Studien zu den slavischen Ortsnamen Griechenlands. 1. Slavische Flurnamen aus der messenischen Mani

Phaedon Malingoudis

 

IV. AUSBLICK

 

 

Das Hauptanliegen dieser Arbeit war es, die slavische Herkunft eines Teiles des Ortsnamenmaterials einer griechischen Region aufzuspüren. Ihr Ziel wäre jedoch verfehlt, wollte sich der Verfasser zum Schluß einer Stellungnahme zur folgenden Frage enthalten: inwieweit lassen sich Erkenntnisse über die in Griechenland eingewanderten Slaven aus deren toponomastischen Hinterlassenschaft gewinnen oder, verallgemeinert ausgedrückt, kann die Onomastik etwas zur Geschichte der, wohl am Ausgang des Mittelalters vom Griechentum assimilierten, slavischen Bevölkerung der Peloponnes aussagen?

 

Dem mit der Problematik 'Slaven in Griechenland' vertrauten Leser wird wohl nicht unbekannt sein, daß es seit der Befreiung Griechenlands vom Türkenjoch (die nicht zuletzt dank dem heroischen Kampf der Bevölkerung jener Gegend, deren slavische Flurnamen hier untersucht wurden, zustande gekommen ist) bis heute nicht an Versuchen gefehlt hat, Aussagen zur historischen Ethnographie des griechischen Raumes aus dessen slavischer Toponymie zu gewinnen. Weit entfernt von der Absicht, hier definitive Lösungen zu versuchen, möchte der Verfasser vorbehaltlos die Frage nach der Relevanz der Onomastik für die Geschichte bejahen und zugleich die methodologischen Voraussetzungen für die Kooperation beider Disziplinen im Bezug auf den hier erwähnten Fragekomplex formulieren.

 

Wir wollen hier die historischen Grundfragen, auf welche die Onomastik eine Antwort zu geben vermag, nennen und zugleich, anhand des in dieser Arbeit untersuchten Materials, Grundsätzliches zur Methode der Erforschung aussagen.

 

Der Historiker, der eine Karte der slavischen Siedlungsareale auf der Peloponnes aufgrund der slavischen Toponymie anfertigen will, ist auf eine möglichst vollständige Sammlung von slavischen Flurnamen dieser Region angewiesen. Seit dem Erscheinen von Vasmers Werk hat es nicht an Versuchen gefehlt, sein Material für die Siedlungsgeschichte der Slaven auf der Peloponnes auszuwerten. Daß solche Versuche methodologisch nicht einwandfrei sind, sei im folgenden erläutert:

 

 

1. Das von Vasmer ausgewertete Material steht in keinem Verhältnis zu der Anzahl der tatsächlich heute noch als slavisch identifizierbaren ON der

 

 

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Peloponnes: während Vasmer aus der ganzen Peloponnes eine Anzahl von 429 ON ausgewertet hat, haben wir in dieser Arbeit nur aus einem kleinen Gebiet dieser Region, das slavische Etymon von einer ungefähr gleichen Anzahl von Flurnamen zu erklären versucht. Der Historiker, der aufgrund Vasmers Liste die Siedlungsflächen der slavischen Einwanderer und deren Verteilung auf der Peloponnes zu erfassen versuchen wird, wird nur ein Zerrbild der realen Verhältnisse zustande bringen. Die nach einer solchen Methode gezeichnete Karte würde im Gebiet um Korinth (einer Gegend, von der wir aufgrund historischer Nachrichten annehmen können, daß sie am Rande des eigentlichen slavischen Siedlungsgebietes lag) etwa anderthalb soviele slavische ON wie in unserem Gebiet aufweisen, da Vasmer für Korinth eine Anzahl von 15 ON, für unser Gebiet dagegen nur 9 ON anbietet. Wollte man diese Relation auf eine Karte übertragen, dann entspräche sie nicht den tatsächlichen Verhältnissen, denn wir besitzen keine historischen Zeugnisse, daß, im Gegensatz zu unserem Gebiet, in der Gegend um Korinth eine slavischsprechende Bevölkerung ihre sprachliche Identität für acht Jahrhunderte lang bewahren konnte.

 

 

2. Nicht jeder ON Griechenlands, der auf ein slavisches Etymon zurückgeht, kann zugleich auch als slavische Ortsnamengebung bezeichnet werden. Dieser Grundsatz, der aus Vasmers Werk nicht ersichtlich wird und von den Historikern, die Vasmers Liste einfach auf Karten übertragen, übersehen wird, hat für die Lokalisierung der ehemaligen slavischen Sprachinseln der Peloponnes eine kardinale Bedeutung. So müssen aus dieser Liste folgende Kategorien von ON gestrichen werden, da sie nicht als primär slavisch angesehen werden können:

 

a) Ortsnamen, die aus Lehnappellativa entstanden sind. Es handelt sich hier um direkte (suffixlose) Bildungen aus solchen Appellativa, die nach ihrer Übernahme aus dem Slavischen, zum festen Bestandteil der gemeinneugriechischen Lexik geworden sind. Wir haben in dieser Arbeit die Ansicht vertreten, daß Ortsnamen wie Γαρδίνα, Γορά, Γουστερίνα, Πολιάνα, Τοπόλια, Βιρός, Γούπατα usw. keine slavischen Ortsnamengebungen sind, obwohl sie ein slavisches Etymon haben. Ferner gehören dieser Kategorie solche ON an, die aus Lehnappellativa lokaler (dialektischer) Verbreitung direkt entstanden sind. So hat Vasmer in seiner Liste mehrere ON aus der Peloponnes als direkt slavische Bildungen erklärt, ohne zu wissen, daß die entsprechenden Appellativa im örtlichen Dialekt im Gebrauch sind und daß folglich die ON aus diesem griechischen Dialekt herzuleiten sind. Man wird z. B. allein auf der SW Peloponnes (Olympien, Triphylien und Pylien) 25 Flurnamen vorfinden, die direkt aus dem dialektischen Appellativ μούσγα = »Schlamm, Sumpf« (das auch in unserem Gebiet als ON vorkommt) stammen. Daß es sich hier um ein slavisches Lehnwort handelt, ist für die Entstehung der 25 Flurnamen (die sich in der Zukunft

 

 

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verdoppeln können, ilu ju das Wort noch lebendig ist) ohne Bedeutung. Wie wir in dieser Arbeit zu zeigen versucht haben, sind die ON Μπελίνες, Κίκα, Λάζος, Λουκά, Ὄτοκα, Πρόπαντη, Ρεμπρή, Σόποτος griechische Ortsnamenbildungen, die aus Lehnappellativa dialektischer Verbreitung entstanden sind.

 

b) Eine zweite Kategorie, die aus der Liste der slavischen ON Griechenlands zu streichen ist, sind die ON, die zwar ein slavisches Etymon haben, jedoch ein griechisches Ableitungssuffix aufweisen. An erster Stelle sind hier die zahlreichen griechischen possessivischen Bildungen zu nennen, die aus dem Genitiv neugriechischer Familiennamen entstanden sind. Aus unserem Gebiet gehören ferner dieser Kategorie folgende Flurnamen an: Ἀγαρδόνας, Σαϊδόνα, Στεπενιάτισσα, Στεπενιώτισσας ποτάμι, Βίριαλη.

 

c) Eine dritte Kategorie von ON, die nicht slavisch sind und dennoch aus der Liste Vasmers immer wieder in kartographische Darstellungen der slavischen Kolonisation Griechenlands übertragen werden, sind die sogenannten hybriden Komposita, d. h. solche zusammengesetzten ON, deren einer Teil griechischen, der andere aber slavischen Etymons ist. Daß man solche Ortsnamenbildungen als griechisch ansehen kann, ist auch aus einem anderen Grund ersichtlich, daß nämlich die Tendenz, Komposita zu bilden, weitaus ausgeprägter im Griechischen als im Slavischen ist. Zusammengesetzte ON wie Ποδογορά (neugriech. πόδι = »Fluß« + slav. gora = »Berg«, also: »radices Collis, Gebirgsfuß«), Γαβρολίμνη (slav. gabrъ = »Weißbuche« + griech. λίμνη = »See«), Λιποχώρι (slav. lipa = »Linde« + griech. χωριό = »Dorf«) zeigen deutlich, daß die ursprünglich slavischen Appellativa gora, gabrъ und lipa vor der Entstehung dieser ON zum lexikalen Bestandteil der griechischen Idiomen jener Gegenden geworden waren. Als griechische Ortsnamengebungen, die aus hybriden Komposita entstanden sind, sind aus unserem Gebiet die Flurnamen Ἀγριο-γαρδίνα, Ξερο-γαρδίνες, Ξυλο-γαρδίνα, Κολιανό-πυργος, Κολιανό-μπυργας, Λιασο-βούνι, Τσέρο-πουλίτσα, Βοντοπήγαδο zu nennen.

 

d) Als vierte Kategorie von nicht slavischen ON Griechenlands möchten wir diejenigen erwähnen, die aus einer dritten Sprache übernommen wurden. Wir wissen längst, daß sowohl die transhumierenden Vlachen (die in den byzantinischen Quellen zum ersten Mal im letzten Viertel des 10. Jhd. erwähnt werden) als auch die Albaner (die genau ein Jahrhundert später in der Geschichte erscheinen und nach dem 14. Jhd. zahlreich nach Griechenland einwandern) viele slavische Appellativa (vor allem Termini der Viehwirtschaft) den Griechen vermittelt haben. Einige ON Griechenlands, die ein slavisches Etymon haben, können - aufgrund ihrer Phonetik - als albanische bzw. aromunische Ortsnamengebungen identifiziert werden. Die Annahme einer

 

 

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albanischen Vermittlung für ON wie Καρούτια und Χελμός stützt sich zunächst (wie auf S. 139-141 und 145 supra angedeutet wurde) auf der Beobachtung, daß wir über wenig sichere Belege für die Vertretung slav. y > griech. u und über keinen Beleg slav. ъl > griech. ελ verfügen, wohl aber über slav. y > albanisch u bzw. slav. ъl > alb. ël. Wir müssen demnach vorläufig diese ON als albanische Vermittlungen von ON slavischen Etymons ansehen.

 

Wollte man nun zu diesen vier Kategorien schließlich auch solche ON hinzufügen, die Vasmer ausdrücklich als 'dunkel' bezeichnet hat bzw. keine slavische Etymologie in seinem Werk angeboten hat, dann reduziert sich die Liste seiner slavischen ON aus der Peloponnes um weit über die Hälfte. Man wird demnach, ehe man mit der Anfertigung einer Verteilungskarte der slavischen ON des griechischen Raumes anfängt, die slavischen ON von solchen, die ein slavisches Etymon haben und die jedoch nicht von einer slavisch sprechenden Bevölkerung direkt stammen, unterscheiden müssen.

 

 

3. Für Vasmers Anliegen, die Sprachgesetze der in Griechenland eingewanderten Slaven aufgrund der Toponymie zu beschreiben, war das von ihm ausgewertete Material ausreichend. Er konnte z. B. anhand zwei voneinander so weit entfernten ON wie Ἀρδαμέρι in der Gegend von Thessaloniki und Ἀρδουβίστα in Messenien beweisen, daß die in Griechenland eingewanderten Slaven die Liquida-Metathese noch nicht durchgeführt hatten. Kann jedoch der Historiker, der die Siedlungsgeographie der Slaven auf der Peloponnes rekonstruieren will, mit diesem Material etwas anfangen? Wenn man sich die ca. 200 primär slavischen ON der Peloponnes, die auf der Liste Vasmers übrigbleiben, näher ansieht, muß man diese Frage verneinen. Es genügt nicht, will man diese ON mit archäologischen Funden gleichsetzen, wenn man Keramikscherben in der Gegend von Korinth, ein paar Gegenstände in Patras, einige Urnen in Argos und zwei Gräber in Lakonien findet (auch wenn man weiß, daß sie der gleichen archäologischen Kultur angehören), um das Siedlungsbild dieser Kultur zu rekonstruieren. Dies wird um so schwieriger, wenn man bedenkt, daß die meisten unserer Funde sich nicht in situ befinden: Die ON Vasmers sind Siedlungsnamen, Namen von Dörfern, Städten (Makrotoponyme), die vorwiegend durch Namensübertragungen entstanden sind. Beispiel: der Name der Stadt Καλάβρυτα (< slav. Kolovrьtъ) ist aus der Benennung des Flusses, der die Stadt durchzieht, übernommen worden. Wie der Archäologe, der das Areal und die Kultur einer Siedlung durch Ausgrabungen der Nekropole und der Siedlungsanlagen und durch Auswertung der Funde bestimmen kann, so können wir auch, durch Auswertung der Flurnamen einer Region, je nach dem Überlieferungszustand der Funde, deren Zugehörigkeit zu einer Sprache oder Sprachfamilie bestimmen. Wir möchten in diesem Zusammenhang den Begriff 'mikrotoponymisches System' verwenden und von der

 

 

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methodologischen Voraussetzung ausgehen, daß in jener Region, wo es gelingt, dieses nachzuweisen, wir auch mit Sicherheit Ansiedlungcn der Sprachträger dieses Systems annehmen können. Diese Prämisse hat den, für die Siedlungsgeschichte sehr wichtigen, Vorteil, daß sich dadurch die Übergangsregionen von einem Sprachsystem ins andere und somit die Siedlungsgrenzen ungefähr bestimmen lassen. Auf die hier angesprochene Problematik bezogen: es genügt nicht der Nachweis einer Anzahl von slavischen Etymologien, seien sie auch zahlreich und glaubhaft, aus der Toponymie der Peloponnes oder gar des ganzen Griechenland, um daraus Schlüsse über die slavischen Siedlungsareale zu ziehen. Es bedarf vielmehr einer möglichst vollständigen Sammlung aller Flurnamen einer Großregion (z. B. der Peloponnes), um die Grenzen jener Gebiete festzustellen, wo nicht nur primär slavische Ortsnamen vorkommen, sondern auch sie deutlich als Bestandteile eines slavischen mikrotoponymischen Systems zu erkennen sind.

 

Ein slavisches mikrotoponymisches System läßt sich u. E. in unserem Gebiet nachweisen. Wir haben in dem Abschnitt 'Namenkunde' nachzuweisen versucht, daß hier nicht nur ON slavischen Etymons belegt sind, sondern daß sich aus den mit slavischen Ableitungssuffixen gebildeten ON ein appellativischer Wortschatz rekonstruieren läßt, der in seinem überwiegenden Teil aus dem Bereich der slavischen geographischen Terminologie und der Hydronymie stammt (vgl. 'Übersicht nach Sachgruppen', S. 168-170 supra). Von dieser Erkenntnis ausgehend, werden wir eine künftige Untersuchung des Flurnamenmaterials des nordöstlich unseres Gebietes befindlichen messenischen Flachlandes mit folgender Arbeitshypothese anfangen: falls sich auch dort ein slavisches mikrotoponymisches System nachweisen läßt, dann muß man auch dort mit einer slavischen Besiedlung im Mittelalter rechnen. Treten jedoch dort nur Flurnamen auf, die im Sinne des oben angeführten Negativkatalogs als nicht-slavisch zu bezeichnen sind, dann wird die Annahme gestützt, daß die Slaven, die unsere Quellen Melingen und später Zygioten zu nennen pflegen, nicht das messenische Flachland besiedelt haben, sondern daß dort mit einer griechischen Siedlungskontinuität zu rechnen ist.

 

 

4. Wir möchten nun kurz einige Erkenntnisse erwähnen, die, nach der Lokalisierung eines slavischen Siedlungsareals aufgrund der Restaurierung des mikrotoponymischen Systems, für den Historiker relevant sein könnten. Man kann aufgrund der phonetischen Gestalt der slavischen Flurnamen und aufgrund ihrer Suffixbildung eine relative Chronologie ihrer Übernahme ins Griechische aufstellen. Man kann dadurch ein Kriterium für den Hellenisierungsprozeß der nach Griechenland eingewanderten Slaven gewinnen, denn dort, wo die jüngeren slavischen Flurnamen fehlen, kann man auch mit Sicherheit auf ein frühes Absterben des Slavischen schließen. Aus dem mikroto-

 

 

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ponymischen System kann man ferner einige Schlüsse Uber die materielle Kultur der slavischen Einwanderer ziehen, worüber uns die Oeschichlsquellen absolut nichts überliefert haben. Erkenntnisse über Religion, Gesellschafts- und Verfassungsverhältnisse lassen sich dagegen nicht aus der Onomastik gewinnen, denn die Begriffe, die aus diesem Bereiche stammen, sind für das Ortsnamengut systemfremd und lassen sich, in der Regel, auch wenn sie einmal ad hoc zu ON geworden sind, nicht über eine begrenzte Zeit hinaus tradieren. Wie der Archäologe, der bei Freilegung eines Grabes nicht die Gewänder des Bestatteten vorzufinden erwartet, so sind für den Ortsnamenforscher (trotz der gegenteiligen Beteuerung mancher Historiker) solche slavischen ON in Griechenland, wie 'Gerichtsort', 'Boljarenort', 'Županenort', 'Versammlung- Dorfgemeinde' usw. Gespenster, die schlicht falschen etymologischen Deutungen entstammen.

 

 

5. Der Verfasser möchte diesen ersten Teil seiner Untersuchungen des in der Toponymie Griechenlands petrifizierten slavischen Ortsnamenguts nicht abschließen, ohne eine eigene Stellungnahme zu der Frage: »lassen sich die Slaven des hier untersuchten Gebietes sprachlich und ethnisch einer bestimmten Gruppe zuweisen?«

 

Was die ethnische Zugehörigkeit der in die Peloponnes eingewanderten Slaven betrifft, so kann der Historiker nur eine klare Antwort geben: die Quellen bezeugen unzweideutig, daß in der Zeitspanne 7.-15. Jhd. auf der Peloponnes und insbesondere an den westlichen Abhängen des Taygetus, eine Bevölkerung existierte, die von dem autochthonen griechischen Element als 'barbarisch' angesehen wurde, weil sie Slavisch sprach. Der Historiker weiß ferner zu berichten, daß spätestens seit ihrer permanenten Niederlassung auf der Peloponnes diese Einwanderer ihren Kontakt zu den übrigen Slaven der Hämus-Halbinsel, die später die mittelalterlichen südslavischen Staatsgebilden gegründet haben, für immer verloren haben. Die byzantinischen Untertanen slavischer Zunge waren auf der Peloponnes während allen diesen Jahrhunderten, in denen sie ihre sprachliche Identität behaupten konnten, nur von griechisch sprechenden 'Rhomäern' umgeben und hatten mit ihnen das gleiche Los zu teilen: die Verpflichtungen des slavisch sprechenden Bauern der Peloponnes der Obrigkeit gegenüber waren weder schwerer noch leichter als die seines griechischen Nachbarn. Gemeinsam mit ihm sah er die Franken und später die Albaner auf die Peloponnes kommen, erlebte er das letzte Aufblühen von Byzanz in der Zeit des moräischen Despotats und, vielleicht, mußte er sich auch dem osmanischen Eroberer ergeben. Als die Epoche der nationalen Erhebungen und Mythenbildungen, die Zeit der Befreiung des Neugriechentums und der Lancierung der Theorien Fallmerayers gekommen war, gab es auf der Peloponnes nur Neugriechen, die sich vielleicht Raikos oder Rados

 

 

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über auch Odysseus und Aristoteles nannten. Kurz, die slavischen Einwanderer der Peloponnes waren vom Griechentum assimiliert längst bevor die Zeit gekommen war, da sie als eine gesonderte ethnische Gruppe, im zeitgenössischen Sinne, hätten angesehen werden können. Diese ethnologische Nivellierung ist freilich nicht jener mystischen zivilisatorischen Kraft des Hellenentums zuzuschreiben. Es war vielmehr der objektive Gang der Geschichte, der die slavischen Einwanderer in der Masse des Griechentums allmählich verschwinden ließ.

 

Man wird bisweilen in der neueren Literatur der Ansicht begegnen, daß es sich bei den Slaven der Peloponnes um Slaven einer nach heutigem Verständnis bestimmten Sprachgruppe (z. B. bulgarischen) handelt. Man beruft sich hierbei nicht auf deren Sprache, von der wir weder Relikte noch Denkmäler besitzen, sondern eben auf das Zeugnis der slavischen (und sehr oft leider vermeintlich slavischen) ON der Peloponnes. Man zieht alsdann den Schluß, daß, da die ON z. B. bulgarisch seien, wir auch mit der Ansiedlung von bulgarischen (was immer darunter gemeint sein mag) Slaven auf der Peloponnes zu rechnen haben. Hierzu vertritt der Verf. folgende Ansicht: Eine nicht mehr lebendige Sprache läßt sich nicht einzig und allein aus dem in einer anderen Sprache petrifizierten Ortsnamengut beschreiben und identifizieren. Man wird bestenfalls bestimmte phonetische Prozesse, einen Teil des Derivationsmechanismus sowie einen Bruchteil ihrer Lexik aufspüren können. Ihre Grammatik bleibt dem Forscher, der vom Wunschdenken frei ist, verborgen. Der Verfasser vermag ferner nicht einzusehen, weshalb die in dieser Arbeit behandelten Flurnamen exklusiv 'bulgarisch' sein müssen, wo sie sich doch sowohl von der Bildung als auch von der Lexik her in der Toponymie vieler, heute so weit von einander entfernten, slavischen Sprachen nachweisen lassen. Er möchte ferner sein Unvermögen gestehen, solche PN wie Tolimer, Slavota oder Vitomir, aus denen ON in unserem Gebiet entstanden sind, als genuin 'bulgarisch' anzusehen. Es ist lediglich eine phonetische Erscheinung, die Vertretung von ursl. *tj, *dj in der slavischen Toponymie Griechenlands, aus der die Vertreter der Theorie über die Einwanderung der bulgarischen Slaven nach Peloponnes ihre Argumentationskraft zu schöpfen glauben. Kann man jedoch zwei Sprachen aufgrunddessen (man denke an die vielfältige Gliederung des Westslavischen und der relativ einheitlichen Vertretung von ursl. dl!) für identisch erklären? Außerdem, wie der Verf. zum ersten Male zu zeigen versucht hat, lassen sich aus der Toponymie Griechenlands genug Gegenbeispiele hervorbringen, wo eindeutig ursl. *dj nicht die 'bulgarische' Vertretung žd hat.

 

So stellt sich das in dieser Arbeit angetastete Problem der slavischen ON Griechenlands primär als eine onomastische Aufgabe dar. Seine weitere Erforschung

 

 

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wird gewiß auch Erkenntnisse für die Historiker fördern und, hoffentlich, zur Entmythologisierung des Komplexes 'Slaven in Griechenland' beitragen.

 

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