnis zwischen Zar Symeon und Großfürst Arpad dauerte mit Sicherheit bis zum Tode dieses bemerkenswerten bulgarischen Herrschers im Jahr 927, trotz der viclzähligen Versuche der byzantinischen Diplomatie es zu zerstören oder wenigstens in dieser Hinsicht zu bluffen. Dieses Bündnis erwies sich ziemlich wichtig für Bulgarien in dem anstrengenden Kampf gegen Byzanz und den Serben für politische Übermacht und Herstellung eines neuen politischen Systems im europäischen Südosten.

 

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Die guten bulgarisch-ungarischen Beziehungen zur Zeit des Zaren Symeon I. wurden auch nach seinem Tod 927 erhalten. Andernfalls hätten die Bulgaren kaum so ungestört im selben Jahr ihren Feldzug nach Thrazien, der zu dem Friedensvertrag zwischen dem neuen Herrscher Peter I. und Byzanz geführt hat, durchführen können. Zur selben Zeit wiesen die Madjaren den byzantinischen Vorschlag für ein Bündnis mit den Petschenegen, dessen eventuelle Verwirklichung nichts Gutes den Bulgaren gebracht hätte, ab.

 

Die guten Beziehungen mit den Madjaren erwiesen sich für den Zaren Peter I. besonders notwendig, als sich die Serben mit Hilfe von Byzanz von der bulgarischen Herrschaft befreiten. Da sich Bulgarien formell in Frieden mit dem Byzantinischen Reich befand, waren die Möglichkeiten für eine adäquate Reaktion gegen diese ihrem Wesen nach feindliche Koalition ziemlich beschränkt. Doch die bulgarische Diplomatie hat scheints sehr geschickt den "ungarischen Faktor" ausgenutzt. Von 934 an begannen die Madjaren immer öfter im byzantinischen Thrazien aufzutauchen und der örtlichen und zentralen Macht bedeutende Schäden und Zerstörungen zuzufügen. Die Überquerung der großen Strecke von Belgrad bis Plovdiv durch bulgarisches Territorium konnte nicht ungestört verlaufen und die Handlungen gegen Konstantinopel konnten kaum so effektiv sein, wenn nicht zwischen

 

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Bulgaren und Ungarn die alten friedvollen Beziehungen als Verbündete in Kraft gewesen wären. Vielleicht waren sie zu dieser Zeit nicht nur gegen Byzanz, sondern auch gegen Serbien gerichtet. Es ist kein Zufall, daß um die Mitte des 10.Jh. der serbische Fürst Ceslav seinen Tod gefunden hat während einem Angriff der Madjaren, der wahrscheinlich mit byzantinischer Hilfe gegen das bulgarische Gebiet Sirmium durchgeführt wurde.

 

Man hat Grund anzunehmen, daß die Madjaren zum ersten Mal das geographische Gebiet Mazedonien zur Zeit ihres Angriffs gegen Byzanz im April 943 durchzogen haben, als wenigstens einer ihrer Trupps bis zur Attika und dem Isthmus von Korinth gelangte. Während 945-948 versuchte der Kaiser Konstantin VII. Porphirogennetos die christliche Propaganda und auch die politischen Beziehungen des Reiches mit den Madjaren zu kräftigen. Das war eine der Ursachen einen großen Teil von ihnen in die große Koalition gegen die Deutschen und Tschechen miteinzubeziehen, die verhängnisvoll für die Ungarn mit der Niederlage bei Lechfeld 955 enden sollte.

 

Die Jahre 959, 960 und 961 waren offensichtlich sehr anstrengend für den byzantinischen Westen (den Balkan), als die Byzantiner unter der Regierung Romanos II. (959-963) sich sehr bemühen mußten um die madjarischen Angriffe aufzuhalten. Aller Wahrscheinlichkeit nach geschah der Marsch der Ungarn über die Donau und auf der Via Singidunum wenigstens mit dem Einverständnis der Bulgaren. Das wird durch einige direkte Mitteilungen, sowie von der Logik der nachfolgenden Ereignisse bestätigt; diese begannen nach der großen Wende in den bulgarisch-byzantinischen Beziehungen, deren Ursache gerade das Verhältnis zu den Madjaren war.

 

Das wird besonders im Jahr 967 deutlich, als Nikephoros II. Phokas einen Brief an Zar Peter I. sandte, in welchem er nur eine einzige Bedingung stellte: die Bulgaren sollten verhindern, daß die Ungarn die Donau überqueren und die byzantinischen Länder angreifen. Dieses Mal aber unterwarf sich der bulgarische Herrscher nicht und wies die byzantinische Forderung zurück. Ihrerseits erwiesen sich die Madjaren als loyale Verbündete Bulgariens, indem sie 968 aktive Kriegshandlungen gegen Byzanz in Mazedonien und Thrazien begannen.

 

Inzwischen griff der russische Fürst Svjatoslav zum zweiten Mal Bulgarien an und stieß, nachdem er seine östlichen Teile erobert hatte, nach Thrazien vor. In der darauf folgenden Schlacht bei Arkadiopolis kämpften an seiner Seite gegen die Byzantiner auch Bulgaren, Madjaren und Petschenegen. Eine aufmerksame Analyse des griechischen Textes der Quellen zeigt, daß die Teilnahme der letzten zwei Völker an der erwähnten Schlacht ihrem Bündnis mit den Bulgaren zu verdanken war, die, durch die Umstände gezwungen, in diesem Moment das oberste Kriegskommando dem Kiever Fürsten anerkannt hatten. Und aus dem Bericht des Joannes Skylitzes über

 

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die Belagerung und den Sturm auf Dorostolum im Sommer 971 kann man die Schlußfolgerung machen, daß die Russen von Ungarn und Petschenegen Hilfe verlangt haben, die ihnen aber verweigert wurde wegen der verschlechterten Beziehungen zwischen dem Fürsten Svjatoslav und den Bulgaren, die ihrerseitrrs die traditionell guten Beziehungen zu diesen Völkern bewahrten.

 

Trotz der großen Verluste Bulgariens von Seiten der Russen und Byzanz, bezeugten die Ungarn noch einmal ihre freundschaftliche Unterstützung bei der Realisierung der diplomatischen Mission nach Quedlinburg im Jahr 973 - es ist kaum zufällig, daß die ungarischen und bulgarischen Gesandten dem deutschen Kaiser Otto I. zusammen vorgestellt wurden.

 

Die nächsten Mitteilungen, die die bulgarisch-ungarischen Beziehungen betreffen, stammen vom Ende des 10. und Anfang des 11 .Jh., als der Mittelpunkt des Ersten bulgarischen Reiches nach Südwesten, nach Mazedonien verlegt und nach dem Tod des bulgarischen Zaren Roman I. (976- 997) als einziger rechtmäßiger Zar der Bulgaren Samuel (997-1014) wurde. Noch am Anfang seiner selbststandigen Regierung (wahrscheinlich während 997-1000) beschloß er seine Beziehungen mit den Madjaren zu regeln und verheiratete seinen Sohn und Nachfolger Gabriel-Radomir mit der Tochter des ungarischen Großfürsten Geza (971-997) und Schwester des ersten ungarischen Königs Stephan I. dem Heiligen (997-1038). Offensichtlich wurde zu dieser Zeit, so wie am Anfang der Regierung des Zaren Peter I., das bulgarisch- ungarische Bündnis erneuert und durch eine Ehe zwischen den beiden Herrschershäusern gefestigt.

 

Aber diese Ehe und auch das politische Bündnis zwischen Bulgaren und Madjaren am Ende des 10.Jh. erwiesen sich kurzfristig und unbeständig. Bald wurde die Ehe anulliert und zwischen König Stephan I. und Kaiser Basilios II. ein militärpolitisches Bündnis geschlossen. Aufgrund der Hagiographie des HI.Athanasios Athonites kann man die Schlußfolgerung machen, daß der ungarische König einige seiner Truppen dem Kaiser Basilios II noch 1001 für seine Offensive gegen Südmazedonien überlassen hatte. Aus einer anderen, westlichen lateinischen Quelle geht hervor, daß um 1002-1003 die Madjaren den Byzantinern geholfen haben die damalige bulgarische Hauptstadt Skopje (Cesariae = Zarenstadt ?) zu erobern. Wahrscheinlich zur selben Zeit unternahm der ungarische König einen Angriff auf das letzte jenseits der Donau gelegene bulgarische Besitztum, das von dem Nachkommen Glads - Achtum verwaltet wurde. Es ist möglich, daß gerade die madjarischen Aspirationen diesen Besitztümern gegenüber eine der wichtigsten Ursachen für den Abbruch des bulgarisch-ungarischen Bündnisses am Anfang des 11 .Jh. gewesen ist.

 

Man kann annehmen, daß der bulgarische Zar Ivan Vladislav (1015- 1018) nicht nur bei den Petschenegen, sondern auch bei den Madjaren und

 

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anderen Nachbarvölkern Hilfe gesucht hat um die letzte Offensive des Kaisers Basilios II. anzuhalten. In der "egenden des Königs Stephan dem Heiligen" und anderen ungarischen Quellen wird eine Gruppe von Petschenegen erwähnt, die Bulgarien nach seiner Unterwerfung von den Byzantinern verlassen und bei den Ungarn durch die Befürwortung des Königs Unterkunft gefunden hatte. Diese Position kann bedeuten, daß in der Politik Ungarns gegenüber Bulgarien und Byzanz eine gewisse Veränderung eingetreten war - wahrscheinlich hat der König den Aufruf Ivan Vladislavs um Hilfe nicht erwidert, doch war er offensichtlich von dem gestörten Gleichgewicht der Kräfte beunruhigt, da sein Königreich zum Nachbarn das machtige byzantinische Kaiserreich bekommen hatte, und bewahrte deshalb den Bulgaren und ihren verbündeten Petschenegen gegenüber eine wohlwollende Neutralität.

 

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Mit der Eroberung Bulgariens, der serbischen Länder, Dalmatiens und Bosniens im Jahr 1018 und der Unterwerfung des Gebiets Sirmium von dem byzantinischen Heerführer Konstantin Diogenes im Jahr 1019 entstand zwischen Ungarn und Byzanz eine gemeinsame Grenze, die der Donau folgte, doch die Städte Braničevo, Belgrad und anfangs das vorwiegend mit Bulgaren bevölkerte Sirmium in byzantinischen Händen ließ. Deshalb waren die Kontakte der Bulgaren mit Ungarn während des 11. und 12.Jh. vorwiegend aus der Bevölkerung der erwähnten Städte und ihren Gebieten und weniger aus Vidin, Nis, Sofia und Mazedonien.

 

Eine Urkunde des Basilios IL, erlassen nach der Unterwerfung der Bulgaren während 1018-1019, enthält eine interessante Mitteilung über die "Vardarioten Türken", offensichtlich zum größten Teil ungarische Ansiedler im Tal des Flüsses Vardar, die den orthodoxen Glauben angenommen hatten, dem Erzbischof von Ochrid Kirchensteuer zahlen und als Söldner im Heer des byzantinischen Kaisers dienen mußten. Mit der Konstituierung eines separaten "Bistums Turkien" in Ungarn, das Konstantinopel untergeordnet war, wollte das Kaiserreich seinen Einfluß inmitten der Madjaren auch durch den orthdoxen Glauben vergrößern.

 

Kurz nach der Festsetzung der byzantinischen Macht stellten die Bulgaren erneut Kontakte mit Ungarn her durch den ersten Anführereines Aufslandes - den Sohn Gabriel-Radomirs aus seiner ersten Ehe mit der ungarischen Prinzessin, welcher unter dem Namen Peter (II.) Deljan (1040- 1041) zum Zaren von Bulgarien gekrönt wurde. Aus einer Inschrift in der Großen Basilika in Pliska kann man folgern, daß bevor er Anführer des Aufstandes und zum bulgarischen König gekrönt wurde. Deljan wahrscheinlich den Titel "Ban" getragen hat, da er am Hofe des ungarischen Königs

 

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lebte und wahrscheinlich ein hohes Amt in der zentralen oder örtlichen Verwaltung Ungarns ausübte. Deshalb ist es vielleicht nicht zufällig, daß der Aufstand, dessen Anführer Peter Deljan war, seinen siegreichen Lauf inmitten der Bulgaren in Belgrad, in unmittelbarer Nähe der ungarischen Grenze begonnen hat.

 

Bemerkenswert ist, daß die Beziehungen zwischen Ungarn und Byzanz progressiv fortführen sich zu verschlechtern. Der erste ernsthafte Konflikt zwischen ihnen, der offensichtlich fast den ganzen bulgarischen Nordwesten von Belgrad bis Sofia betroffen hat, entbrannte im Jahr 1059.

 

Die nächste Mitteilung für einen ungarischen Angriff auf die bulgarischen nordwestlichen Gebiete nennt das Jahr 1068. Viel ernsthafter aber war der ungarische Angriff auf Belgrad in den Jahren 1072-1073, der vielleicht irgendein Verhältnis zu dem kurz vorher ausgebrochenen zweiten Aufstand der Bulgaren gegen die byzantinische Herrschaft hatte. Dieser Aufstand wurde von dem Nachkommen eines ehemaligen Kapkhangeschlechts Georg Woitech und dem Fürsten von Zeta Konstantin Bodin. der später zum Zar von Bulgarien unter dem Namen Peter (III.) gekrönt wurde, angeführt. Im Zusammenhang mit diesem Angriff sind die Angaben aus ungarischen Quellen interessant, nach welchen die Verteidigung Belgrads gegen die Madjaren dem Verwalter Nikota, der wahrscheinlich bulgarischer Abstammung war, anvertraut wurde. Ein Resultat dieses Krieges war die Einverleibung des Gebiets Sirmium von Ungarn; in der Hauptstadt Sirmium wurde in der Kirche des Hl.Demetrius die aus Niš entwendete Reliquie - die Hand des Märtyrers Prokopius - ausgestellt.

 

Die letzten Mitteilungen über die bulgarisch-ungarischen Beziehungen im 11 .Jh. behandeln die Ereignisse von 1087, als der dethronierte König Salomon zusammen mit den Kumanen die bulgarischen Territorien unter byzantinischer Herrschaft überfiel; der Angriff wurde jedoch von den Truppen des Kaisers zurückgeworfen. Es ist möglich, daß dieser Angriff als Teil einer breiteren Koalition gegen den König Ladislaus I. der Heilige, der zu dieser Zeit von Byzanz unterstützt wurde, gedacht war.

 

Fast denselben Charakter hatten im 12.Jh. die Beziehungen zwischen Ungarn und Byzanz, die vor allem die von Bulgaren bevölkerten Territorien des Balkans betrafen. Am Ende der zwanziger Jahren des Jahrhunderts verschlechterten sich die Beziehungen zwischen ihnen als Folge der sich vertiefenden wirtschaftlichen Widersprüche, inmitten welchen einen wichtigen Platz die Interessen der bulgarischen Bevölkerung einnahmen. So z.B. führten, nach Niketas Choniates, zu dieser Zeit die Einwohner von Braničevo schon einen richtigen Handelskrieg mit den Madjaren. Natürlich existierten für den Ausbruch eines Krieges zwischen diesen Ländern auch konkretere Anlässe: 1125 entfloh nach Byzanz Prinz Älmos, ein Onkel des Königs Stephan II und wurde mit seinen Anhängern in der Festung Konstantinia

 

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am Prespasee untergebracht. Bald führte das zum Ausbruch eines Krieges - 1127 eroberten die Ungarn Belgrad, Braničevo, Niš und Sofia; im folgenden Jahr wurden die Kriegshandlungen jenseits der Flüsse Save und Donau übertragen, doch Anfang 1129 eroberte der ungarische König, unterstützt von Militäreinheiten aus Tschechien und Mähren, erneut Braničevo und brannte es nieder. Erst im Oktober des selben Jahres wurde zwischen den beiden Ländern Frieden geschlossen, der die vormalige Lage wieder herstellte, mit der Ausnahme, daß Zemun an den Ungarn abgetreten wurde. Von diesem Krieg wurden vorwiegend die nordwestlichen bulgarischen Gebiete geschädigt, unter ihnen am meisten Braničevo, das zweimal erobert und niedergebrannt wurde.

 

Nach einer zwanzigjährigen, verhältnismäßig friedlichen Periode entstand im bulgarischen Nordwesten unter byzantinischer Macht von Seiten Ungarns her erneut eine Spannungssituation; sie sollte sehr bald zu der andauerndsten und vielleicht verheerendsten Verwüstung dieser bulgarischen Länder in der Kriegsgeschichte mit den Ungarn während des ganzen Mittelalters führen. Nach dem Durchmarsch des Zweiten Kreuzzuges (1147— 1148) erhoben sich die Serben, unterstützt von den Madjaren, gegen Byzanz. Das führte 1150 zum Ausbruch eines offenen und langwährenden Krieges zwischen dem Kaiserreich und Ungarn. Im Laufe der Kriegshandlungen, als 1154 die Truppen des Königs Gcza II. Braničevo angriffen, brach in Belgrad ein Aufstand gegen Byzanz aus, der seinem Charakter nach sich nicht von den städtischen Aufständen der Bulgaren gegen die byzantinische Macht während dieser Periode unterschied. Da mehr Angaben fehlen, ist es schwer zu beurteilen, ob zwischen Bulgaren und Ungarn irgendwelche planmäßige Koordination der Handlungen bestanden hat oder ob sie spontan entstanden ist.

 

Von Interesse ist auch eine Episode aus der zweiten Phase des Krieges zwischen Byzanz und Ungarn (1162-1167). Im Frühling 1164 überquerten die byzantinischen Truppen den Fluß Save, marschierten durch das Gebiet Sirmium und stießen nach Bäcs vor, wo sie sehr entgegenkommend von der einheimischen orthodoxen Bevölkerung empfangen wurden. Da bekannt ist, daß zu dieser Zeit die Bevölkerung im Gebiet Sirmium immer noch vorwiegend bulgarisch war, kann man annehmen, daß die orthodoxe Bevölkerung um Bäcs zum größten Teil bulgarischer Abstammung gewesen ist.

 

Trotzdem die nordwestlichen bulgarischen Länder unter byzantinischen Macht während dieser Phase nicht so viel Verwüstungen und Verheerungen erlebt hatten, blieben sie die gleichen "Risikozonen" entlang der Grenze zwischen den beiden Ländern. Gerade sie haben die Hauptbürde zu tragen gehabt für die Realisation der Siege und des politischen Triumphs des Kaisers Manuel I. Komncnos über Ungarn - einen Preis, den Byzanz und später auch Bulgarien, zahlen sollten. Trotz der großen materiellen und

 

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menschlichen Verluste bewahrten die Gebiete um Belgrad, Braničevo, Niš und Vidin ihren bulgarischen Charakter, um am Ende des 12.Jh. ein natürlicher Bestandteil des wiederhergestellten Bulgarischen Reiches zu werden.

 

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Eine große Rolle für den Ausbruch der bulgarischen Befreiungsbewegung an der Spitze mit den Asseniden haben die byzantinisch-ungarischen Beziehungen vom Anfang der achtziger Jahren der 12.Jh. gespielt. Von 1181 bis 1183 unternahm der ungarische König Béla III. eine Offensive auf die nordwestlichen Teile der Balkanhalbinsel; als Resultat davon wurde das Gebiet um Belgrad eingenommen, die Städte Ravno und Niš zerstört, und die ungarischen Truppen erreichten Sofia. 1184 stellte das Kaiserreich seine Macht wieder her, doch nur über das Gebiet Braničevo, das auch Niš und Sofia umfaßte. 1185 trat der ungarische König das Gebiet Belgrad dem neuen byzantinischen Kaiser Isaak II. Angelos als Mitgift seiner Tochter, der Prinzessin Margarete, ab. Das eheliche und politische Bündnis zwischen Byzanz und Ungarn bestimmte im voraus die feindliche Einstellung der Madjaren zu dem wiederhergestellten Bulgarischen Reich am Ende des 12.Jh.

 

Im Jahr 1189 zogen die Kreuzfahrer vom Dritten Kreuzzug vorbei an Belgrad und Braničevo, die sich nach ihrem unmittelbaren Eindrücken unter byzantinischer Herrschaft, doch in den Grenzen Bulgariens befanden. Um 1191-1192 trafen sich am Fluß Save der byzantinische Kaiser und der ungarische König, wo sie vielleicht eventuelle Handlungen gegen die Bulgaren verabredet haben. Es ist sehr gut möglich, daß 1192-1193 die Ungarn wirklich gewisse Erfolge in dieser Hinsicht verzeichnet haben, wofür eine Schenkungsurkunde des ungarischen Königs zugunsten des Grafen Narad zeugt. Béla III. versprach 1194-1195 seinem Schwiegersohn Isaak II.Angelos ihm bewaffnete Truppen gegen die Bulgaren durch Vidin zu schicken. Doch dieser Plan wurde vereitelt weil der byzantinische Kaiser entthront wurde. Dieses Ereignis rief auch einen anderen Vorgang hervor - die Ungarn erklärten den Ehevertrag mit Byzanz für ungültig und nahmen erneut das Gebiet Belgrad ein. Die Bulgaren nutzten ihrerseits die entstandene politische Destabilität in der Region aus und stellten ihre Macht über die Länder ostlich der Morava- die Gebiete Braničevo, Vidin, Niš und Sofia wieder her.

 

Das Jahr 1202 brachte neue Umwandlungen entlang der nordwestlichen Grenzen Bulgariens mit dem ungarischen Königreich. Der ungarische König Emmerich nutzte die ausgebrochenen inneren Auseinandersetzungen der Serben aus, ergriff die Partei des Kronprätendenten Vukan. überschritt die serbischen Grenzen, die von seinem Bruder Stephan (der Erstgekrönte) kontrolliert wurden und griff die Bulgaren, die ihn unterstützten, östlich

 

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der Morava an. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Bulgaren als Folge dieser Attacke die Macht über die Gebiete Braničevo und Niš vorübergehend verloren haben, was spätestens bis zum Sommer 1203 erhalten blieb. Die aufgetauchten Widerspruche zwischen dem Papsttum und dem ungarischen Hof wurden vom Zaren Kalojan ausgenutzt, der gleichzeitig geschickt die Idee für eine Union zwischen Bulgarien und der Römischen Kirche unterhielt; er organisierte während der zweiten Hälfte des Jahres 1203 eine große Offensive gegen die Ungarn und ihre serbischen Proteges, demzufolge die Gebiete Niš und Braničevo gegen Ende desselben Jahres befreit und der serbische Großzupan Stephan mit bulgarischer Hilfe wiederhergestellt wurde. Der Konflikt mit Ungarn aber wurde auch im folgenden Jahr nicht beglichen. Im Sommer desselben Jahres verzeichneten die Bulgaren neue Erfolge gegen die Ungarn westlich der Morava und befreiten das Gebiet Belgrad. Vom Papsttum, das sich auf die Seite der Bulgaren gestellt hatte, bedrückt, versuchte der ungarische König Emmerich keinen ernsthaften Widerestand zu leisten, demzufolge die bulgarisch-ungarische Grenze weiter nach dem Nordwesten der Balkanhalbinsel verschoben wurde.

 

Dieser Zustand wurde wahrscheinlich bis 1208 erhalten, als die Ungarn, zusammen mit Serben und Lateinern, erneut Bulgarien dessen Zar schon Boril war, angriffen. Als Ergebnis davon besetzten die Madjaren wieder das Gebiet Belgrad. Es ist nicht bekannt, ob Boril versucht hat Widerstand zu leisten, doch wenn solche Versuche unternommen wurden, erwiesen sie sich erfolgslos. Letzten Endes fand sich dieser bulgarische Herrscher mit dem Verlust ab und erhob keine Ansprüche auf das Gebiet Belgrad, trotzdem 1213 Frieden und ein Bündnis zwischen Bulgarien, Ungarn und dem Lateinischen Kaisertum geschlossen wurde; durch Verschwägerung mittels politischer Ehen zwischen diesen Herrscherhäusern wurde das Bündnis zusätzlich gefestigt. Sehr bald war die ungarische Seite gezwungen ihre Loyalität dem Zaren Boril gegenüber zu bezeugen, indem sie aktiv an der Niederdrückung eines Aufstandes gegen ihn, der 1213-1214 in den Gebieten Braničevo und Vidin ausgebrochen war, teilnahm.

 

So endete diese Periode in den bulgarisch-ungarischen Beziehungen, die als strittigstes Thema der gegenseitigen Kontakte die Herrschaft über das Gebiet Belgrad bezeichnet.

 

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Während 1218-1221 wurde zwischen Bulgarien und Ungarn eines der stabilsten politischen Bündnisse geschlossen, das auch durch eine dynastische Ehe zwischen den Asseniden und den Arpaden (die Heirat Ivan II.Asens mit Maria-Anna, der Tochter des Königs Andreas II.) gefestigt wurde. Die Bulgaren bekamen erneut als Mitgift das Gebiet Belgrad. Außerdem wurde

 

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im europäischen Südosten eine bilanzierte Gleichstellung erreicht - Bulgarien hatte die Unterstützung des Papsttums und der Madjaren, die von Byzantinern und Lateinern respektiert wurde; das Kaiserreich Nikaia war auch im Bündnis mit Ungarn, enthielt sich aber aktiver Handlungen auf dem Balkan gegen die Lateiner in Konstantinopel, da es sich gerade von der Position Bulgariens fürchtete. Beachtenswert ist die offensichtliche Abhängigkeit in den Beziehungen Bulgariens den Ungarn, Lateinern und dem Papst gegenüber - das Bündnis mit den Ungarn hatte als Voraussetzung wenigstens eine wohlwollende Neutralität den Franken in Konstantinopel gegenüber und gute Beziehungen zu dem romischen Papst, und umgekehrt.

 

Allem Anschein nach hat das bulgarisch-ungarische Bündnis von 1218-1221 ohne besondere Erschütterungen wenigstens an die zehn Jahre gedauert. Angaben aus ungarischen, päpstlichen und altbulgarischen Quellen lassen uns folgern, daß bis zum 21.Marz 1231 die territorialen Grenzen zwischen beiden Ländern nicht verletzt worden sind.

 

Die vorhandenen schriftlichen Zeugnisse, hauptsächlich aus ungarischen Königsurkunden, erlauben uns einige falsche Ansichten über die Entwicklung und Chronologie der Ereignisse, die zum Bruch des Bündnisses im Jahr 1232 geführt haben, zu korrigieren. Dann nämlich, als Folge eines ungarischen Feldzugs, verloren die Bulgaren das jenseits der Donau gelegene Gebiet Severin, konnten jedoch die Invasoren zurückwerfen, die die Donau wahrscheinlich hinter Severin überquert hatten und Vidin belagerten. Dieses Ereignis erwies sich als Teil des großen Umschwungs in der Außenpolitik Bulgariens während 1231-1235: der Bruch mit der Römischen Kirche und die Wiederherstellung des bulgarischen Patriarchats und damit auch die Umorientierung zu einem Bündnis mit Nikaia (und den Serben) gegen die Lateiner in Konstantinopel.

 

Meiner Meinung nach ist es nach dem bulgarisch-ungarischen Krieg, jenseits und diesseits der Donau, zu einem Waffenstillstand gekommen, der bis zu einem gewissen Grade das politische Bündnis zwischen den beiden Ländern wiederherstellte - die Bulgaren hatten sich scheints mit dem Verlust des Gebiets Severin abgefunden, das Teil des ungarischen Königreichs geworden war; möglich ist, daß die Ungarn ihrerseits mit der Angliederung des südlich des mittleren Strömungsbereichs von Maritza gelegene Gebiet Plovdiv an Bulgarien auf Kosten der Lateiner einverstanden waren; während der ersten Hälfte des Jahres 1235, aber inmitten der Vorbereitungen für die große gemeinsame Aktion von Bulgaren und Nikaiern gegen die Lateiner in Ostthrazien, zogen durch das bulgarische Territorium vollkommen unbehelligt die Dominikanermönche Rikardo und Julian, die, unterstützt vom König Béla IV. und dem päpstlichen Legat Salvius, Bischof von Perugia, sowie mit dem Einvernehmen des Zaren Ivan II. Asen, eine Reise nach Magna Hungaria, zu den Wolgabulgaren, Tataren und Russen

 

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unternommen hatten; trotz des großen Drucks, den Papst Gregor IX. auf Béla IV. während 1235-1236 ausübte, um ihn zu überreden, gegen die Bulgaren Krieg zu führen, sowie danach persönlich an dem vorbereiteten Kreuzzug zugunsten des Lateinischen Kaisertums teilzunehmen, vermochte der ungarische König sich geschickt und diplomatisch aus diesem Vorhaben herauszuhalten und auf jeden Fall einen Konflikt mit Bulgarien zu vermeiden, wie aus seiner Korrespondenz mit dem Papst hervorgeht. Ende 1236 beeilten sich die Kumanen, von den Tataren verfolgt, ein Bündnis mit dem ungarischen König zu schließen, welcher seinerseits sie gegen Bulgarien und Nikaia in Unterstützung der Lateiner richtete. Vielleicht davon beeinflußt, und wahrscheinlich auch wegen der sich immer mehr abzeichnenden Perspektive einer Erstarkung der Positionen Nikaias auf dem Balkan, orientierte sich zu dieser Zeit Bulgarien zur Kündigung des Bündnisses mit den Nikaiern und auf eine Annäherung zu Rom, den Lateinern und Ungarn.

 

Ende 1237 aber trat erneut eine schroffe Verschlechterung in den Beziehungen zwischen Bulgaren und Lateinern, folglich auch zu Rom und den Ungarn, was den Papst veranlaßte Béla IV. zur Organisierung eines Kreuzzuges gegen Bulgarien aufzurufen. Auf die aktive diplomatische Tätigkeit Gregors IX. antwortete der ungarische König mit Schweigen und Tatenlosigkeit. Nicht nur daß er an dem Kreuzzug zur Unterstützung der Lateiner nicht teilnahm, er hielt ihn faktisch auf, um nicht in einem Krieg gegen Bulgarien verwickelt zu werden.

 

Gegen Ende des Jahres 1239 war das Bündnis der Bulgaren mit Ungarn und Lateinern wieder hergestellt worden; es hat auch sicherlich während 1240-1241 existiert, denn als Resultat davon mußte Ivan II. Asen den Durchzug der Armee der Kreuzritter zur Unterstützung der Lateiner gegen Nikaia sichern. Vielleicht war eine der Ursachen für diese neue Wende die immer spürbarer werdende Tatarengefahr - wahrscheinlich wurde zwischen Ungarn, Kumanen und Bulgaren ein allgemeines Abkommen für gemeinsame Verteidigungshandlungen gegen die angreifenden Tataren erreicht. Zur Unterstützung dieser Vermutung sprechen einige Tatsachen: Anfang 1241 wurden zwischen Bulgarien und Ungarn erfolgreiche diplomatische Verhandlungen durchgeführt; ein Teil der Kumanen, der sich zu dieser Zeit in Ungarn niedergelassen hatte, siedelte ein wenig später in den nordwestlichen bulgarischen Gebieten über; die Mitteilung des Philippe Mouskes von dem Sieg des bulgarischen Herrschers über einen Teil der Tataren, wahrscheinlich deren südlicher Flügel, welcher durch die Walachei, die damals Teil der bulgarischen jenseits der Donau gelegenen Besitztümer war, nach Ungarn vorrückte.

 

Das Bündnis zwischen Bulgaren und Ungarn dauerte zweifellos auch bei dem Nachfolger des Zaren Ivan II. Asen - Kaliman I. Asen (1241-1246)

 

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weiter. Es kann nicht unbeachtet bleiben, daß der Thron gerade für einen Sohn aus der ersten Ehe Ivan II. Asens mit der Ungarin Maria-Anna, die seit 1237 nicht mehr unter den Lebenden war, gesichert wurde; ihr Platz in der Zarenfamilie und im bulgarischen politischen Leben war von Irene Komnenos eingenommen worden, die zweifellos große Ansprüche auf die Thronfolge zugunsten ihres Sohnes Michael hatte. Wie dem auch sei, eine entscheidende Rolle bei der Thronbesteigung Kalimans I. Asen hat, meiner Meinung nach, jener Teil des Adels und hohen Geistlichkeit gespielt, der für eine neutrale und balancierte Außenpolitik und dennoch für engere Beziehungen mit Ungarn, dem Papsttum und den Lateinern orientiert war. Einige ungarische Urkunden zeugen von einer aktiven diplomatischen Tätigkeit mit Bulgarien während der Zeitspanne 1242-1244. Gerade zu dieser Zeit begann Ungarn, sich allmählich nach den Verwüstungen seiner östlichen und südlichen Gebiete durch die Tataren zu erholen. Unter der Ägide des Papsttums bereiteten die Madjaren ein starkes Bündnis gegen die Tataren vor, wobei sie besonders bemüht waren, Bulgarien und Epiros als Gegenwirkung für die schon formierte Koalition der Nikaier mit dem deutschen Kaiser Friedrich II. Hohenstaufen zu gewinnen. Ein ernsthaftes historisches Zeugnis für die Rolle Bulgariens in dem europäischen Südosten zu dieser Zeit ist der Brief des Papstes Innozenz IV. an den Zaren Kaliman I. vom 21.März 1245 - ein Beweis für die anwachsenden Kontakte zwischen ihnen und für die gesamte bulgarische Außenpolitik, die sich immer mehr nach dem Westen orientierte (nach engeren Beziehungen mit Rom, den Ungarn und Lateinern).

 

Zur selben Zeit (1245-1246) erwiesen sich die meisten Schichten der bulgarischen Gesellschaft in zwei fundamentale und gegensätzliche politische Gruppen, oder in zwei einander bekämpfende Parteien geteilt, die sich bis dahin in einem relativ stabilen Gleichgewicht befunden hatten. Meiner Meinung nach, war die erste um den legitimen Zaren Kaliman I. Asen konzentriert und wurde allem Anschein nach vom Sebastokrator Alexander, dem Onkel des Zaren, und später von seinem Sohn Kaliman (II.) angeführt. Diese Gruppierung war für eine prounitarische, prolateinische, proungarische und überhaupt prowestliche Orientation in der Außenpolitik Bulgariens, d.h. sie hatte ein Bündnis mit dem Papsttum, den Ungarn und denLateinern gegen Nikaia und den Tataren zum Ziel. Die zweite Gruppierung formierte sich um die Witwe Ivan II. Asens - Irene Komnenos, ihren Sohn Michael und wahrscheinlich den Patriarchen Joakim I. Sie war für eine kontraunitarische, kontralateinische, kontraungarische und überhaupt kontrawestliche Orientation der Außenpolitik Bulgariens, für ein Bündnis mit Nikaia für die Wiederherstellung des Byzantinischen Kaiserreichs, d.h. mit anderen Worten, sie zog Bulgarien nach dem Osten zur Stärkung der Orthodoxen Kirche, der militärpolitischen und geistigen Gemeinschaft mit Griechen, Serben und Russen.

 

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Bis zum Tod des Patriarches Joakim I. am 18.Januar 1246, der nach dem Apostelbrief'des Papstes an den Zaren zur Wiederherstellung der Union erfolgt war, bestand zwischen beiden Tendenzen offensichtlich ein Gleichgewicht und Ausgleich der Kräfte. Der vakante Patriarchenthron wurde von Vissarion eingenommen, der prounitarischer Gesinnung war und die Waage anscheinend zugunsten der ersten Gruppierung neigte. Vielleicht zwang das seine Gegner schneller und resoluter zu handeln - im September 1246 wurde Kaliman I. wahrscheinlich gewaltsam vom Thron beseitigt, wenig später erlitt Patriarch Vissarion dasselbe Schicksal. Nach ihnen wurde auch allen Anhängern der feindlichen Gruppierung die Möglichkeit entnommen an der Regierung reell teilzunehmen; unter ihnen waren sicherlich der Sebastokrator Alexander (wenn er noch unter den Lebenden war) und sein Sohn Kaliman. Die nachfolgende Inthronisierung von Michael II. Asen, bei welcher seine Mutter Irene Komnenos sicher eine wichtige Rolle gespielt hat, bekam auf diese Weise den Charakter eines Staatsstreichs. Von diesem Moment an nimmt man eine tiefgreifende Veränderung in der Außenpolitik Bulgariens wahr - eine stabile Orietierung auf ein Bündnis mit Nikaia gegen Lateiner und Ungarn.

 

Die verhängnisvollen Folgen für Bulgarien von diesem fundamentalen Umschwung in seiner außenpolitischen Orientierung äußerten sich im selben Jahr 1246. Gleich nachden die Nikaier über den Wechsel in der Reichsregierung informiert waren, entrissen sie ziemlich leicht große Teile von dessen Territorium in Mazedonien und Thrazien. Gegen diese schweren Verluste unternahm die neue bulgarische Regierung nicht nur keine Gegenhandlungen, sie stellte sogar den Invasoren zur Unterstützung gegen die Lateiner in Ostthrazien im folgenden Jahr 1247 Militäreinheiten zur Verfügung.

 

Natürlich wurde diese ganze Entwicklung in Bulgarien von den Ungarn feindlich aufgenommen - faktisch hatte der Staatsstreich ihren Verwandten Kaliman I. von dem bulgarischen Thron beseitigt und zusammen mit ihm auch die Familie Sebastokrator Alexanders, die sicherlich auch in verwandtschaftliche Beziehungen mit der regierenden Dynastie der Arpaden stand. Besonders scharf aber reagierte Ungarn auf die unverborgene kontralateinische Politik der neuen bulgarischen Regierung. Es ist schwer zu sagen, wer als erster begonnen hat, aber von 1246 bis 1252 berichten die Quellen über einen ernsthaften Konflikt zwischen Bulgarien und Ungarn. Die Kriegshandlungen zwischen den beiden Ländern wurden vorwiegend in den jenseits der Donau gelegenen Gebieten Severin und Oltenien ausgetragen, wobei in Unterstützung der Ungarn gegen Bulgarien auch die Ritter des Johanniterordens (Krankenpfleger) und die Lateiner aus Konstantinopel kämpften. Danach konzentrierten die Ungarn ihre Aufmerksamkeit auf

 

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die Eroberung des Gebiets Belgrad, parallel mit ihren Handlungen im benachbarten Bosnien, und realisierten dieses Vorhaben bis Ende 1252.

 

Meiner Meinung nach wurde Anfang 1253 zwischen Bulgarien und Ungarn der Frieden wieder hergestellt, der außer daß er die territorialen Streitigkeiten (Westoltenien und Belgrad zugunsten der Madjaren) schlichtete. auch die zukünftigen gemeinsamen Ziele und Richtungen in der Außenpolitik als Ausgleich zu der sich bildenden Koalition zwischen Nikaia, Serbien und den Tataren reglementierte. Es ist möglich, daß. um den Preis der entfallenen Territorien, die Bulgaren auch Unterstützung beim Aufhalten der eindringenden Nikaier und Serben in Mazedonien und zur Herstellung von engeren Kontakten mit Dubrovnik auf Kosten der Serben bekommen haben.

 

Gleich nach dem Friedensvertrag zwischen Bulgarien und Ungarn begannen die Madjaren eine Aktion gegen die Serben, die zur Stärkung ihres Einflusses in Bosnien führte und endgültig das Banat Macsó formierte. Den Bulgaren gelang es sich auf antiserbischer Grundlage mit Dubrovnik zu vereinbaren; sie begannen vom folgenden Jahr 1254 an aktive Militärhandlungen gegen den serbischen König Stephan Uros durchzuführen. Am Ende des selben Jahres 1254 organisierten sie, offensichtlich auf ihr Bündnis mit Ungarn und Dubrovnik gestützt, einen erfolgreichen Vorstoß gegen die Besitztümer der Nikaier in Thrazien und den Rhodopcn. Ein eigenartiger Höhepunkt in den bulgarisch-ungarischen Beziehungen ist die indirekte Verschwägerung des Zaren Michael II. Asens im Jahr 1255 mit der Dynastie der Arpaden - seine Heirat mit der Tochter des Bans von Macsó Rostislav Michajlović und Anna Ärpäd, der Tochter des ungarischen Königs Béla IV. So wurde der ehemalige russische (galitzische) Fürst, in seiner Eigenschaft als ungarischer Ban und Schwiegersohn des ungarischen Königs, Schwiegervater des bulgarischen Herrschers und faktisch sein eigentlicher Vormund, der sich offensichtlich mit der gründlichen Formierung der gegen Nikaier, Tataren und Serben und für Erhaltung des Lateinischen Kaisertums in Konstantinopel gerichteten bulgarischen Außenpolitik annahm.

 

Bekannt sind die bulgarischen Niederlagen als Folge der Angriffe der Nikaier während 1255-1256 und die Unterzeichnung des sg. Friedens von Regina, dessen für die Bulgaren ungünstige Klauseln durch die Vermittlung des Rostislav Michajlović vereinbart wurden. Mir scheint aber, daß dieser nicht vorher von den Nikaiern bestochen worden ist. Das hätte seiner grundlegenden außenpolitischen Linie Bulgarien gegenüber widersprochen, die er als ungarischer Ban, königlicher Schwiegersohn und Schwiegervater des Zaren einzuhalten hatte - Vereinigung der Kräfte von Ungarn, Lateinern und Bulgaren gegen Nikaia.

 

Blockiert durch das politische Bündnis zwischen dem Ban von Macsó und dem Zaren Michael 11. Asen, war die Opposition im Lande schon unter der Führung des Sohnes von Sebastokrator Alexander - Kaliman. Er

 

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gelang bald zu der Einsicht, daß die neue verhängnisvolle Verbindung mit Nikaia aufgrund des schmachvollen Vertrags von Regina, ein guter Grund war, einen entscheidenden Gegenschlag zu versetzen. Seine Handlungen waren wirklich erfolgreich, doch nur am Anfang - Michael II. Asen wurde von seinem Vetter ermordet, der sich danach beeilte nicht nur seinen Thron, sondern auch seine Frau zu nehmen. Auf diese Weise deklarierte er nicht nur seine legitimen Ansprüche auf die Krone, da er der letzte mannliche Nachkomme der Aseniden war, sondern auch seine außenpolitische Orientation - Bündnis mit den Ungarn, durch sie mit den Lateinern und eventuelle Wiederherstellung der Union mit der Römischen Kirche. Deshalb war die von Rostislav Michajlović organisierte Militärexpedition von Macsó. Ende 1256 in Wirklichkeit nicht gegen, sondern als Unterstützung für den neuen Herrscher in Târnovo - Kaliman II. gedacht. Doch die Hilfe kam zu spät - spätestens 1257 war der bulgarische Zar gezwungen seine Hauptstadt zu verlassen, worauf er von seinen Gegnern getötet wurde. Letztere beeilten sich Konstantin Tich zum Prätendenten zu erheben und ihn nicht unbedingt mit der Dynastie der Asseniden, sondern mit dieser der Laskariden in Nikaia durch ein stabiles politisches Bündnis und einen Ehevertrag zu verbinden.

 

In diesem Moment tritt auf die historische Szene Bulgariens die Person Mytzos, was entschieden auf die Beziehungen der Bulgaren mit Ungarn, Lateinern und Venezianern reflektieren sollte. Er proklamierte sich zum Zaren nach der Ermordung Kalimans II. wahrscheinlich mit Hilfe von Rostislav Michajlović; obwohl er hauptsächlich in Großpreslav residierte, kontrollierteer im Laufe von einigen Jahren (1257-1261) einen großen Teil des bulgarischen Territoriums. Zar Mytzo war ein offener Feind der Nikaier und wurde von Venezianer und Lateiner, und zu bestimmten Zeitpunkten sicherlich auch von Ungarn und dem Papsttum unterstützt.

 

Meiner Meinung nach kann man annehmen, daß während 1254-1256 Mytzo, dessen richtiger Name von der Form Milco (Michael) abstammte, nicht Maria, die Schwester Michaels II., sondern Tamara, die Schwester Kalimans I. und Tochter Ivan II. Asens und dessen Frau, der Ungarin Maria-Anna, geheiratet hat. Das veranlaßte ihn, nach der Ermordung Kalimans II., des letzten männlichen Vertreters der Asenidendynastie, Ansprüche nicht nur auf die bulgarische Krone, sondern auch auf die politische Linie der Gruppierung, die bis dahin von den mit Ungarn liierten Verwandten Asens geleitet wurde und gegen Nikaia, prolateinisch und prounitarisch gerichtet war, zu erheben. Das war eine Voraussetzung für Militärunterstützung von Seiten der Lateiner und Venezianer, die auf Kosten des pronikaisch gesinnten Prätendenten Konstantin Tich im Jahr 1257 Messembria eroberten und sie Mytzo übergaben. Nachdem Rostislav Michajlović als Ban von Macsó eine Vereinbarung im selben Jahr auch zugunsten Mytzos (als indirekter Verwandter) erreicht hatte, glaube ich, daß Ungarn in der Person

 

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des "jungen Königs" Stephan V., seine weiteren Kriegshandlungen auf dem Balkan konzentriert hat nur um Mytzo (Herzog Michael, Verwandter) als Hauptprätendenten für die bulgarische Krone zu unterstützen - ein Bündnis, das bis zu einem gewissen Grade bis 1262 fortdauerte.

 

Diese Unterstützung Ungarns für Mytzo, die eigentlich auch für die Lateiner in Konstantinopel, sowie gegen Konstantin Tich und die ihn unterstützenden Nikaiern war, wird auch von ungarischen Königsurkunden in lateinischer Sprache illustriert. Es setzen sich aber immer noch einige falsche Datierungen und Interpretationen durch.

 

Die Aktion des Rostislav Michajlović im Jahr 1257 muß man nicht nur nach der Tatsache, daß der Ban von Macsó sich den Titel "imperator Bulgarorum" beigegeben hatte, bewerten - das ist nur einmal bestätigt und kann dabei nur schwerlich genau datiert werden. Ich glaube, daß man diesen Titel Rostislavs nicht so sehr als Anspruch auf die bulgarische Krone akzeptieren muß, sondern eher als eine Bestätigung seiner Herrschaft über bulgarische Territorien - immerhin umfaßte das Banat Macsó mit Sicherheit auch das Gebiet Belgrad und nach 1257 vielleicht auch das Gebiet Braničevo. Doch diese ihrem Wesen nach ungarische Operation, die als Unterstützung für Kaliman II. begonnen hatte und zugunsten Mytzos beendet wurde, blieb nicht isoliert, es folgten auch andere Aktionen der Madjaren.

 

Nach ungarischen Quellen wurde 1257-1259 eine Militärexpedition an der Spitze mit dem Magister Csak durchgeführt, die sicherlich auch als Unterstützung für Mytzo gegen den Verbündeten Nikaias, den Prätendenten Konstantin Tich vorgesehen war. Es ist kein Zufall, daß gerade während dieser Periode Mytzo Übermacht gewonnen hatte im Bürgerkrieg gegen Konstantin Tich, welcher in einem kritischen Moment sich mit Mühe und Not in Stanimaka (Asenovgrad) mit Hilfe der dortigen nikaischen Besatzung retten konnte.

 

Aufgrund einer sorgfältigen Analyse griechischer, ungarischer und anderer westlicher Quellen, kann man definitiv behaupten, daß Ungarn, Österreicher, Bulgaren und Serben im Jahr 1259 nicht teilgenommen haben an der entscheidenden Schlacht bei Pelagonien (Bitola) an der Seite der Paläologen gegen die Koalition des Despoten von Epiros mit dem König von Sizilien und den lateinischen Fürsten von Attika und Peloponnes. Meiner Meinung nach betreffen die Angaben aus den ungarischen Quellen die Ereignisse von 1261, als die Ungarn kombinierte Militäraktionen gegen Konstantin Tich und Michael Paläologos mit der Unterstützung von Mytzo und Jakob Svetoslav unternehmen konnten. Gegen Ende des Jahres 1261 oder spätestens 1262 aber erführen die Beziehungen zwischen Konstantin Tich und Byzanz einerseits, sowie zwischen Mytzo und Michael VIII. Paläologos anderseits eine gründliche Veränderung. Nach dem Mißerfolg der ungarischen Aktion und dem Fall des Lateinischen Kaisertums, zog sich Mytzo in

 

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Messembria zurück und begann zur Zeit der Kriegshandlungen, die mit Gewißheit im Jahr 1262 datiert werden können, Verhandlungen mit den Byzantinern. übergab ihnen die Stadt und reiste dann nach Konstantinopel ab.

 

Die andere handelnde Figur in Bulgarien - Jakob Svetoslav, mit welchem die Ungarn spätestens 1261 Kontakte aufgenommen hatten, machte auch eine Wendung in seinen Beziehungen mit den Ungarn. Ende 1264 hat er wahrscheinlich im Bündnis mit den Tataren Konstantin Tich gegen Byzanz unterstützt; ein Jahr später (1265), den Bürgerkrieg in Ungarn ausnutzend. unternahm der Despot eine Militäraktion gegen das Banat Severin. Das war auch der ausschlaggebende Anlaß für Stephan V., nach Einstellung der inneren Unruhen im Reich, seinen ernsthaftesten Feldzug gegen Bulgarien zu unternehmen. Dieser war gegen Jakob Svetoslav, als auch gegen Konstantin Tich gerichtet - im Jahr 1266 eroberten die Madjaren Vidin, die Truppen des Bans Gregorius - Orjachovo, diese des Bans Panit - Plevcn, und sehr wahrscheinlich erreichte auch zu dieser Zeit der Magister Ägidius Târnovo.

 

Meiner Meinung nach erwies sich Bulgarien nach dem Feldzug des Königs Stephan V. im Jahr 1266 faktisch in zwei Reiche geteilt - das des Jakob Svetoslavs, welcher ungeachtet der nachfolgenden politischen (doch nicht vasallischen) Abhängigkeit von den Ungarn, sich als "Zar" betitelte und von ihnen offiziell als "imperator Bulgarorum" mit einer Residenz wahrscheinlich in Vidin anerkannt worden war; gleichzeitig fuhr in Târnovo Konstantin Tich fort zu herrschen. In der Zeitspanne 1266-1272 erkannten die Ungarn nur die Herrschaft Jakob Svetoslavs an, d.h. sie akzeptierten als ihren Verbündeten das Reich Bulgarien, doch damit meinten sie offensichtlich nur sein Königreich Vidin. Stephan V. war bestrebt mit ihm als Verbündeten gute Beziehungen zu unterhalten. Bulgaren, wahrscheinlich Untertanen des Herrschers in Vidin, nahmen in Unterstützung der Ungarn erneut Teil an den Kriegshandlungen gegen den tschechischen König, und bei der Unterzeichnung des nachfolgenden Friedensvertrags mit Ottokar II. in Preßburg am 2Juli 1271 war auch Jakob Svetoslav als offizieller Verbündeter des ungarischen Königs zugegen. Allem Anschein nach blieb dieser Stand der Dinge unverändert bis zum Tode Stephans V. im Jahr 1272.

 

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Nach 1272 traten in den nordwestlichen bulgarischen Ländern, die das Banat Macsó umfaßte (die Gebiete Belgrad und Braničevo) einige Veränderungen ein, die aber mehr einen Verwaltungs- und Personalcharakter hatten und die ungarische Macht dort im großen und ganzen bis 1289 nicht verletzten. Eigentlich war das Gebiet Belgrad endgültig für Bulgarien verloren, und nach ungarischen Quellen, wurde das Gebiet Braničevo, das sein

 

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Verwaltungszentrum in die Festung Kučevo versetzt hatte, sicherlich auch von einem ungarischen Ban verwaltet.

 

Bis 1274 führ Jakob Svetoslav fort ungarischer Verbündeter zu sein; als solcher wurde gerade er, und nicht der Zar von Târnovo Konstantin Tich, von Charles d'Anjou in sein Vorhaben eine breite Koalition gegen Byzanz zu bilden, herangezogen. Dann aber begann man im Verhalten Jakob Svetoslavs eine sichtbare Veränderung wahrzunehmen - er distanzierte sich von der Politik der engeren Beziehungen zu Ungarn und dem König von Neapel zugunsten einer Annäherung zu Târnovo, was spätestens 1277 zu seiner Beseitigung geführt hat. Danach erkannte das Gebiet Vidin die Herrschaft des Zaren Ivajlo (1277-1279) an und widersetzte sich den Byzantinern, die mit Gewalt auf dem bulgarischen Thron ihren Günstling Ivan III. Asen (1279-1280) erhoben.

 

Nach dem Ende des Bürgerkrieges in Bulgarien, als sich an der Spitze des Landes Georg I. Terter (1280-1292) behauptete, traten in seiner territorial-politischen Lage auch wichtige Veränderungen ein - das Gebiet Vidin geriet unter der Verwaltung Šišmans, und das Gebiet Braničevo schüttelte die Gewalt Ungarns ab und kam unter der Herrschaft der Brüder Dorman und Kudelin. Interessant ist der Umstand, daß die vier neuen Persönlichkeiten. die die Oberherrschaft über die Bulgaren in ihre Hände genommen hatten - in Târnovo, Vidin und Ždrelo - kumanischer Abstammung waren. Meiner Meinung nach ist es nicht ausgeschlossen, daß einige von ihnen, besonders die Herrscher von Braničevo, irgendwie mit dem Aufstand der Kumanen gegen König Ladislaus IV. verbunden gewesen sind; die Aufständischen erlitten beim See Hod eine Niederlage, worauf sie sich in Richtung Sirmium, Macsó und der Walachei zerstreuten.

 

Die Ereignisse um die Zusammenstoße der beiden Brüder im Gebiet Braničevo mit Ungarn und Serben während der achtziger und am Anfang der neunziger Jahre des 13.Jh. zeigen, daß ihre Handlungen dem Wesen nach gegen die ungarische Herrschaft im Banat Braničevo, sowie wenig später gegen den ungarischen Einfluß in Macsó gerichtet waren. Ihre direkten Zusammenstöße mit den Truppen Dragutins, und später mit diesen Milutins, waren nur ein Mittel, um ihr hauptsächlichstes Ziel zu erreichen - Unabhängigkeit vom ungarischen Königreich selbst um den Preis einer Abhängigkeit von den Tataren. 1291 wurde das Gebiet Braničevo mit Hilfe der Serben dem ungarischen Vasallgebiet Macsó einverleibt.

 

Auf fast gleicher Weise entwickelten sich die Ereignisse während des folgenden Jahres 1292, als der Herrscher von Vidin Šišman mit Hilfe der Tataren versuchte das Gebiet Braničevo zu erobern und gegen Ždrelo vorzustoßen. Dieser Feldzug verlief nicht nur erfolglos, er führte sogar zur Eroberung des ganzen Gebiets Vidin von den serbischen Truppen des Königs Milutin. Šišman wurde erneut in Vidin eingesetzt nachdem sich der

 

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Tatarenkhan eingemischt hatte, doch dieses Mal war das Gebiet Braničevo endgültig für Bulgarien verloren und wurde dem Banat Macsó einverleibt.

 

Schwieriger ist festzustellen welche Beziehungen zwischen dem Königreich Ungarn und dem Zaren von Târnovo Georg I.Terter bestanden haben, da direkte Angaben dafür fehlen. Dennoch läßt die gesamte Außenpolitik und einige speziellen Merkmale seiner Beziehungen zu den Westmächten annehmen, daß dieser Herrscher ein gutes, oder wenigstens neutrales Verhältnis zu Ungarn hatte.

 

Es fehlen weitere Angaben, wenngleich auch indirekte, über die Entwicklung der bulgarisch-ungarischen Beziehungen bis Anfang des 14.Jh. Zu dieser Zeit ging die Dynastie der Arpaden ihrem Ende zu, gleichzeitig erlahmte bedeutend die Königsmacht, da sie immer mehr ein Objekt der Verfolgung seitens innerer und auch äußerer Kräfte geworden war. Vielleicht war gerade diese Vernachlässigung der Verpflichtungen Ungarns gegenüber der Balkanhalbinsel die Ursache für einen leichteren Wechsel in der Regierung von Târnovo am Anfang des 14.Jh.

 

Nach einer zeitgenössischen Quelle in lateinischer Sprache nahmen 1304 im Kampf um die "ungarische Erbfolge" an der Seite Karl Roberts, der von Österreichern und Deutschen gegen die Tschechen unterstützt wurde, auch Bulgaren teil, wahrscheinlich aus dem Gebiet Vidin, das von Šišman verwaltet wurde. Es scheint, daß dieser sich weiterhin für die inneren Auseinandersetzungen in Ungarn interessierte, wenigstens bis 1307 im Zusammenhang mit den Ereignissen in Transsylvanien um den Prätendenten Otto von Bayern.

 

Eine Reihe von indirekten Angaben geben das Recht anzunehmen, daß während einer kurzen Zeitspanne (1306-1307) das Reich von Târnovo des Theodor Svetoslav, das Gebiet Vidin der Šišmanen und das Königreich Ungarn ein und demselben Lager angehört haben - die Koalition gegen Byzanz an der Spitze mit Charles de Valois, an welcher Venezianer, Katalanen, Serben, Armener, sowie einige angesehene Vertreter des byzantinischen Adels teilnahmen. Doch nach deren Mißerfolg im Jahr 1308 (und nachdem Karl Robert seinen Thron gefestigt hatte) entstanden erneut zwischen Madjaren einerseits und Serben und Bulgaren (Milutin, Dragutin, Šišman und Theodor Svetoslav) anderseits feindliche Beziehungen.

 

Man nimmt an, daß noch während 1309 die Serben Dragutins Militäraktionen gegen jene ungarischen Territorien vorgenommen haben, die die Herrschaft des neuen Königs Karl Robert anerkannt hatten. Seit Anfang 1313 schloß sich dem Krieg gegen Ungarn auch der serbische König Milutin an; möglich ist, daß der neue Herrscher in Vidin - der Despot Michael Šišman Asen - an der Seite der Serben daran teilgenommen hat zusammen mit seinen traditionellen Verbündeten, die resp. traditionelle Feinde der Madjaren waren - die Tataren und Walachen. Das bestimmte im Prinzip das

 

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negative Verhältnis der ungarischen Dynastie d'Anjou zu den Serben und zu jenen, die sie unterstützten - vorwiegend Bulgaren, Walachen und Tataren (und nachfolgend auch Türken) für Jahrzehnte im voraus.

 

Während 1314 gelang es Dragutin sich mit Karl Robert auszusöhnen und gleichzeitig bis zu seinem Tode 1316 friedliche Beziehungen mit seinem Bruder Milutin zu unterhalten. Deshalb kann man annehmen, daß zwischen Ungarn einerseits und die Serben Milutins, sowie der mit ihnen eng verbundene Despot von Vidin, anderseits, auch Frieden geherrscht hat. Die Lage veränderte sich von Grund aus nach dem Tod Dragutins - spätestens Anfang 1317 wurde das Gebiet Macsó dem Königreich Serbien einverleibt.

 

Nach einem ausschließlich interessanten Dokument der ungarischen Königskanzlei aus dieser Zeit hat sich während 1316-1317 der Despot von Vidin Michael Šišman direkt in den inneren Auseinandersetzungen der Madjaren eingemischt; er unterstützte mit seinem Heer den Ban von Severin Theodor aus dem Geschlecht Csanad, der sich gegen den ungarischen König erhoben hatte. Doch die Truppen Karl Roberts besiegten die Rebellen und die sie unterstützenden Bulgaren in der Schlacht bei der Festung Mychald (heute Mechadia in Rumänien), wobei sie sogar den Sohn des Bans - Joannes gefangennahmen. Doch sein Mitkämpfer Iwan der Russe (Iwan dictus Oroz) konnte sich, zusammen mit dem unversehrten bulgarischen Heer auf Michael Šišmans Territorium, das sicherlich einen Teil des Banats Severin und die heutige Walachei umfaßte, retten. Danach hat dieser Iwan der Russe offensichtlich eine gute Aufnahme in Vidin erhalten, da er es zu einer hohen Stellung als Heerführer und Diplomat brachte, besonders nach 1323, als sein neuer Gönner bulgarischer Zar geworden war.

 

Gegen 1319-1320 verlor der serbische König den Krieg gegen die Madjaren, die endgültig ihre Macht über Belgrad und dem Gebiet Macsó herzustellen vermochten. Man kann schwerlich sagen, ob sich das konkret auf die Position des Despoten von Vidin ausgewirkt hat, da er ein Näher Verbündeter des serbischen Königs gewesen war. Es ist möglich, daß als Resultat dieses wichtigen Sieges Karl Roberts die Bulgaren aus dem Gebiet Severin verdrängt wurden und einen Teil ihres Einflusses auf die Walachei, deren Woiwode kumanischer Abstammung Bassarab sich zum ungarischen Vasallen erklärt hatte, verloren haben.

 

Kurz nach dem Tode Milutins, gegen Ende des Jahres 1321 brachen in Serbien innere Unrühen um die Erbfolge aus, wobei die einzelnen Prätendenten versuchten sich auch auswärtige Unterstützung zu sichern. Michael Šišman hat sich wahrscheinlich für seinen Favoriten Konstantin erklärt, was ihn dem anderen Sohn Stephan Decans entgegenstellte und damit auch mit dem von den Ungarn unterstützten Vladislav, dem Sohn ihres ehemaligen Vasallen Dragutin, konfrontierte. Diese These wird auch von einer

 

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ungarischen Urkunde bestätigt, die über Militärhandlungen gegen Bulgarien in einem Moment berichtet, als auf dem Thron in Târnovo schon der ehemalige Despot von Vidin saß.

 

Nach Angaben aus der erwähnten Quelle haben die Madjaren von Mychald "die Festung. Guren genannt, die sich in Bulgarien unter der Herrschart des Despoten oder Herrschers von Târnovo befand" angegriffen, da seine Truppen oft Angriffe unternahmen und große Schäden anrichteten. Meiner Meinung nach können diese Ereignisse während der ersten Hälfte des Jahres 1324 datiert werden. Begründung dafür gibt uns der Umstand, daß die Urkunde eine Andeutung über ein Bündnis oder gemeisame Handlungen der Bulgaren mit dem walachischen Woiwoden Bassarab, dem serbischen König und den Tataren enthält.

 

Es fehlen konkrete Angaben darüber wie sich später der bulgarisch- ungarische Konflikt entwickelt hat, doch man könnte indirekt schließen, daß er kaum zugunsten der Bulgaren beendet wurde. Der Streit um das Gebiet Severin mußte zwischen Madjaren und Walachen ausgetragen werden, wobei letztere, unter der Führung des Woiwoden Bassarab, immer hartnäckiger ihre Ansprüche auf dieses Territorium erhoben. Als Folge verlor Bulgarien endgültig Kontrolle über das Gebiet Severin, das erneut unter ungarischer Herrschaft geriet. Das alles aber löste nicht, sondern vertiefte noch mehr den Konflikt zwischen dem Ungarischen Königreich und Bulgarien, was sich letzten Endes negativ auf die bulgarische Außenpolitik auswirkte und indirekt zu der Katastophe bei Velbäzd führte.

 

Die offen ausgesprochene proserbische Orientation des Zaren Ivan Stephan (1330-1331) gibt den Anlaß zu glauben, daß der negative Charakter der bulgarisch-ungarischen Beziehungen erhalten blieb. Trotzdem er auf dem bulgarischen Thron durch einen Staatsstreich gekommen war, änderte der neue Herrscher Ivan Alexander (1331-1371) die außenpolitische Orientation des Landes in nordwestlicher Richtung nicht. Die meisten Angaben über die Ereignisse haben einen indirekten Charakter, doch ihre aufmerksame Untersuchung führt zu der Schlußfolgerung, daß die Feindseligkeiten in den bulgarisch-ungarischen Beziehingen während der ganzen Periode seiner Regierung erhalten blieben und logisch zum Ausbruch des Krieges zwischen den beiden Ländern während 1365-1369 geführt haben. Anderseits bestand weiterhin zwischen beiden Seiten mit Sicherheit eine gemeinsame Grenze und wurde wahrscheinlich von 1325-1365 unverändert erhalten, wobei sie hauptsächlich die Donau hinab von Orsova wenigstens bis Vidin verlief.

 

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Im Jahr 1354 verzeichneten die Osnianen den Anfang ihrer dauerhaften Anwesenheit in Europa, nachdem sie im Frühling desselben Jahres die außerordentlich wichtige Festung Galipoli eroberten und dort türkische Kolonisten ansiedelten. Am meisten bedroht von ihren Handlungen erwisen sich die benachbarten Bulgarien und Byzanz. Doch diese zwei Länder waren durch innere Gegensätze zerrissen, ihre Vereinbarungen mit Venezianern und Genuesen unsicher und sehr oft nicht in ihrem Interesse; noch dramatischer erwiesen sich die Kämpfe um Macht inmitten der herrschenden Bojaren um die Erbfolge Stephan DuSans; die einzige stabile Macht im europäischen Südosten - das Ungarische Königreich Ludwigs I.des Großen erwies sich von der Idee besessen seine südlichen Randgebieten zurückzuerobern und war unfähig die nahende schreckliche Gefahr, die ihm von Seiten der Türken drohte, zu erkennen.

 

Als Höhepunkt brach, angesichts der nach Thrazien vorstoßenden Türken, im Jahr 1364 zwischen dem Reich von Târnovo und Byzanz der letzte Krieg um die Herrschaft über die Schwarzmeerküste südlich des Balkans aus. Meiner Meinung nach kann man entschieden behaupten, daß der Konflikt durch die Einbeziehung der Türken als bestimmender Faktor zwischen Bulgarien und Byzanz entbrannt war. Daran trug die Schuld im konkreten Fall die bulgarische Seite.

 

Bei diesem Stand der Dinge begann im Frühling 1365 der Feldzug des Königs Ludwig I. gegen Bulgarien, dem die Besetzung des Reichs von Vidin von Seiten der Ungarn folgte. Trotzdem letzten Endes die madjarische Aktion keine prinzipielle Rechtfertigung hatte, glaube ich, daß sie nicht als Selbstzweck betrachtet werden darf. Wenn man auch keine endgültige Antwort geben kann, ob die Handlungen des ungarischen Königs vom Gesichtspunkt der türkischen Gefahr aus gerechtfeitigt waren, kann man annehmen, daß gerade das bulgarisch-türkische Bündnis, hauptsächlich gegen Byzanz gerichtet, vielleicht als casus belli gedient hat.

 

Im Winter 1365-1366 unternahm der byzantinische Kaiser Joannes V. eine Reise nach Buda, um mit dem ungarischen König über gemeinsame Handlungen gegen die Türken auf dem Balkan zu verhandeln. Zu ihnen gesellte sich von Seiten des Westens faktisch nur der Graf von Savoyen Amedeus VI. Die Rückfahrt Joannes V. von Buda die Donau hinunter zum Schwarzen Meer traf zeitlich mit der Abfahrt der Flotte von Savoyen nach Konstantinopel zusammen. Nach Vidin wurde die weitere Fahrt des Kaisers durch feindliche Handlungen Ivan Alexanders verhindert, welcher, nach Angaben aus ungarischen Quellen, erneut die Türken zur Hilfe gerufen hatte.

 

In den ungarischen Königsurkunden findet man interessante Einzelheiten über die Anwesenheit der Madjaren im Gebiet Vidin während 1366,

 

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sowie über die Entwicklung der Kriegshandlungen gegen das Reich von Târnovo und die mit ihm verbündeten Türken. Wahrscheinlich verliefen die Kämpfe zwischen den beiden Seiten mit verschiedenem Erfolg, doch den Ungarn gelang es die wichtige Festung Feyervar (Belogradčik) zu behalten. Ungünstig für das Reich von Târnovo endete auch die große Flottenexpedition des "Grünen Grafen", an welcher auch ungarische Ritter teilgenommen hatten.

 

Während 1367 gelang dem Zaren Ivan Alexander ein diplomatischer Durchbruch in der feindlichen Umkreisung von Madjaren, Savoycrn und Byzantinern, besonders bei letzteren, wenngleich zu einem unbegreiflich hohen Preis. Der Zar war geneigt für die Rückeroberung Vidins Varna zu opfern, selbst nachdem die Savoyer die Stadt nicht hatten erobern können. Deshalb ist die Frage berechtigt - war die Rückkehr Vidins zu Bulgarien so wichtig, daß man dafür fast die ganze Schwarzmeerküste an Byzanz abtreten mußte, nachdem man für sie vor nur drei Jahren mit türkischer Unterstützung gekämpft hätte? Ist es nicht möglich gewesen mit den Ungarn eine Vereinbarung zu treffen, die weniger Opfer von bulgarischer Seite verlangt hatte? Wenn man das Endresultat der ungarischen Aktion in Vidin berücksichtigt - die freiwillige Wiederherstellung des status quo von Seiten der Ungarn - muß man, scheint mir, auf diese Frage negativ antworten.

 

Erst Ende 1368 gelang es dem Zaren von Târnovo, nachdem er sein Bündnis mit den Türken offensichtlich gelöst hatte, mit der Fürsprache des Joannes V. und des Despoten von Dobrudza einen Vetrag mit Vladislav Vlaiku gegen die Ungarn zur Befreiung Vidins zu schließen, wobei er wahrscheinlich versucht hat auch die Serben für sich zu gewinnen. Anfang 1369, als sich in Vidin die Bevölkerung gegen die Mission der Franziskanermönche erhoben hatte, gelang es dem walachischen Woiwoden die Stadt zu erobern und sie ungefähr sechs Monate lang zu halten. Später nahmen die Madjaren sie wieder zurück, doch der ungarische König war schon geneigt zu verhandeln und gab seine Einwilligung für die Wiederherstellung Ivan Stracimirs als selbstständigcr Herrscher in Vidin. So erwies sich die bulgarische Seite erneut als der größte Verlierer - es begann die selbstständiee. doch verhängnisvolle Entwicklung der "drei bulgarischen Reiche"...

 

Nach Angaben aus ungarischen Quellen stellte der Herrscher von Vidin danach ziemlich enge und freudschaftliche Beziehungen mit den Madjaren her. Das Reich von Vidin aber, trotzdem es von Ungarn abhängig oder eher (wie zur Zeiten Jakob Svetoslavs) gezwungen war, Verbündeter und Partner der Madjaren zu sein, fuhr fort, sich in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht verhältnismäßig unbehelligt zu entwickeln und zu festigen. Anders lagen die Dinge im Reich von Târnovo, das schon Ende 1371 oder spätestens 1373 Vasall der Türken geworden war - in einem Brief des

 

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ungarischen Königs von 1374 wird bestätigt, daß die Türken ungehindert mit den Walachen an der Donau über ein Bündnis gegen die Ungarn verhandeln konnten. Ein Widerhall davon ist die Mitteilung in einer italienischen Quelle über den Krieg des ungarischen Königs gegen "den treulosen bulgarischen Prinzen Radan" während 1377.

 

Gegen Ende der siebziger Jahren des 14.Jh., immer noch ein loyaler tarkischer Vasall und treuer Pfleger der traditionell guten Beziehungen mit Venedig, erklärte sich Zar Ivan Šišman im Krieg für die Insel Tenedos gegen seinen Schwiegersohn, den Mitherrscher Andronik IV. und den Genuesen. Das könnte bedeuten, daß zwischen Târnovo und den Madajaren, die inzwischen ein Bündnis mit Genua geschlossen hatten, die feindlichen Beziehungen erhalten geblieben waren.

 

Während der achtziger Jahren des 14.Jh. erscheinen in der Politik der "drei Bulgarien", wenngleich ziemlich spät, einige allgemeine Elemente - einerseits zwanghafte Vasallität den Türken gegenüber; anderseits passives Streben zur Annäherung und, leider, auch passive Handlungen (im Gegensatz zu der Aktivität der Serben) bei der Organisierung einer allgemeinen christlichen Koalition gegen die Türken, in welcher in Zukunft Ungarn einen immer größeren Platz einnehmen sollte.

 

Nachdem sie 1388 teilnahmslos gegenüber der türkischen Offensive auf das Reich von Târnovo geblieben waren, aktivierten die Madjaren ihre Außenpolitik erst nach der Schlacht auf dem Amselfeld im folgenden Jahr. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, daß noch Ende 1389 der Zar in Vidin Schritte zur Annäherung mit Madjaren und Walachen gegen die Türken unternommen hat. Das erklärt teilweise auch die schnelle türkische Reaktion - spätestens um 1390-1391 eroberte Firuz Bey Vidin und stationierte dort eine türkische Garnison. Vielleicht als Antwort darauf unternahmnen die Ungarn zu dieser Zeit ein paar Angriffe auf das Gebiet Braničevo.

 

Im Jahr 1393 überfielen die Türken die Hauptstadt Târnovo, die nach einer schweren Belagerung am 17.Juli des selben Jahres fiel. Einige Mitteilungen lassen uns mit Gewißheit annehmen, daß noch damals der in Nikopol verweilende Zar Ivan Šišman sich auf ein geheimes Bündnis mit Ungarn orientiert hatte.

 

Am 17.Mai 1395 erlitt die Armee des Sultans und seiner serbischen Vasallen aus Mazedonien eine niederschmetternde Niederlage von Walachen und Madjaren in der Schlacht bei Rovine. Anfang Juni des selben Jahres griffen die Truppen des Königs Sigismund mit Belagerungsmaschinen die Stadt Klein-Nikopol auf der linken Seite der Donau an, eroberten sie und stellten hier eine Garnison auf. Unter diesen Umständen blieb für Bajezid, der offensichtlich über die geheimen bulgarisch-ungarischen Verhandlungen informiert worden war, keine andere Wahl als die Exekution Ivan Šišmans am 3.Juni in Groß-Nikopol anzuordnen.

 

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Zur selben Zeit beeilte sich Ivan Stracimir seine loyale Vasallität dem türkischen Sultan gegenüber zu bezeugen, um dem Geschick seines Bruders zu entgehen. Das erklärt auch sein Verhalten zur Zeit des im nächsten Jahr erfolgten Kreuzzugs. Die Quellen beweisen, meiner Meinung nach, daß Ivan Stracimir nicht aus gutem Willen und Überzeugung den Feldzug unter der Führung des ungarischen Königs unterstützt hat, sondern durch die Umstände gezwungen war den im Moment Stärkeren vorzuziehen.

 

Ziemlich eigenartige Handlungen haben einige ungarische Truppen auf dem Territorium des schon von den Türken eroberten Reichs von Târnovo ausgeführt. Aus ungarischen und türkischen Quellen geht hervor, daß eine Schar von Rittern, an der Spitze mit dem Ban von Macsó Joannes Maroti, einen Erkundungseinfall bis nach Târnovo unternommen hat, welcher im allgemeinen erfolgreich verlief.

 

Nach der Katasrophe bei Nikopol gelang es König Sigismund sich auf einem venezianischen Schiff zu retten, die Donau hinunter bis zum Schwarzen Meer zu gelangen, wo er für kurze Zeit in den Häfen der Dobrudza Likostomo und Kaliakra landete. Das will bedeuten, daß ein beträchtlicher Teil der ehemaligen Besitztümer des Dobrotitza (wenigstens entlang der Donau und des Schwarzen Meeres) sich von den Türken am Vorabend des Kreuzzuges befreit hatte und offensichtlich in guten Beziehungen mit den Ungarn stand, wenn ihr Herrscher dort Zuflucht gesucht und gefunden hat.

 

Aber trotzdem bei Nikopol viele ungarische und andere westliche Ritter zu Schaden gekommen waren, hatten die schweren Folgen der Niederlage am meisten die Bulgaren und Walachen und am wenigsten die Serben, die an der Seite Bajezids kämpften, betroffen. Es ist bekannt, daß der Woiwode Mircea gezwungen war die Stadt Klein-Nikopol erneut den Türken zu übergeben. Spätestens nach einem Jahr folgte auch das Ende des letzten bulgarischen Reiches im Mittelalter - des Reiches von Vidin.

 

*  *  *

 

Unter den Angaben einer Urkunde, die die inneren Streitigkeiten um die ungarische Krone, welche Dalmatien. Kroatien und Bosnien während 1403 erschüttert hatten, beschreibt befindet sich eine interessante Mitteilung über den Ban von Macsó Joannes Maroti, der erneut bis zu der alten bulgarischen Hauptstadt Târnovo vorgedrungen war. Meiner Meinung nach könnte das im Kontext der damaligen Ereignisse vollkommen möglich gewesen sein - im Frühling und Sommer 1403 hatten in den bulgarischen Ländern südlich der Donau aufständische Befreiungskämpfe begonnen, die anfangs offensichtlich nur von dem Sohn Ivan Stracimirs Konstantin - im Bündnis mit dem walachischen Woiwoden Mircea angeführt wurden. Dadurch bedeutend erleichtert, rückte zur selben Zeit von Slavonien und

 

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Bosnien aus nach Osten der erwohnte Ban von Macsó Joannes Maroti vor, der seinen Feind Emmerich Bubek verfolgte. Dieser Verschwörer, der den Gegner Sigismunds - den Prätendenten Ladislaus von Neapel unterstützte, dem auch die Türken halfen, zog sich nach Târnovo zurück, wo er von dem Heer Joannes Marotis Belagert wurde.

 

Die weiteren bulgarisch-ungarischen Vorhaben für die Befreiung der bulgarischen Länder wurden mit der Entsendung ungarischer Truppen nach Bulgarien im Frühling 1404 wahrscheinlich unter dem Kommando Fruzins, dem Sohn Ivan Šišmans, fortgesetzt. So begann die erste bulgarische Freiheitsbewegung gegen die türkische Herrschaft, bekannt in der historischen Wissenschaft als der Aufstand Konstantins und Fruzins, die bedeutende Teile der westlichen und östlichen bulgarischen Länder umfaßte und, koordiniert mit den Handlungen des walachischen Woiwoden Mircea in Dobrudza mit gewissen Unterbrechungen bis 1413 fortdauerte.

 

Während 1408 machte sich Sultan Süleiman persönlich nach den westlichen bulgarischen Territorien auf und schlug die Aufständischen bei der Festung Temsko am Fluß Nišava im Gebiet Pirot. Zur selben Zeit kämpfte Sigismund in Bosnien gegen Tvrtko II. (1404-1409), der zu Ladislaus von Neapel hielt und von den Türken unterstützt wurde. Oder mit anderen Worten - Bulgaren und Madjaren kämpften erneut zusammen wie zur Zeiten der Ereignisse während 1403-1404. Derweil Sigismund einen der wichtigsten Siege in Bosnien errang, erwies sich der bulgarische Aufstand leider relativ isoliert wegen den damals guten Beziehungen zwischen Türken und Serben.

 

Anfang 1409 erschien auf der historischen Szene die Figur des berühmten Florentiners in ungarischen Dienste (Ispan von Temes und Kapitän von Severin) Filippo Scolari, der in der Historiographie Südosteuropas als Pippo Ozorai oder Pippo Spano und in der bulgarischen und serbischen Folklore als Filip der Madjare bekannt ist. Ende Januar des selben Jahres überquerte das ungarische Heer unter seinem Kommando die Donau bei Kovin und rückte gegen die Türken durch das Tal der Morava vor, d.h. durch Territorien, die mit Bulgaren und Serben bevölkert waren.

 

Ende 1409 und Anfang 1410 mischte sich in den inneren türkischen Kämpfen um die Macht einer der eigenartigsten Söhne Bajezids - Musa, der die Unterstützung von Bulgaren, Walachen und Serben hatte. Es ist möglich, daß er sich in Vidin mit dessen damaligen Herrscher Zar Konstantin getroffen hat. Aber nach Februar 1411, als er schon türkischer Sultan geworden war, erklärte sich Musa gegen alle seine bisherigen Verbündeten, einschließlich die Bulgaren, die ihm zur Macht verholfen hatten und begann einen rücksichtslosen Terror auszuüben. Nach einigen Angaben hat er auch den Aufstand um sein Zentrum Vidin niedergedrückt. Wahrscheinlich hat Konstantin, der sich dort befand, keine Unterstützung von Seiten der

 

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Serben und Madjaren bekommen können und hat, wie es scheint, diese Gegend verlassen müssen.

 

Eigentlich wurden die Handlungen Musas gegen den bulgarischen Nordwesten mit der Einnahme Vidins nicht beendet. Anfang 1413 begab er sich nach Sokolec (dem heutigen Soko-Banja) und Svrlig, in Februar war er in der Umgebung von Aleksinac tätig und dann überfiel er das Gebiet Nis.

 

Das alles führte zu einer neuen Umgruppierung der Kräfte gegen Mussa-zwischen Stephan Lazarevic, dem ungarischen König Sigismund, und allem Anschein nach den bulgarischen Fürsten, wurde ein Bündnis gegen ihn geschlossen. Mit Hilfe des Woiwoden von Bosnien Sandal Hranic, des Bans von Macsó, Joannes Maroti und anderen ungarischen Baronen, begannen die Serben die Truppen Musas aus dem Gebiet von Kruševac und dem Tal der Morava zurückzuschlagen wahrscheinlich mit der aktiven Unterstützung der einheimischen bulgarischen Bevölkerung. Nachdem sie ihre Kräfte mit denen Sultan Mehmeds I. vereint hatten, schlugen sie Musa vernichtend in der Schlacht beim Dorf Camurli, Gebiet Samokov (das Dorf Šišmanovo, heute unter dem Wasser des Stausees Iskär).

 

Während 1414-1423 nahm das Territorium und die Bevölkerung Bulgariens, Walachiens und Serbiens einen wichtigen Platz in den Plänen des ungarischen Königs für die Unterhaltung des Verteidigungssystems gegen die Türken ein. Mit dem Tod des Woiwoden Mircea aber verließ das walachische Fürstentum das aufgebaute Verteidigungssystem, was die gesamte Strategie des Kämpfes gegen die Türken destabilisierte. Deshalb organisierte Sigismund 1419 einen Feldzug nach dem Gebiet Severin. Ende Oktober desselben Jahres erreichten die ungarischen Truppen Orsova, wo sie Stellungen einnahmen, doch der König enthielt sich die Donau zu überqueren. Ihrerseits machten die Türken Vidin zur Zeit des Sultans Mehmed I. zur Hauptbasis für ihre Kriegshandlungen gegen die Ungarn. Während 1422-1427 organisierte der ungarische König zur Unterstützung des walachischen Woiwoden Dan II. und für die Eroberung des Gebiets Severin ein paar Feldzüge, in denen eine führende Rolle der Verwalter der südlichen ungarischen Randgebiete Pippo Spano gespielt hat. Wahrscheinlich haben während 1425 der Ispan von Temes und der walachische Ban, unterstützt vom bulgarischen Fürsten Fruzin, eine Aktion in der Region von Silistra durchgeführt.

 

Diese Unternehmungen wurden offenbar von einer neuen massenhaften Erhebung der Bulgaren in den Donau -und Westgebieten begleitet. Spätestens im Frühling 1426 schlugen die Türken den Aufstand um Sofia, Pirot und Kratovo nieder, fielen in das Gebiet Niš ein. erreichten KruSevac und verwasteten den ganzen Bereich entlang der Morava, der mit Bulgaren und Serben bevölkert war. Die Truppen Pippo Spanos, in denen parallel mit den Madjaren auch viele Serben und Bulgaren kämpften, versuchten erneut zu

 

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Hilfe zu kommen. Es wird angenommen, daß kurz bevor er in seinem Landgut in der Nähe von Lippa am 27.Dezember 1426 starb, der berühmte Florentiner in ungarischen Dienste sein letztes Gefecht im Leben auf bulgarischem Territorium in der Region von Vidin ausgetragen hat.

 

Nach dem Tod des serbischen Despoten Stephan Lazarevic am 19. Juli 1427 bekamen die Ungarn Belgrad, doch Gäläbec war von seinem Verwalter den Türken, die mittlerweile das Gebiet Braničevo verwüstet hatten, übergeben worden. Der Versuch Sigismunds im Jahr 1428 Gäläbec zurückzuerobern scheiterte und wurde zur Katastrophe. Der Fall dieser letzten strategischen Festung in den Händen der Türken hatte schwere Folgen für den bulgarischen Nordwesten - nach den gefestigten Positionen der Invasoren in Ni5 und Kruševac, schien das stark verringerte Gebiet Braničevo schon seinem Schicksal überlassen...

 

Zur selben Zeit verhandelte im Auftrag Sigismunds der polnische Ritter Advis (ZaviSa Cami von Gabravi) mit Vertretern der bulgarischen Bevölkerung aus den nordwestlichen Grenzgebieten für ihre Befreiung und eventuelle Absonderung als Vasallfürstentum im Rahmen des Heiligen Römischen Reiches oder des Ungarischen Königreichs; die bulgarischen Gesandten waren offensichtlich geneigt die Bedingungen Sigismunds anzunehmen; er selbst aber war gezwungen jegliche Pläne in dieser Hinsicht nach der Verschlechterung der Lage um Gäläbec und im ganzen serbischen Fürstentum zu verwerfen, was den ungarischen Einfluß südlich der Donau in Frage stellte. Diese Absage Sigismunds war nur ein zeitweiliger taktischer Beschluß, denn nach 5-6 Jahren erhob er offiziell ähnliche Ansprüche vor dem Sultan selbst. Während 1433 betrachtete der Herrscher aus dem Westen einen Teil der bulgarischen Territorien (den damaligen bulgarischen Nordwesten) als potenziellen Vasallstaat im Rahmen des Deutschen Kaiserreichs ähnlich wie Ungarn, Kroatien, Bosnien und die Walachei.

 

Als 1435 ein Aufstand der Albanier gegen die Türken ausbrach, beschloß Sigismund mit ihnen engere Kontakte herzustellen und schickte deshalb dorthin mit spezieller diplomatischer Mission den bulgarischen Fürsten Fruzin. Die Tätigkeit Fruzins in den westlichen Regionen der Balkanhalbinsel war offenbar nicht zufällig - es ist möglich, daß der ungarische König und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs erneut eine breite antitürkische Koalition unter Teilnahme auch der Bulgaren geplant hatte.

 

Nach dem Tode Sigismunds, bei seinem Schwiegersohn und Nachfolger Albert von Habsburg (1437-1439) erlitt Ungarn für kurze Zeit neue schwere Niederlagen entlang seiner südlichen Grenzen. Im Sommer 1438 griffen die Türken Transsylvanicn an und unterwarfen endgültig das Gebiet Braničevo, was der freien Existenz der dort lebenden Bulgaren ein Ende setzte.

 

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Zur seihen Zeit trat auf die historische Szene in Transsylvanien und Severin die Person des Jan Hunyadi auf. Wahrscheinlich wurde er noch Ende 1438 vom König Albert zum Ban vom Gebiet Severin ernannt, eines der letzten Territorien, das von Bulgarien zugunsten der Madjaren entfallen war, wo die vielzählige, von den Türken verfolgte bulgarische Emigration zuerst Unterkunft gefunden hatte.

 

Nach seinen Siegen während 1441-1442 bei Belgrad, in Transsylvanien und der Walachei begann Hunyadi auch auf bulgarischem Territorium zu siegen (Gebiet Vidin?) wahrscheinlich im Herbst-Winter 1442. Natürlich ist sein Name am engsten mit der bulgarischen Geschichte zur Zeit der beiden größten und letzten Kreuzzüge gegen die Türken während 1443-1444 verbunden.

 

Trotz der Katastrophe bei Varna hörten die Bulgaren nicht auf ihre Hoffnung für die Vertreibung der Türken auf die Versuche der Westmächte, an erster Stelle Ungarns, zu setzen. Während 1445 schiffte sich die christliche Flotte unter dem Kommando des Kardinals Condolmieri und des Burgunders Valerian de Vavrennes, die von dem französischen König Charles VII. zur Unterstützung Jan Hunyadis und Vlad Draculs geschickt worden war. vom Schwarzen Meer und die Donau hinauf ein und griff die türkischen Garnisonen in den Donaufestungen Silistra, Gjurgevo, Tutrakan und Russe an. Vavrennes selbst berichtet, daß beim Auftauchen der christlichen Flotte, die sich mit den Ungarn bei Nikopol vereinen mußte, "die Christen, die in Bulgarien lebten, aufwachten, übereinkamen und erklärten, daß sie nicht mehr die türkische Herrschaft ertragen wollten".

 

Im Herbst 1448 vermochte Hunyadi seinen schon lange geplanten Feldzug südlich von Belgrad zu verwirklichen, der aber am 18. und 19. Oktober auf dem Amselfeld mit einer schweren Niederlage endete. Eigentlich war sein Ziel einen Vorstoß nach den bulgarischen Gebieten zu unternehmen, was leider nicht ausgeführt werden konnte.

 

Ende 1452 und Anfang 1453 versprach der letzte byzantinische Kaiser eines der letzten Besitztümern Konstantinopels - die wichtige Hafenstadt am Schwarzen Meer Nessebär, dem ungarischen Heerführer, wenn dieser Kriegshandlungen gegen die Türken unternehmen wollte. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Ungarn Militärhandlungen entlang der bulgarischen Schwarzmeerküste geplant und sogar durchgeführt haben unmittelbar vor dem Sturm auf Konstantinopel. Vielleicht hat gerade das den türkischen Angriff und die Eroberung dieses einzigen freien Streifens entlang der Küste im Frühling 1453 hervorgerufen kurz vor der entscheidenden Attacke auf die byzantinische Haupstadt.

 

Obwohl die Türken im Herbst 1454 in das Gebiet entlang der Morava eingefallen waren, gelang es den Madjaren sie östlich des Flusses zurückzuwerfen. Jan Hunyadi konnte sogar nach Süden vorstoßen, bei Kruševac

 

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am 2.Oktober einen Sieg erringen und Pirot erreichen. Auf diese Weise drang er zum letzten Mal in bulgarisches Territorium ein. Die ungarischen Chronisten berichten aber, daß nach Pirot sein Heer nach Norden abbog, die Festung Vidin erreichte, die niedergebrannt war, und danach nach Belgrad zurückkehrte. Im Zusammenhang mit diesem letzten Angriff der Ungarn auf die besetzten bulgarischen Gebiete im Nordosten, brach in der Umgebung von Sofia ein großer Aufstand an der Spitze mit dem Woiwoden Radic aus, mit dessen Niederwerfung sich Sultan Mehmed II. persönlich annahm.

 

*  *  *

 

Präzise epigraphische Untersuchungen der sg. Inschrift aus Kremikovci (auf einen Leuchter aus der Dorfkirche "Hl.Petka") erlauben sie ganz berechtigt im Jahr 1595 zu datieren. Aus den Angaben in dieser Inschrift geht hervor, daß damals um Sofia drei große ungarische Kanonen aufgetaucht waren in einem Moment, als dort ein "großes Massensterben" herrschte, d.h. daß es entweder Krieg oder eine Seuche gewesen sein könnte. Diese Information stimmt mit Mitteilungen aus schriftlichen Quellen überein, daß es eine Aktion um Sofia von Madjaren-Haiducken aus Transsylvanien und Serben während März-April 1595 gegeben hat. Das durfte kein gewöhnlicher Raubzug gewesen sein, sondern ein ernsthafter und gut mit Artelleriegeschossen vorbereiteter Angriff, der ihnen half eine selbst für die damalige Zeit verhältnismäßig große Stadt wie Sofia zu erobern und, wenn auch für kurze Zeit, zu halten.

 

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