Studien zu den slavischen Ortsnamen Griechenlands. 1. Slavische Flurnamen aus der messenischen Mani

Phaedon Malingoudis

 

III. NAMENKUNDE

 

   B. Zur Bildung der Flurnamen

 

I. ON aus Nomina und Verben

  1. Direkte Bildungen aus Appellativa

  2. Direkte Bildungen aus Adjektiva

  3. Direkte Bildungen aus einer Kollektivform

  4. Ableitungen mittels Suffixen

     a) Nomen + -ica

     b) Adjektivische Bildung + -ica

     c) Suffix -ьca

     d) Suffix -ьcь (Mask.)

     e) Suffix -ьce (Neutr.)

     f) Suffix -ikъ bzw. -ьka

     g) Augmentativsuffixe

     h) Adjektivische Αbleitungen

     i) Suffix -ava

     j) l-Suffixe

     k) Suffix -ište

     l) Suffix -ina

  5. Verbindungen von Präposition + Nomen

  6. Verbindungen von Adjektiv + Nomen

  7. ON aus Verben

 

II. Ortsnamen aus Personennamen

  1. Possessivische ON

     a) Suffix -j-

     b) Suffix -ov-

     c) Suffix -in

     d) Suffix -ьnъ

  2. Suffix -ica, ikъ

  3. Patronymische Ortsnamen

  4. Direkte Bildungen

 

III. Einwohnernamen

 

IV. Griechisch-slavische Bildungen

  a) Direkte Bildungen

  b) Ableitungen mit griechischen Suffixen

  c) Hybride Komposita

 

Die Bildung der in den ON enthalten PN

  1. Vollnamen

  2. Kurznamen

  3. Partizipialnamen

  4. Zunamen

  5. Taufnamen

 

 

Ich halte mich hier an die von Eichler-Walther [66] verwendete Klassifikation der Ortsnamen hinsichtlich ihrer Bildung und unterscheide den Bestand der ON unseres Gebietes wie folgt:

 

I. ON aus Nomina und Verben

II. ON aus PN

III. Einwohnernamen

 

 

66. Vgl. E. Eichler-H.Walther: Ortsnamenbuch der Oberlausitz, Bd. II, Berlin 1978.

 

 

151

 

Speziell für unser Gebiet müssen wir noch eine wcilcre Kategorie unterscheiden: IV. Griechiseh-slavische Bildungen

 

 

I. ON aus Nomina und Verben

 

1. Direkte Bildungen aus Appellativa

 

In diese Kategorie fallen diejenigen ON, die ohne Ableitungssuffixe aus einem Appellativ entstanden sind. Manche von ihnen könnten freilich aus einem Lehnappellativ, das im heutigen griechischen Dialekt nicht mehr im Gebrauch ist, entstanden sein. Eine klare Trennungslinie zwischen dieser Kategorie und den griechisch-slavischen Bildungen (Nr. IV unten) ist demnach nicht in allen Fällen möglich.

 

Belegrad [67]

Dol

Dub

Dubrava

Dup'ata (Plur., Sing. *dupę)

Izvor

Kolěno

Krug

Kupalo (bzw. Plur.: Kupala)

*Kьrčuna

Ograda

Okol [68]

Ostrovo

Panica

Počivalo

Pregon

Progon

Procěp

Progora

Prosěka

Pro̢d

Raztoka

Rt

Sliva

Smuga

Stepen

Stol

Traga

Upad [69]

Vrba

Vodenica (< Voděnica)

*Vьlkovyja

Zelina

 

 

2. Direkte Bildungen aus Adjektiva

 

Gluboka / Glo̢boka (Fem.)

Kriv / Krivi (< *Krivyj, Mask.)

 

 

67. Vgl. noch die Anmerkungen s. v.

 

68. Dieser ON könnte wegen der belegten griechischen Pluralform Ὀκολοί (vgl. s. v.) auch aus einem Lehnappellativ stammen.

 

69. Die ON Οὔπαντο, Νούπαντη, Νούπαδη sind aus dem slavischen Appellativ upadь zu deuten, Γούπαντα/Γούπατα stammen dagegen aus einem neugriechischen Lehnappellativ, der m. E. auf slav. upadь zurückgeht.

 

 

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Ljulta (Fem.)

Sinja (Fem.)

Širok, Široka, Široko

Velika (Fem.)

 

 

3. Direkte Bildungen aus einer Kollektivform

 

Die ON Τσέρια und Ἴβγια sind, wie s. v. angegeben, auf slav. Cerja und Ivja, einer Pluralform der Kollektiva *Cerьje und *Ivьje, zurückzuführen. Diese Deutung setzt voraus, daß die Kollektivbedeutung bereits im Slavischen verlorengegangen war, so daß *Cerьje und *Ivьje als Neutra Singular aufgefaßt wurden. Als ein Kollektivum ist m. E. auch der ON Lěsina aufzufassen (vgl. s. v.)

 

 

4. Ableitungen mittels Suffixen

 

a) Nomen + -ica

 

Folgende ON sind als Ableitungen aus einem Adjektiv bzw. Appellativ mittels des Suffixes -ica anzusehen:

 

Albošica

Děvica [70]

Dubica

Gradinica

Lozica

Pijalica

Pogonica

Poljanica

Poličica

Praskanica

Selica

Slivica

Soplica

Stanica

Sušica

Torica

Trapica

Vodica

*Vьrbica

 

 

b) Adjektivische Bildung + -ica

 

Mittels des Suffixes -ica werden in unserem Gebiet folgende ursprünglich adjektivische Ableitungen substantiviert:

 

*-ьn-ica

Dimnica

Gradenica

Selьnica

Větrьnica

-ov-ica

Kupinovica

Ko̢pinovica

Sěnovica

 

 

70. Hier könnte, wie s. v. vermerkt, auch eine adjektivische -jь Bildung vorliegen.

 

 

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c) Suffix -ьca

 

Das deminutive Suffix -ьca liegt in den ON Κορίτσα (< Koritca < *Korytьca) und vielleicht Σέλιτσα (Selьca oder Selica?) vor.

 

d) Suffix -ьcь (Mask.)

 

Der ON Καλτσοί (Mask., Plur.) ist auf die slavische Pluralform Kalci, Sing. *Kal-ьcь zurückzuführen.

 

e) Suffix -ьce (Neutr.)

 

Das deminutive Suffix -ьce begegnet uns in folgenden ON: Μπάλτσα (< Blaea < *Bolt-ьca, Plur.), Ἐμαλτσός (< Molcè < *Molt-ьce), Πολίτσι (< Poljce < *Poljьce), Σέλιτσο (< Selьce).

 

f) Suffix -ikъ bzw. -ьka

 

Es ist schwierig zu entscheiden, ob in den ON Καμενίκες (L 5 a), Κοσμενίκα (L 5 a) und Τρίνικες (L 11) ein feminines Suffix -ьka bzw. ein mask. -ikъ enthalten ist. Auf jeden Fall tritt das Suffix hier in einer substantivisierenden Funktion auf: *Kamenьn-ikъ (-ьka), *Kosmьn-ikъ (-ьka), *Tьrnьn-ikъ (-ьka, vgl. noch Lehnappel, ντρίνικας in 'Lexik'). Τρίνικες könnte ebensogut aus einem Deminutiv (Phytonym) < tьrn-ьka stammen.

 

g) Augmentativsuffixe

 

Suff. -ala: Pijala;

Suff. -ača: Gonača [71].

 

h) Adjektivische Αbleitungen

 

Suff. -ov-

Cerova

Lěsinova

Lěsakova

Lipova

Orěchova

Orkitova

Soltinova

Stěnova

Suff. -jь

Děviča (?)

Oslja

Ovьča

Prečjь

Glubeča [72]

 

 

71. Über -ala vgl. Vondrák I, 572-573; über -ača vgl. oben s. v.

 

72. Prečjь und Glubeča sind, wie s. v. vermerkt, possessivische Bildungen, die aus Ortsnamen mittels des Suffixes -jь bzw. -ja entstanden sind. Die ON sind ursprünglich direkt aus dem Adjektiv prěkъ bzw. *glo̢bьcь entstanden.

 

 

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Suff. -ьnъ

Kunna (< *Kunьna)

Lozna (< *Lozьna)

Vinьna

Vona(< Vonьna)

Suff. -ьskъ

Κάλιασκα (< Kalьska?)

Konьska

Smolьsk-

 

i) Suffix -ava

 

Das adjektivische Suffix -ava ist im Hydronym Močorava enthalten.

 

j) l-Suffixe

 

In unserem Gebiet kommen sie in Hydronymen vor: Suff. -alь in Cěžalь und Kalalь; Suff. -ělь in Pьlzelь; Suff. -olъ in Pьsolъ.

 

k) Suffix -ište

 

Ein Lokativsuffix -ište (< *-iski̯o) enthalten die Neutra Ὀλίστια, Παγασίστια und Νεροβίσκια; sie sind griechische Pluralbildungen, deren Singular * Ὀλίστι, *Παγασίστι und *Νεροβίσκι auf einen slavischen obliquen Kasus (Lokativ Sing.) Stolišti, Pogazišti und Nevorišti zurückgeht.

 

Das anlautende st- in Στολίστι < Stolišti wurde, wie oben erwähnt, von der griechischen Bevölkerung als eine Präposition empfunden und ist deshalb später ausgefallen: Stolišti > *Στολίστι > Ὀλίστι, Plur. Ὀλίστια. In *Παγασίστι < Po Gazišti hat man dagegen die fremde adnominale Bildung (Präp. + Nomen) als einen Namen empfunden: Po Gazišti > *Παγασίστι, Plur. Παγασίστια. *Νεροβίσκι ist durch Metathese aus einem urspr. *Νεβορίσκι entstanden (s. 'Phonetik'): *Nevorišti > *Νεβορίσκι [73] > *Νεροβίσκι, Plur. Νεροβίσκια. Stolište, Gazište und Nevorište könnten somit, falls unsere Vermutung zutrifft, vor dem Verlust der Deklination in der Sprache der eingewanderten Slaven entstanden sein.

 

Das Suffix -ište werden aller Wahrscheinlichkeit nach ferner die ON Ἀγκλιστή und *Γλωμπιστή (belegte Form im Plural: Γλωμπιστές) gehabt haben; sie gehen auf slav. O̢glište und Globište zurück und sind in das griechische Deklinationssystem eingereiht worden, nachdem ihr Suffix volksetymologisch denjenigen der griechischen femininen Verbaladjektiva -ιστή (Mask. -ιστός) angeglichen wurde.

 

Ein slav. Pluralsuffix -išta weisen die ΟΝ Μπίλιστα < Bilišta, Sing. Bilište und Κότσιστα < Kočišta, Sing. Kočište auf. Ein Beispiel der Substitution des Suff. -išta durch das, semantisch äquivalente, griechische Lokativsuffix

 

 

73. Wegen slav. -ti [t'] > griech. -ki [k'] ist zu bemerken, daß ein und dasselbe Phonem einen Palatalen Verschlußlaut darstellen.

 

 

155

 

-(σ)τρα (Fem.) [74] bietet der ON Ἀμπλίστρα < O̢blišta, Sing. O̢blište an. Hier ist das slav. Suffix durch ein griechisches, das die gleiche Funktion hat, ersetzt worden.

 

Daß es sich hier um keinen vereinzelten Fall der Substitution handelt, beweisen folgende Beispiele aus der Toponymie der SW Peloponnes: Μπαθίστρα (ON in Χαραυγή Pylien, Georgakas 296) < alb. Baθišta = »bean field«, zu bathë = »Bohne«; Νταδίστρα (ON in Καλλιθέα, Olympien, ebd. S. 300) < alb. Dardhišta, zu dardhë = »Birnbaum«; Βιδίστρα (ON in Γλυκορίζιον, Triphylien, ebd.) < alb. Vidhishtë, zu vidh-i = »Ulme«. Vgl. ferner die ON Βορίστρα (ON in Triphylien, ebd.) und Βορίστρες (Olympien, ebd. S. 116), die auf slav. Oborište, zu obora = »Umzäunung« zurückzuführen sind.

 

l) Suffix -ina

 

Mit dem Suffix –ina [75] werden in unserem Gebiet folgende ON gebildet: Golina, Mokrina, Nizina, Plavina, Pьlzina (vgl. noch Soltin-ova oben!). Sie waren wie Glubina ursprünglich Abstrakta und haben dann die konkrete Bedeutung eines geographischen Terminus (bzw. Nomen loci) erhalten.

 

 

5. Verbindungen von Präposition + Nomen

 

Po Gazišti

Po Rečina

Po Rov

Zadel

 

 

6. Verbindungen von Adjektiv + Nomen

 

Olovo(vъ) Dol

Cerov Pro̢d

Stari del

Durenja Debr

Maličjь Πλευράδα

Prosin Dol

 

 

7. ON aus Verben

 

Aus einer Verbalform (Part. Prät. passiv) ist der ON Strigano entstanden.

 

 

74. Zu dem neugriech. Suffix vgl. Dieterich, Suffixbildung 127 und die dort angeführten Beispiele aus dem Neugriechischen.

 

75. Vgl. darüber Vondrák I, 544; Mikl., Stammbildungslehre, S. 132-140 bietet Beispiele aus allen Slavinen.

 

 

156

 

 

II. Ortsnamen aus Personennamen

 

Die aus PN entstandenen ON lassen sich auch in unserem Gebiet [76] in vier Kategorien einteilen: I. Den überwiegenden Teil der ON machen die durch verschiedene Suffixe aus PN abgeleiteten possessivischen Ο Ν aus. 2. Ableitungen mit den toponymischen Suffixen -ica, -ikъ lassen sich ebenfalls in unserem Gebiet nachweisen. 3. Patronymische ON (gebildet mit dem Suff. *-itj- > -išt-) sind auch vorhanden. 4. Für direkte (suffixlose) Bildungen haben wir keine sicheren Belege.

 

 

1. Possessivische ON

 

a) Suffix -j-

 

Aus Vollnamen: Libovižja (Λιμποβίζια L 5, 11 a), Litomira < Litomir-ja (Ἀλιτόμιρα L 5a), Vitomirjь (Βιτομίρι L 1). Vielleicht gehören zu dieser Kategorie auch die ON Νιμιρός (L 9) und Κολιμερός (L 8/M). Sie könnten aus einer ursprüngl. Form *Nimirjь/Nemirjь bzw. *Tolimerjь stammen, der Schwund des -j- könnte im griechischen Dialekt oder aber im Slavischen erfolgt sein (vgl. jedoch unten 'direkte Bildungen').

 

Aus Kurznamen und Zunamen: Bolinjь bzw. Volinjь (Βολινές L 10), Čuz? (Τζοῦζος Κ 2a), Drebenja (Ντρεμπένια Κ 2b), Dušilja (Ντουσίλια Κ 6), Godinja (Γοντίνια L 6, L 11, L 12), Golušja (Γολούσιες L 5), Gorašja (Γοράσια L 1, L 5 a), Gostimjь (Γόστιμες L 6), Chotašja (Χοτάσια L 9, L 12a/M), Lepunja (Λεπούνια L 7), Ničinja (Νιτσίνια Κ 2a), Němьča (Νιάμιτσα Oe.) [77], Obr dol < *Obrjь dolъ (Ἀμπροντολός L 4), Strachlja (Στράχλια Κ 2b). Besonders produktiv muß dieses Suffix in Κ 3a gewesen sein; dort sind (ein Unikum in der slav. Toponymie Griechenlands) die ursprünglichen Verbindungen Adjektiv + Nomen bis heute erhalten geblieben: Durenja Debrь (Ντουρένια Ντεμπρή), Maličjь *Rebrь (Μαλιτσή Πλευράδα). Im gleichen Ort kommt noch der einzige Beleg einer jь-Ableitung aus einem griechischen PN vor: Dučja (Ντούτσια, PN Δούκας) [78].

 

b) Suffix -ov-

 

Mit diesem Suffix ist nur ein ON aus einem VN abgeleitet: Stojmerova (Ἀϊμέροβα Κ 6). Die meisten ON sind aus KN bzw. aus Zunamen entstanden: Čapov- (Τσάποβες L 5), Čečovo (Τσέτσοβο Κ 4), Černov- (Τσέρνοβες L 8/M), Čičinova (Τσιτσίνοβα L 8), Čьkanova (Τσικάνιοβα L 5), Chrъsovo (Χρούσοβο Κ 11a), Košarova (Κοσιάροβα L 5), Libova (Λίμποβες L 2, Γλίμποβα L 5),

 

 

76. Vgl. die Einleitung bei Eichler-Walther II, S. 76 ff.

 

77. Der ON könnte jedoch aus einer Form Němica stammen.

 

78. Vgl. noch die Karte Nr. 6.

 

 

157

 

Litova (Λίντοβα Oe.), Malova (Μάλοβα L 5), Malšova (Μάλσοβα L 8a), Milišova/Milešova (Μελίσοβα L 5), Muškova (Μούσκοβα L 7), Mъrkovo (Μούρκοβο Κ 4), Obova (Ὀμποβά Κ 4), (O)spelova (Ἀσπέλιοβα Oe.), Prosinova (Παρσίνοβα L 1, Μπαρσίνοβα L 5), Prostovo (Πραστοβά Κ 6), Pьstrakovo (Πιστράκοβο Κ 6), Sivьcova (Σιβίτσοβα Κ 6), Strězov- (Τριάζοβες L 8/M), Sudova (Σούντοβα Κ 1c), Tromošova (Τρομοσοβά L 3, L 7, L 8), Tugnova (Τούγνοβα Κ 5), Tušovo (Τούσοβο Κ 3a), Vitova (Βίτοβα L 8a), *Vьlkovo (Γλυκοβός Κ 6), Vodova (Ἀβόντοβα L 3), Vornova (Βάρνοβα L 2), Žukovo (Ζούκοβο Κ 6).

 

Folgende ON sind aus griechischen Taufnamen entstanden: Gergiova (Γέργιοβα Oe.), Gerova (Γέροβα L 5), Kalicova (Καλιτσοβά Κ 4), Količova (Κολιτσοβά Κ 3b), Koskova < *Kostьkova (Κοσκοβές L 8/M), Nikovo (Niκοβο Κ 4), Panicova (Πανίτσοβα Κ 6).

 

Besonders aufschlußreich scheinen mir die ON in Κ 6 zu sein. Außer der Tatsache, daß dort der einzige mit diesem Suffix aus einem VN abgeleitete ON (Stojmerova) vorkommt, weisen die übrigen -ov-Bildungen dort die älteren Vertretungen griech. a < slav. ο (*Σταϊμέροβα < Stojmerova, Πραστοβά < Prostovo) und griech. i < slav. ь (Πιστράκοβο < Pьstrakovo, Σιβίτσοβα < Sivьcova, Γλυκοβός < *Vьlkovo) auf [79].

 

c) Suffix -in

 

Mit diesem Suffix werden bekanntlich possessivische Formen aus PN gebildet, die die Endung -a haben, also grammatikalisch Feminina sind. Dieser Kategorie gehören folgende ON unseres Gebietes an:

 

Bolešina (Μπολεσίνα Κ 1b), Bosetin (Βασετίνιο Κ 4), Gradešina (Γραντεσίνα Κ 1d) Chotilina (Χοτίλινα Κ 2b, Χοτύλινα Κ 2a, Χοτίλινες Κ 2a), Kunina (Κουνίνα L 2) [80], Lьsto̢tina (Λισταντίνα Κ 3a, Κ 3b, Κ 4), Malotina (Μαλοντίνα L 11), Osotina (Ἀσωτίνα L 5a, Ἀστοτίνα L 5), Radešina (Ραντεσίνα Κ 4).

 

Die ON Palotina (Παλοτίνα L 13, Παλοτίνια L 1a/M) und Palušina (Παλουσίνα Oe) sind aus dem griechischen Taufnamen Παύλος entstanden.

 

d) Suffix -ьnъ

 

Dieses Suffix könnte im ON Πρασίνο ντολός (Κ 4) < Prosin dol < *Prosinьnъ dolъ enthalten sein.

 

 

79. S. die Karte Nr. 7.

 

80. Die Entstehung aus dem Appel. kuna = »Marder« ist ebenfalls möglich.

 

 

158

 

2. Suffix -ica, ikъ

 

In den ON Obrevica (Νομπρεβίτσα Oe., Νουμπρεβίτσα Κ 5) und Sudenik < *So̢denьnikъ substantivisieren die Suffixe -ica, -ikъ die urspr. adjektivischen Formen. Die ON Glumenica (Γλουμαίνιτσα Κ 4), Suljanica (Σουλιάνιτσα Κ 4), Tatinica (Τατίνιτσα Κ 6, Τατίνιτσες L 6, L 10) und vielleicht noch Němica (Oe., wenn nicht Němьča wie oben) sind aus PN mittels des toponymischen Suffixes entstanden.

 

3. Patronymische Ortsnamen

 

Als patronymische ON, d.h. Ableitungen aus PN mittels des Suffixes *-itj- > -išt-, sind m. E. folgende ON anzusehen: Pьsotište bzw. Pьso̢tište (Πισαντίστης Κ 12), Mušište (Μουσίστια, Μουσίστιες L 8a), Čiriništa (Plural; Τσιρίνιστα Κ 6), Djurovišta (Plural; Τσουροβίστια Κ 6). Zu beachten ist, daß die letzten zwei ON, die aus dem gleichen Ort stammen, und den urspr. Genus sowie Numerus bewahrt haben, aus griechischen Taufnamen gebildet wurden.

 

4. Direkte Bildungen

 

Die ON Μπελέχας (< Belecha Κ 2b), Κόσκος (< Kosko < *Kostьko Κ 2a), Κουσίτσα (< Kusica Κ 2a), Πούντακας (< Putak L 4) und Ράϊκος (< Rajko L 3, L 4, Oe.) sind griechische Ortsnamenbuldungen. Sie sind indirekt aus PN entstanden, deren Etymon freilich slavisch ist. Diese Deutungsmöglichkeit ist auch für die ON Νιμιρός (L 9) und Κολιμερός (L 8/M) zu erwägen (vgl. la oben).

 

 

III. Einwohnernamen

 

Die ON Γολιανά (Κ 3a) und Σιλαβοτιάνικα (L 7) sind sekundäre Bildungen: Ableitungen mit dem Suffix -ιανά bzw. –ιάνικα [81]. Die Tatsache, daß sie ein slavisches Etymon haben (ON Gola bzw. PN Slavota), kann uns nicht dazu zwingen, hier slavische Bildungen mit dem Suffix -jane anzunehmen. Daß hier eventuell eine volksetymologische Anlehnung, etwa Slavotjane > *Σλαβοτιάνοι, Σλαβοτιάνικα vorliegen könnte, kann man freilich nicht ausschließen.

 

 

81. Darüber ausführlich Amantos 50-55.

 

 

159

 

 

IV. Griechisch-slavische Bildungen

 

Folgende ON sind, wie im jeweiligen Lemma vermerkt wurde, aus Lehnappellativa des örtlichen griechischen Dialekts entstanden; sie sind deshalb als griechische Ortsnamengebungen anzusehen:

 

a) Direkte Bildungen

 

Μπελίνες (Κ 5)

Γαρδίνα, Γαρδίνες, Γαρδίνι etc. (oft), Γαρδός, L 4. (vgl. s. v. Grad-)

Γορά (Κ 4)

Γράνα (Κ 5)

Γουστερίνα (Κ 6)

Χελμός (L 5)

Γκλεμουτσός (L 3)

Κλεμούτσου (L4) Κίκα (Κ 3a, Κ 4, L 11, L2a)

Κορίτο (L 4, Κ 4)

Λάζος (oft, vgl. s. v.)

Λουκά (oft, vgl. s. v.)

Μούσγα (Κ 6)

Ὄτοκα (L 12a/M)

Πολιάνα (oft, vgl. s. v.)

 

Πρόπαντη (oft, vgl. s. v.)

Ρεμπρή (oft, vgl. s. v.)

Σοποτός (oft, vgl. s. v.)

Στάλος (L 11)

Τοπόλια (L 2)

Βιρός (Κ 3a, Κ 4 L 1)

Γούπατα, Γούπαντα (oft, vgl. s. v.)

 

b) Ableitungen mit griechischen Suffixen

 

Ἀγαρδόνας (L 3)

Σαϊδόνα (Κ 5)

Στεπενιάτισσα (L 8)

 

Στεπενιώτισσας ποτάμι (L 11/M)

Βίριαλη (oft, vgl. s. v.) [82]

 

c) Hybride Komposita

 

Ἀγριο-γαρδίνα (L 1, griech. ἄγριος), Ξερο-γαρδίνες (L 8a/M, griech. ξερός) Ξυλο-γαρδίνα (L 11, griech. ξῦλο), Κολιανο-πυργος, Κολιανό-μπυργας (L 7, L 3, griech. πῦργος), Λιασο-βούνι (Κ 3a, griech. βουνό), Τσέρο-πουλίτσα (L 4, griech. Lehnappel, τσέρος), Βοντο-πήγαδο ( L 8/M, griech. πηγάδι).

 

 

82. Über die griechischen Ableitungssuffixe vgl. s.v. Es ist bezeichnend, daß die semantisch verwandten Άγαρδόνας und Σαϊδόνα (slav. *gordъ, sadъ = »hortus«) das Ableitungssuffix -ῶνας, -ῶνα, das im Neugriech. zur Bildung von Gartenbezeichnungen verwendet wird, enthalten. Dies spricht dafür, daß die ON auch als (Lehn)appellativa im örtlichen Dialekt im Gebrauch waren!

 

 

160

 

 

Die Bildung der in den ON enthalten PN

 

1. Vollnamen

 

Ich halte mich hier an die Einteilung von Eichler-Walther (S. 80) und unterscheide echte und unechte VN. Im Ortsnamenmaterial unseres Gebietes sind folgende VN enthalten: Libovidъ (L 5, L 11a), Litomirъ (L 5a), Stojmerъ (K 6), Tolimerъ (L 8), Vitomirъ (L 1). Als unechter [83] VN ist der PN Nemirъ (L 9) anzusehen.

 

2. Kurznamen

 

Hier kann man suffigierte und nicht suffigierte KN unterscheiden.

a) Als nicht-suffigierte sind diejenigen KN anzusehen, die eines ihrer Glieder verloren haben und ohne ein konsonantisches Erweiterungssuffix belegt sind. Diese KN könnten jedoch ein vokalisches Suffix -o enthalten, doch dies festzustellen, ist anhand unseres Materials nicht möglich. Vgl.: Lib(o), Lit(o), Ob(o), Strěz(o), Sud(o), Tuš(o), Vid(o), Vod(o). Als einen nicht-suffigierten KN könnte man ferner den PN Gostimъ ansehen, falls man eine nichtetymologische Abkürzung: erstes Glied + erster Buchstabe des zweiten Gliedes (Gosti-mirъ > Gostim-irъ) voraussetzen würde [84].

 

b) Suffigierte KN

 

     Suffix

     Kurzname

-akъ Putakъ
-ila Chotila
-ilъ/ -ьlъ Strachilъ (Strachьlъ)
-inъ Bolinъ (Volin)
  Godinъ
  Prosinъ
  Tatinъ
-ьnъ (> -enъ) Sudenъ
-janъ Suljanъ

 

 

83. Als unecht bezeichnet Trautmann (EO I, 41) die PN, die im ersten Glied eine Präposition oder ein Adverb haben. Zu dieser Kategorie gehören ferner nach Ansicht der DDR-Namensforscher auch die PN, die eine Negation im ersten Glied haben (vgl. z. B. Schlimpert II, 172). Zur Problematik dieser Komposita s. Svoboda 99, Malec 19.

 

84. Diese Kategorie der KN ist in allen slavischen Sprachen belegt, vgl. Selišč. Proisch. 120. Man könnte jedoch hier eine Bildung KN + Suff. imъ (ein Suffix, das im Slavischen Verwandtschaftsbezeichnungen, wie č. und russ. otčim, sbkr. pobratim, bildet) nicht ausschließen, vgl. Svoboda 163.

 

 

161

 

-eša Boleša
  Gradeša
  Radeša
-ašь Gorašь
  Chotašь
-o̢ta Lьsto̢ta

 

 

3. Partizipialnamen

 

Diese PN, die zu den ältesten Bildungen im Slav. gehören [85], sind direkt aus den n- und l-Partizipien des Präteritums entstanden. Solche PN kommen in unserem Gebiet auch in ON vor: *Čьkanъ (Part. Prät. passiv von čьkati) und (O)spělъ (Part. Prät. aktiv von (o)spěti).

 

4. Zunamen

 

Es handelt sich hierbei um PN, die entweder aus Appellativa oder aus Adjektiva, die eine bestimmte Eigenschaft der bezeichneten Person ausdrücken, entstanden sind. Ich gebe zuerst eine Übersicht über die Semantik der ZN.

 

PN aus Appellativa: Außer den PN Orkita, Rajko und Dušilъ wurden alle PN dieser Kategorie aus Tiernamen gebildet, vgl. Čapъ, Kuna, Vьlkъ, Pьso̢ta/Pьsęta; ferner kommen ein Vogelname (Vrana) sowie die Insektennamen Žukъ, Mucha, Muško und Osota vor.

 

PN aus Adjektiva:

a) Farbe: Čьrnъ, Mъrk(o), Belecha, Sivьcь, Pьstrakъ.

b) Körperbau: Drebьnъ, Malota, Malьšь [86], Durьnъ, Tromošь.

c) Negative Eigenschaften: Kusica (»mutilatus«), Němьcь (»stumm«),

d) Positive Eigenschaften: Chъrsъ (»gut«?), Glumьnъ (»jocosus«), Lěpunъ (»schön«), Milišь (»lieb«), Prostъ (»erectus«),

e) »Nackt, barfuß«: Golušь, Boseta.

 

Als ZN sind ferner anzusehen: ein PN, der sich auf Tätigkeit bezieht (Košarь), sowie zwei PN, die vielleicht die Herkunft bezeichnen: Čužь (»fremd«) und Obrъ (»Avare«) [87].

 

Zur Bildung der ZN ist zu bemerken, daß wir direkte (nichtsuffigierte) Bildungen sowie Ableitungen mit verschiedenen Suffixen haben, vgl.:

 

 

85. Vgl. Tasz. 45, Svoboda 186.

 

86. Die letzten drei PN könnten natürlich auch aus einem Kurznamen stammen.

 

87. Es ist jedoch wahrscheinlicher, da wir Vergleiche aus anderen Sprachen ziehen können, daß Obrъ nicht als Ethnonym, sondern als Adjektiv (»riesig«) im Gebrauch war.

 

 

162

 

Nichtsuffigierte ZN

 

Čapъ

Kuna

Mucha

Vьlkъ

Vrana

Žukъ

Čьrnъ

Čužь

Drebьnъ

Durьnъ

Glumьnъ

Chъrsъ

Obrъ

Prostъ

Košarь

 

 

Suffigierte ZN

 

    Suffix     Zuname
-ьko

Muško

Mъrko

Rajko

-akъ Pьstrakъ
-ech(a) Belecha
-ilъ Dušilъ
-ьcь

Malьcь

Němьcь

Sivьcь

-ica Kusica
-inъ Čičinъ
-unъ Lěpunъ
-išь (-ešь) Milišь (Milešь)
-ošь Tromošь
-ušь Golušь
-ьšь Malьšь
-eta Boseta
-ota

Malota

Osota

-o̢ta (-ęta) Pьsota (Pьsęta)

 

 

5. Taufnamen

 

Als ein Ergebnis des koarealen Zusammenlebens mit der griechischen Bevölkerung ist die Übernahme von griechischen Taufnamen anzusehen. Dieser Kategorie gehören folgende, z. T. mit slavischen Suffixen erweiterte PN an: Zum PN Γεώργιος > Γεργής: Djuro, Gergi, Gero; zum PN Δούκας: Duka;

 

 

163

 

zum PN Κυριάκος: Čirinъ; zum ΡΝ Κωνσταντῖνος > Κωσταντῖνος : Kosko < *Kostьko; zum PN Νικόλαος > Νίκος : Količ, Ničinь, Niko; zum PN Παναγιώτης : Panica; zum PN Παῦλος : Palota, Paluša [88].

 

 

88. Vgl. noch hier 'Ausblick'.

 

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