Studien zu den slavischen Ortsnamen Griechenlands. 1. Slavische Flurnamen aus der messenischen Mani

Phaedon Malingoudis

 

III. NAMENKUNDE

 

   Α. Zur Phonologie der Flurnamen

 

I. Sekundärer (griechischer) Lautwandel

   Vokalismus:

      1. ο statt a

      2. i statt e

      3. e statt ο

      4. Vokalentfaltung

         a) Prothese eines a-

         b) Prothese eines e-

         c) Entfaltung eines -i-

   Konsonantismus:

      1. Anlauterscheinungen

         a) p- > b-

         b) Prothetisches n-

         c) Schwund des anlautenden n-

         d) Schwund von anlaut. σ- bzw. στ-

      2. t > d

      3. sl > skl

      4. βλ < γλ

      5. Entfaltung eines γ

      6. Schwund des Labials β vor γ

 

II. Die slavischen Laute

   1. Vokale

      Slav. ο

      Slav. ě

      Slav. y

      Slav.

      Die Nasalvokale  ( ǫ , ę )

      Die reduzierten Vokale ъ, ь

   2. Slav. ъr, ьr und ъl, ьl

   Konsonantismus:

      a) slav. b > griech. b (μπ)

      b) Slav. d

      c) Liquida-Metathese

   Slav. *tj und *dj

 

 

I. Sekundärer (griechischer) Lautwandel

 

Wir werden zuerst diejenigen phonetischen Erscheinungen aufzählen, die erst nach der Übernahme der ON im Griechischen vollzogen sind. Aus dem Bereich des griechischen Vokalismus sind zu nennen:

 

1. ο statt a

 

Κομπινοβίτσα (statt *Καμπινοβίτσα in Κ 5), Μπισόντιστης (statt Πισάντιστης in Κ 12). Im ersten Falle könnte es sich um eine regressive Assimilation im Griechischen (a-o > o-o) handeln. Im zweiten Falle könnte man die Möglichkeit eines Schreibfehlers in Erwägung ziehen (die Form Μπισόντιστης ist wie suo loco erwähnt, nur urkundlich überliefert), zumal der ON heute Πισαντίστης lautet. Doch müßte man auch mit der Möglichkeit einer Vokalverengung vor Nasal (a + Nasal > ο + Nasal) im örtlichen Dialekt rechnen. Mirambel (S. 107-108), der eine Form ἀντομωθοῦμε (statt ἀνταμωθοῦμε1. Pers. Plur. von ἀνταμώνω = »treffen«) aus Mani nennt, schließt jedoch diese Möglichkeit aus. Aus unserem Gebiet sind ferner der PN Μιχολίνας (Urk. a. 1547, 1618, Skopeteas 70, 73) und der FamN Μιχολιναῖοι (Urk. a. 1547, ebd. S. 70) zu nennen, wo ein ο statt a (zu PN Μιχάλης = Michael) vorliegt.

 

 

2. i statt e

 

Ζιλίνα (statt Ζελίνα in Κ 6), Νιμιρός (statt *Νεμιρός in L 9). Da die Vokalverengung unbetontes e > i nur für die nordgriechischen Dialekte charakteristisch ist [1], kann sie uns hier nicht als Erklärung dienen. Es handelt sich hier eher um ad hoc Erscheinungen (regressive Assimilation e-i > i-i). Man beachte zudem, daß Ζιλίνα neben Ζελίνα belegt ist, während das -i- in Νιμιρός doch ursprünglich (slav. Nimirъ) sein könnte!

 

 

1. Darüber Hatzidakis 342 ff.

 

 

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3. e statt ο

 

Πρέτσαπος (statt *Πρότσαπος in Κ 3a). Vgl. Hatzidakis 333: »... ferner ist hervorzuheben, daß ... auch i und ο in e übergehen ... wenn sie unbetont sind und neben einer Liquida stehen« vgl. ebd. S. 334 die Beispiele: ἀντίδερο statt ἀντίδωρο, σερεύω statt σωρεύω usw. Aus unserem Gebiet ist hierzu die Form κρετήρα (Urk. a. 1733, Skopeteas 83) zu nennen, die aus neugriech. κροντήρα = »Wasserkrug« entstanden ist.

 

 

4. Vokalentfaltung

 

a) Prothese eines a-

 

Ἀλιτόμιρα (statt *Λιτόμιρα in L 5a); Ἄρτος ( < slav. rt in Κ 2b, Κ 3a); Ἀβόντοβα (statt *Βόντοβα in L 3). Es handelt sich hier um die gemeinneugriechische Entfaltung eines a im konsonantischen Anlaut, die sich seit der Koine erweisen läßt [2].

 

b) Prothese eines e-

 

Ἐμαλτσός (statt *Μαλτσός in L 4). Prothetisches e- läßt sich auch in anderen ON aus der Peloponnes nachweisen., vgl. z. Β. Ἐγιαλός < Γιαλός zum ngriech. γιαλός = »Meeresstrand«; Ἐγλυκός (Berg in Βερβίτσα, Olympien) < Γλυκός zu ngriech. γλυκός = »süß« (oder zu slav. vlьkъ, wie Γλυκοβία hier?) [3]. Vgl. ferner das ngriech. dialektische Lehnappellativ ἐγλενός = »acer creticum, σϕένδαμνος, Bergahorn« < slav. klen = »Ahorn« und daraus ON Ἐγλένοβα (Gortynien, Zentralpeloponnes) [4].

 

c) Entfaltung eines -i-

 

Σιλαβοτιάνικα (statt *Σλαβοτιάνικα in L 7), Σιμολίσκια (statt *Σμολίσκια in L 11). Die Entfaltung eines interkonsonantischen Sproßvokals -i-, insbesondere in der Gruppe Kons. + Liquida (n + 1, seltener r) sowie Konsonant (k, t, s) + m läßt sich sowohl für das Mittelgriech. als auch für ngriech. Dialekte belegen [5]. Aus Mani ist das Adjektiv χέρισος statt χέρσος = »unfruchtbar, unbebaut« (für Boden) zu nennen [6]. Das Sproßvokal -i- liegt in folgenden

 

 

2. Dieterich, Untersuchungen 33, 289 mit Belegen aus dem Mittelgriech. Über die Prothese eines a- im Dialekt von Mani vgl. Mirambel 121.

 

3. Belege aus Georgakas 134.

 

4. Vgl. Ph. Malingoudis: Slavische Pflanzenbenennungen im Neugriechischen. In: Ling. Balk. XXII (1979), H. 3, S. 47.

 

5. Vgl. darüber Dieterich, Untersuchungen 40-43. Für Beispiele aus dem Mittelgriechischen s. Psaltes 30.

 

6. Mirambel 123-125. Belege aus neugriech. Dialekten bietet Dieterich, Untersuchungen 277.

 

 

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ON aus der Peloponnes vor: Συλίβαινα < Σλίβαινα < slav. *slivьna (Achaien, Vasmer 139); Γαϊδουροπινίχτη, Γαϊδουροπινίχτρη (2x FlußN Triphyllien [7] < Γαϊδουροπνίχτη zu ngriech. γάιδαρος = »Esel« + πνίγω = »ertrinken«); Καπινίστρα, Καπινούς, Καπινοτόπι [8] (zum ngriech. Appel. καπνός = »Rauch, bzw. Tabak«),

 

Σαϊδόνα (statt *Σαδόνα in Κ 5), Βαϊδενίτσα (statt *Βαδενίτσα in Κ 5). Wir haben es hier mit einer auch aus anderen ngriech. Dialekten bekannten Erscheinung zu tun, d. h. mit der Entfaltung eines intersyllabischen -i-, gewöhnlich zwischen a oder ο und δ. Vgl. ngriech. βόϊ-δι < βό-δι = »Ochse, ρό-ι-δι < ρό-δι = »Granatapfel«, χά-ι-δι < χά-δι = »Streichel« [9]. Man vgl. dazu die ON aus der südwestl. Peloponnes: Βοϊδο-κοιλιά, Βοϊδο-λιμνα, Βοϊδά (ON in Σμαρλίνα Olympien, zu ngriech. βόϊδι oder slav. voda?); Ροϊδιά (neben Ροδιά), Ροϊδίτσα, Ροϊδούλα [10].

 

 

Aus dem Bereich des neugriechischen Konsonantismus sind zu nennen:

 

1. Anlauterscheinungen

 

a) p- > b-

 

Μπανίτσα (statt *Πανίτσα in L 8/M), Μπογονίτσα (statt *Πογονίτσα in L 12a/M), Μπρεγονιός (statt *Πρεγονιός in Κ 2a, Κ 3a, Κ 3b), Μπολιανίτσα (statt *Πολιανίτσα in Κ 1a), Μπρέτσαπος (statt *Πρέτσαπος in Κ 3a, 2x), Μπρετσός (statt *Πρετσός in L 8/M), Μπόρσιακα (statt *Πρόσιακα), Μπαρσίνοβα (statt *Πρασίνοβα in L 5), Μπίσολος (statt *Πίσολος in L 5), Μπισοντίστης (Κ 12, Variante von Πισαντίστης!).

 

Im Neugriechischen wird bekanntlich der anlautende stimmlose labiale Verschlußlaut π [ρ] nach dem auslautenden ν [n] des vorhergehenden Wortes (gewöhnlich nach dem Akkussativ des maskulinen oder femininen Artikels τόν, τήν oder nach der Negation δέν) zu einem stimmhaften b umgewandelt: ὁ πα-τέρας-τόν πατέρα (gespr. tonbatera), ἡ Πόλη (Konstantinopel)- στήν Πόλη (gespr. stinBoli, woher türk. Istambul!), δέν πίνω (gespr. δenbino). Der Wandel anlaut. p > b in den oben angeführten ON unseres Gebietes läßt

 

 

7. Georgakas 119.

 

8. ebd. S. 147.

 

9. S. Mirambel 125 mit Beispielen aus dem Dialekt von Mani. Diese Erscheinung läßt sich ebenfalls für das Mittelgriechische nachweisen. Ob in der Benennung von Mani, Μάϊνη (belegt seit der Mitte des 10. Jhd. bei Konstant. Porphyrogennetos, vgl. Psaltes 30) das gleiche Phänomen vorliegt, vermag ich nicht zu bestimmen; das Etymon dieses ON ist bisher nicht befriedigend erklärt worden.

 

10. Belege aus Georgakas 115, 244.

 

 

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sich also aus der Akkusativform erklären. Eine Besonderheil des ngriech. Dialekts von Mani ist es, daß dort, im Gegensatz zum Gemeinneugriechischen, das auslautende Nasal des vorhergehenden Wortes vor dem neuentstandenen b schwindet: στήν Πόλη - sti Boli [11]. Einige Beispiele aus dem überlieferten Urkundenmaterial aus unserem Gebiet mögen diese Erscheinung verdeutlichen: ἐν μπρώτοις (< ἐν πρώτοις, Adv. = »zuerst«, Urk. a. 1736, Skopeteas 85), τή μπέρα Λουκά ( < τήν πέρα Λ. = »die jenseitige L.«, Urk. a. 1736, ebd. S. 86), ἤμου μπαρό ( < ἤμουν παρών = »ich war zugegen«, Urk. a. 1772, ebd. S. 91), στόν μπεσμένο (< στόν πεσμένο = »am Gefallenen«, Urk. a. 1776, ebd. S. 92), τό μπουλῶ (< τόν πουλῶ = »ich verkaufe ihn«, Urk. a. 1780, ebd. S. 93), τόν μπαπά (< τόν παππά = »den Poppen«, Urk. a. 1810, ebd. S. 97), ἑπατόν μπενήτα (< ἑκατόν πενήντα = »hundertfünfzig«, Urk. a. 1814, ebd. S. 98) usw.

 

b) Prothetisches n-

 

Νίσβαρη (statt * Ἴσβαρη in Κ 3b), Νομποβά (statt * Ὀμποβά in Κ 4), Νομπρεβίτσα (statt * Ὀμπρεβίτσα), Νουμπρεβίτσα (statt * Ὀμπρεβίτσα in Κ 5), Νοκολοί (staft * Ὀκολοί in Κ 4), Νόϕιτσα (statt * Ὄϕιτσα in L 4), Νούπαντη (L 13), Νούπαδη (L 5 statt Οὔπαδη).

 

Im Neugriechischen entwickelt sich bisweilen vor vokalisch anlautenden Substantiva ein prothetisches n-. Diese Erscheinung, die ebenfalls aus der Akkusativform hervorgegangen ist (τήν Οὔπαδη - τή Νούπαδη -ἡ Νούπαδη), läßt sich schon in den ägyptischen Papyri beobachten. Im Dialekt von Mani findet man das prothetische n- außerdem noch in Verbalformen (νέϕτασε statt ἔϕτασε) und in Adverbien (νόπου statt ὅπου) [12].

 

c) Schwund des anlautenden n-

 

Ebenfalls auf eine Sandhi-Erscheinung ist der Verlust des anlautenden n- in Ἴζινα (statt Νίζινα in L 11a) zurückzuführen; das n- wurde als Teil des vorhergehenden Artikels aufgefaßt: τήν Νίζινα -ἡ Ἴζινα. Diese Erscheinung läßt sich auch für das Mittelgriech. Belegen [13].

 

 

11. Mirambel 155-156.

 

12. Mirambel 174-175; Belege aus den Papyri wie ναύραν statt αὔραν, νάβυσσος statt ἅβυσσος bietet Dieterich, Untersuchungen 95, vgl. ebd. 281-282 für Beispiele aus neugriech. Dialekten. Für Belege aus dem Mittelgriech. vgl. Psaltes 83. S. noch Hatzidakis 51, Anm. 1.

 

13. Vgl. Psaltes 85: »πολλαί πηγαί ὑπάρχουσιν ἄϕθαν (recte: νάϕθαν) ἀποδιδοῦσαι«, Konst. Porphyrogennetos.

 

 

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d) Schwund von anlaut. σ- bzw. στ-

 

Τριάζοβες (statt *Στριάζοβες in L 8/M), Ὀλίστια (statt *Στολίστια in Oe.), Ἀϊμεροβά (statt Σταϊμεροβά in Κ 6). Τριάζοβες ist aus der Akkusativform στις Στριάζοβες hervorgegangen, während in *Στολίστια und Σταϊμεροβά das anlaut. st- als neugriech. στ (< εἰς τά) aufgefaßt wurde. Man vgl. dazu mittel- und neugriech. καπούλια < lat. scapulae [14], mittelgriech. Τριαδίτζα (Sofia) < *Σριαδίτζα < slav. Srědьcь < lat. Serdica, griech. Σερδική und Τρεάζιστα < *Στρεάζιστα (Urk. a. 1361, Vasmer 259) < slav. Strěžišta, das auf dem gleichen Etymon wie Τριάζοβες (zum PN Strězo) beruht.

 

 

2. t > d

 

Λίντοβα (Oe.), Μαλοντίνα (L 11), Πούντακας (L 4).

 

Hier liegen zwei Erscheinungen vor: erstens die Entwicklung des sogen, irrationalen Nasals vor dem Verschlußlaut t, der dadurch stimmhaft wird: t > nd und zweitens der anschließende Schwund des Nasals vor d: nd > d. 1. Die Entfaltung eines Nasals vor Verschlußlauten kann man seit der Koine beobachten (vgl. Βρενταννικῶν, Papyrus a. D. 211) [15]. Aus dem Mittelgriechischen seien die Beispiele genannt: Ἀδραμυντηνός, Ἀδραμύντιον, Ἀνδραμύτιον; παλλάντιον (< lat. palatium); Δομιντιανός, Τερεντίνα, Ἀκυντάνη (Aquitana); Ποντίολι (Puteoli); Ἀνδριανός, Ἀνδριανούπολις (woher franz. Andrinople [16]). Die Konsonantenverbindung n + t (graphisch: v + τ) wird im Neugriech. stets als [nd] ausgesprochen [17]. 2. Eines der Unterscheidungsmerkmale der nördlichen Dialekte des Neugriech. von den südlichen ist es, daß jene die Aussprache des Nasals vor d (< t) bewahrt haben. In den südlichen Dialekten dagegen überwiegt die Tendenz, das Nasal vor dem Verschlußlaut auszustoßen: ἀμπέλι (nord-griech. ambèli - südgriech. abèli), πέντε (nordgriech. pènde - südgriech. pède). Im Dialekt von Mani ist diese Erscheinung besonders ausgeprägt, sie wird dadurch erklärt, daß im Maniotischen die Tendenz zur offenen Silbe stärker sei als im Gemeinneugriechischen [18]. Für unsere ON

 

 

14. Psaltes 85.

 

15. Dieterich, Untersuchungen 92-95. Vermutungen über die Ursachen der Nasalisierung ebd. S. 94. Man vgl. slav. so̢bota < griech. Σάμβατον = »Samstag«.

 

16. Psaltes 79.

 

17. Die Regeln der neugriechischen Bühnenaussprache schreiben vor, daß man etymologisches ντ als nd auszusprechen hat, während man fremdes d (das auch durch ντ transkribiert wird) als d aussprechen soll, z.B. ἐντολή: endoli, μαντάμ (franz. madame) madam.

 

18. Mirambel, 160. Vgl. ebd. 162: »Le traitement μπ, ντ, ng > b, d, g, qui caractérise le maniote, le met donc a part des autres parlers péloponnésiens, qui, eux, ont conservé la nasale implosive«.

 

 

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müßten wir also die Entfaltung des Nasals voraussetzen, der anschließend, gemäß der Besonderheiten des örtlichen Dialekts, ausgefallen ist.

 

 

3. sl > skl

 

Ὄσκλια (L 5 a), Σχλίβα (L 3, L 4), Σκλιβίτσα (Κ 4). Diese Erscheinung ist von Triandaphyllides 65 erklärt worden: slavisch sl tritt in älteren Entlehnungen aus dem Slavischen zunächst als στλ- (σθλ-) im Griech. auf, jüngere Entlehnungen haben dagegen den Reflex σκλ- [19].

 

 

4. βλ < γλ

 

Γλυκοβός (statt *Βλυκοβός in Κ 6), Γλικοβία (neben Βλικοβία in Κ 2b). Der Wandel: Verschlußlaut + Liquida βλ > γλ ist im Mittel- und Neugriech. belegt, vgl. σουγλί < σουβλίον = »Spieß«, γλέπω < βλέπω [20].

 

Aus der Toponymie sind zu erwähnen (Wandel ßp > γρ): Καλάβρυτα > Καλάγριτα, woher afranz. La Grite, in der franz. Fassung der Chronik von Morea [21], Εὔριπος > Ἔγριπος, woher volksetymologisch die italienische Benennung Negroponte der Insel Euboia entstanden ist [22].

 

 

5. Entfaltung eines γ

 

a) Γούπαντα/Γούπατα neben Οὔπαντα. Die Entfaltung eines intervokalischen γ vor allem vor ου (u) und o, das zur Tilgung des Hiatus bestimmt ist (τό Οὔπαντο > το-γ-Οὔπαντο) ist eine wohlbekannte Erscheinung der griech. Sprache seit der hellenistischen Zeit [23].

 

b) Γυστάνιτσα (L 12/M). Hier liegt der ON mitsamt seinem Artikel vor: ἡ Στάνιτσα, gesprochen ji stanitsa nach der Entfaltung eines j vor i, worüber Hatzidakis 120-121.

 

c) Γλίμποβα (statt Λίμποβα, L 5). Man könnte hier von einer Form *Βλίμποβα ausgehen, die auf slav. Präp. v(ъ) + Nomen im Akkusativ beruhen könnte. In diesem Falle hätten wir es mit einem Wandel βλ > γλ im Griech. zu tun (vgl. oben). Doch läßt sich auch ein Wandel λ > γλ nachweisen. Ich kann hier bloß zwei Beispiele nennen: ein Appellativ γλακάδι < ngriech. λαγκάδι = »Tal« ist urkundlich in unserem Gebiet belegt (Urk. v. 21. 10. 1700, Skopeteas 80) und eine Form Γλεσίνα < *Ελευσίνα für Eleusis

 

 

19. Vgl. noch Vasmer, 254-255 mit Beispielen aus der slavischen Toponymie Griechenlands.

 

20. Dieterich, Untersuchungen 102, 283.

 

21. Meyer, Wanderungen 55.

 

22. Markl 47.

 

23. Darüber Hatzidakis 121 ff., Dieterich, Untersuchungen 91 ff.

 

 

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ist in einer Notitia Episcopatuum, die vor dem Jahre 723 zu datieren ist, bezeugt [24].

 

 

6. Schwund des Labials β vor γ

 

Κρίγοι (statt *Κρίβγοι in Κ 2b), Γιατρινίτσα (statt *Βγιατρινίτσα in Oe.). Über die Tendenz der Gruppe βγ sich zu γ zu reduzieren im Dialekt von Mani vgl. Mirambel 184 mit den Beispielen: ϕέγου < ϕεύγω [25], ζεγολάτης < ζευγολάτης, ζεγάρι < ζευγάρι. Aus unserem Gebiet ist ferner die urkundlich belegte Form ἐγεῖ < ἐβγεῖ (3. Pers. Sing. Präs. von βγαίνω = »ausgehen, vortreten«, Urk. v. 7. 1. 1733, Skopeteas 84) zu nennen. Das Pronomen ὅπιος (gespr. òpjos) = »wer« lautet in den Urkunden fast ausschließlich ὅγοιος [26], also Labial p + γ [j] > γ [j]. Außerhalb unseres Gebietes ist der ON Σεργιανά < Σερβιανά, eine Ableitung von Σέρβια, belegt [27].

 

 

II. Die slavischen Laute

 

1. Vokale

 

Slavisches a und e werden ausnahmslos durch griech. α bzw. ε in den ON unseres Gebietes vertreten.

 

 

Slav. ο

 

Es gilt bereits als erwiesen, daß in den ältesten Entlehnungen aus dem Slavischen slav. ο stets durch griech. α wiedergegeben wird: das urslavische ο war auch nach dem Slaveneinbruch bis zu der südlichsten Spitze der Hämus-Halbinsel (d. h. bis zu dem Gebiet, das wir hier zu untersuchen haben), wenn nicht gar identisch mit a, so doch ein stark offener Vokal, den die Griechen als a hörten [28].

 

Da die jüngeren Entlehnungen aus dem Slavischen slav. etymologisches ο stets als ο reflektieren, könnte man, anhand des Reflexes a bzw. ο eine chronologische Einteilung der ON zu unternehmen versuchen. Einen Terminus post quem für slav. ο > griech. ο können uns die byzantinischen Quellen anbieten:

 

 

24. N. Bees: Beiträge zur kirchlichen Geographie Griechenlands im Mittelalter und in der neueren Zeit. In: Oriens Christianus, N. S., Bd. 4 (1915), S. 242.

 

25. Der neugriechische 'Diphthong' ευ wird bekanntlich ev ausgesprochen.

 

26. 12 Belege vom J. 1622 bis z. Jahre 1814, Skopeteas 74 et passim.

 

27. Chronik von Morea, bei Meyer, Wanderungen 54.

 

28. Vgl. die Beispiele bei Vasmer 267-268 (ältere Entlehnungen und ON aus Griechenland). Für eine gründliche Erläuterung vgl. Mareš 16-19, dort auch die ältere Literatur.

 

 

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Der chronologisch späteste Beleg für slav. etym. ο > griech. a findet man meines Wissens in Theophanes' Chronographin. Dort wird im Jahre 810 ein Bote des bulgarischen Fürsten Krum namens Δαργαμηρός (< Dorgomir, woher: Dragomir) erwähnt [29].

 

Einen Terminus ante bietet uns andererseits Konst. Porphyrogennetos um die Mitte des 10. Jhd. mit der Erwähnung eines βοεβόδος (slav. vojevoda) an [30]. Wir können auf diese Weise die Zeit der Petrifizierung derjenigen ON Griechenlands, die einen Reflex a für slav. etymolog. ο vorweisen, spätestens vor der Mitte des 10. Jhd. ansetzen. Ehe man jedoch diese Datierung vornimmt, muß man jeden einzelnen ON überprüfen, um die sekundären Fälle auszusondern. Solche Fälle sind:

 

a) Ein sekundär entstandener ON, d. h. ein ON, der aus einem griechischen Lehnappellativ, entweder direkt oder durch griech. Ableitungssuffixe, entstanden ist. Das in solchen Fällen evtl. vorhandene a für slav. ο sagt nichts über die Zeit der Entstehung des ON aus; er stammt aus dem früher übernommenen und zur Zeit der Entstehung des ON bereits zum lexikalischen Bestandteil der griechischen Sprache gewordenen Appellativ. Demnach sind z. B. die ON Καρούτες (Doris, eine griech. femin. Pluralbildung) und Καρούτια (1. Doris, 2. Lakonien, griech. neutr. Pluralbildung, die Vasmer 267 zu der älteren Schicht der slavischen ON Griechenlands zählt), keine slavischen Ortsnamenbildungen: sie sind aus dem Appellativ καρούτα = »Trog« entstanden, das freilich zu einer früheren Zeit aus slav. koryto entstanden ist.

 

b) Ein durch volksetymologische Anlehnung an ein griechisches Wort sekundär entstandenes α. Beispiele: Βαριάνη (Parnassis), den Vasmer ebd. zu

 

 

29. Belegstelle bei Moravcsik, s. v. Man könnte den Terminus um vier Dezennien später ansetzen, wollte man noch die Belege über Μαλαμίρ (bulg. Fürst 831-836) berücksichtigen. Doch hier ist Vorsicht nicht fehl am Platze: der, zweifelsohne slavische, PN Malomir ist uns aus den proto-bulgarischen Inschriften überliefert, es könnte hier protobulgarische (türkische) Lautung vorliegen. Bezeichnenderweise lautet der PN im 11. Jhd. bei Theophylaktos von Achrida Μαλλωμηρός! (Belege bei Moravcsik, s.v.).

 

30. D. Α. I. 38/170 ff. Dieser eindeutige Beleg für slav. ο > griech. ο läßt die ebenfalls bei Konst. Porph. überlieferten Formen ζάκανον < zakonъ (D. Α. I. 8/54-56) sowie die griechische Ableitung γαρασδοειδής (zu slav. gorazdъ = »erfahren, schlau«, Vasmer 238) in einem anderen Licht erscheinen: Diese beiden Wörter waren zur Zeit des gelehrten Kaisers längst aus einer früheren Zeit in die Umgangssprache Konstantinopels eingebürgert. Anders kann man die Tatsache nicht erklären, weshalb der Kaiser ζάκανον als Synonym von ἔθος = »Gewohnheitsrecht« nur im Zusammenhang mit nicht slavischen Völkern (Pečenegen und Chazaren) gebraucht: »... ὄτε ποιήσουσιν oἱ Πατζινακίται πρός τόν βασιλικόν κατά τους ὅρκους καί τά ζάκανα αύτῶν« (D. Α. I. 8/54-56), »ὅν καί ἄρχοντα κατά τό τῶν Χαζάρων ἔθος καί ζάκανον πεποιήκασιν« (ebd. 38/172). Die Ableitung γαρασδοειδής entstammt sicher dem Konstantinopolitaner Jargon jener Zeit.

 

 

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*Borjane stellt, konnte sein α durch volksetymologische Anlehnung an griech. βαρύς, βαριά = »schwer«, oder βαρῶ »schlagen«, bekommen haben [31].

 

Da im toponymischen Material unseres Gebietes neben dem Reflex slav. ο > griech. ο auch einige Fälle slav. ο > griech. α vorliegen, werden wir zuerst versuchen, das im obigen Sinne sekundäre a auszusondern:

 

1. ON aus Lehnappellativa: Παγανίτσα (L 9) zu mittelgriech. Lehnappellativ παγανιά, παγάνα = »Verfolgung u.ä.« (worüber Meyer, Neugr. Studien 49), Στάλος (L 11) zu mittelgriech. Lehnappel, στάλος = »Weideort«.

 

2. Volksetymologische Anlehnung o > a: Πρασίνο ντολός (< Prosinъ Dol, Κ 4) an ngriech. πράσινος = »grün«, Μακρίνας (< Mokrina L 8/M) an μακρύς = »lang«, Ἄστροβα (< Ostrovo in Oe.) an ngriech. άστρο = »Stern«, Παρσίνοβα (L 1), Μπαρσίνοβα (L 5) < Prosinova an πράσινος.

 

Außerhalb unserer Überlegungen muß ebenfalls Ἀσπέλιοβα (Oe.) bleiben. Das a- könnte auch griechisch (prothetisch) sein (in diesem Falle zu slav. Spelova).

 

Ich lasse nun diejenigen ON unseres Gebietes folgen, die mit einer größeren Wahrscheinlichkeit den Reflex slav. ο > griech. a aufweisen und die zu der älteren Schicht gerechnet werden können: Βασετίνιο (Bosetin in Κ 4), Ἀμπροντολός (Obr dol in L 4), Παγασίστια (< Po Gazišti in L 7), Ἴσβαρη (< Izvor in K 3a, Κ 4), Νίσβαρη (< Izvor in K 3b), Λισταντίνα (< Lьstotina in Κ 3a, Κ 3b, Κ 4), Ἀράχοβα (< Orěchova in L 1), Πραστοβά (< Prostova in Κ 6), Ἀϊμεροβά (< Stojmerova in Κ 6), Τάριτσα (< Torica in L 8, L 11, L 12/M), Βαϊδενίτσα (< Vodenica in Κ 5) [32].

 

 

Slav. ě

 

In unserem Gebiet wird slav. etymol. ě ('jat') teils durch griech. ε, teils durch α (bzw. ια) vertreten. Diesen unterschiedlichen Reflex, der auch sonst in der slavischen Toponymie Griechenlands zu beobachten ist, hat Vasmer (S. 269-272) als ein Kriterium zur chronologischen Einteilung der slavischen ON Griechenlands angesehen. Nach ihm seien diejenigen ON, die einen Reflex ε für 'jat' aufweisen, älter, die α (ια)-Vertretungen gehören dagegen einer jüngeren Lautstufe an. Zur Begründung seiner These bringt Vasmer (S. 269) zwei

 

 

31. Man wird natürlich, ehe man mit Überlegungen über die Datierung des ON anfängt, eine einwandfreie Etymologie vorlegen müssen. Die ON Ζαγαρᾶ (Böotien), Ζαγάρενα (Messenien), in welchen Vasmer 267 den Reflex slav. ο > griech. a entdeckt zu haben glaubte (*Zagora, *Zagorьna) sind nicht slavisch: sie sind griechische Ableitungen aus einem griech. Zunamen bzw. Nomen agentis Ζαγάρης zum neugriech. ζαγάρι = »Vieh, insbes. Pferd oder Maulesel«. Ζαγαρᾶ ist die Genitivform des PN, während Ζαγάραινα eine andronymische Bildung (mit dem Suff. –αὶνα) darstellt.

 

32. Vgl. Karte Nr. 2.

 

 

137

 

Argumente [33]. 1. Er erwähnt beiläufig: »Da im Urslavischen für ě der Lautwert ē angenommen werden muß, glaube ich in dieser Vertretung des ě durch ε die ältere Lautstufe erkennen zu müssen, soweit es sich um peloponnesische und mittelgriechische Gebiete handelt.«

 

2. »Die Vertretung durch griech. ε findet sich überwiegend in den peloponnesischen Landschaften, wo es sehr wenige Beispiele mit a gibt ... wenn im Peloponnes auch vereinzelt α (ια) erscheint, so muß in diesen Fällen eine Veränderung des ursprünglichen Zustandes angenommen werden.«

 

Gegen das erste Argument Vasmers ist einzuwenden, daß der von ihm gezogene Schluß »die Vertretung durch griech. ε ist älter, weil es auf der Peloponnes sehr wenige Beispiele mit α (ια) gibt« allein auf dem ihm zur Verfügung stehenden Material basiert. Ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild würde sich erst nach einer gründlichen Untersuchung der gesamten slavischen Mikrotoponymie der Peloponnes ergeben. Man wird allein aus unserem Material ersehen, daß die α (ια)-Vertretungen fast doppelt so viele wie die ε-Reflexe für slav. 'jat' sind!

 

Zum 2. Argument: Die älteren Belege für slavische Namen aus den byzantinischen Quellen haben in der Tat einen Reflex ε für slav. 'jat' [34]. Die α bzw. ια-Vertretungen für Slav. ě setzen viel später ein: es gibt, soweit ich die mittelgriechischen Quellen übersehen kann, keinen einzigen Beleg, der vor der Entstehung der glagolitischen Schrift (ca. a. 863), die bekanntlich das Vokalgraphem für slav. ě hat, zu datieren wäre. Ich habe also keinen Grund, der These zu widersprechen, daß griech. ε bis zum Ende des 9. Jhd. ein slavischer langer Vokal (graphisch: glagolit. , kyrill. ѣ) widerspiegelt [35].

 

 

33. Da Vasmer nirgendwo sonst in seinem Werk eine Begründung zur Stützung seiner These erwähnt, glaube ich, ihm kein Unrecht anzutun, wenn ich ihn, wie oben, zitiere.

 

34. Beispiel: Der Name eines der Slavenstämme Untermoesiens, die den Kern des ersten bulgarischen Staates gebildet haben, lautet im 7.-8. Jhd. bei Theophanes (35914, 43615) Σέβερεις, zu slav. sěverъ= »Norden«.

 

35. Die Angabe Vasmers, das 'jat' entspräche lautlich einem ē, ist irreführend. Wir wissen, daß das offene idg. ē schon in einer sehr frühen Phase des Urslavischen sich entweder zu a umgewandelt hatte (kričati aus krikēti), oder eben zu 'jat'. Wollte man einen Lautwert ē für das 'jat' der peloponnesischen Slaven annehmen, dann müßten diese lange vor Christi Geburt in Griechenland angekommen sein. Wir können dagegen, anhand der ON, mit Sicherheit behaupten, daß die Slaven nach der Monophthongisierung der Diphtonge oi, ai zu ě2 sich in Griechenland niedergelassen haben. Dafür gibt es ein Argumentum ex silentio: das Fehlen jeglicher ON, die vor dem Vollzug der zweiten regressiven Palatalisierung der Velaren (k + ai > c + ě), entstanden sind. Einen Terminus post für die Entstehung des ě2 < oi, ai, und der daraus resultierten zweiten Palatalisierung glaube ich aus den byzantinischen Quellen gewinnen zu können. Der byzantinische Historiker Menandros, der als προτήκτωρ (Mitglied der kaiserlichen Leibgarde) im 6. Jhd. an Feldzügen gegen Slaven und Avaren selbst teilgenommen hat, erwähnt in seinen zeitgeschichtlichen Aufzeichnungen ca. Mitte des 6. Jhds. den Namen eines Boten der Anten Κελαγάστης (Quellenbeleg bei Moravcik, S. 158. Nach M. soll Vasmer in Ztschrf. f. slav. Phil. 18, S. 57 für germanische Herkunft des PN plädiert haben). Dieser, m. E. slavische, zweigliedrige PN wurde nach dem Vollzug der zweiten Palatalisierung zu Cělo-gostь, zu slav. cělъ = »ganz, heil«. Das ě2 ist hier (wie die urverw. preuß. kail-ustiskan = »Gesundheit«, got hails, althochdt. heil zeigen) diphtongischen Ursprungs.

 

Über den Lautwert des slavischen 'jat' = bis zur Entstehung der glagolitischen Schrift vgl. Mareš 34-35 et passim. Shevelov (164 -179) nimmt einen urslavischen Lautwert ea für ě1 bereits seit dem 6.-5. Jhd. v. Chr. an. Diesem Standpunkt (der durch eine nicht zu verachtende Argumentation gestützt ist) kann ich mich aufgrund des mir bekannten griechischen Materials nicht anschließen: die ältesten soweit bekannten Belege zeigen einen Reflex griech. ε < slav. ě, die α, ια-Reflexe sind jünger.

 

 

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Es ist über keineswegs so, daß wir nach dem 10. Jhd. ausschließlich ια (bzw. εα, α)-Vertrelungen (Beispiel Πριζδριάνα für Prizrěn, Διάβολις für Děvol) in den byzantinischen Quellen haben: die ε-Reflexe tauchen ebenfalls in den Quellen der folgenden Jahrhunderte regelmäßig auf [36].

 

Ich kann also, im Gegensatz zu Vasmer, aus der Tatsache, daß nach dem 10. Jhd. ein zweifacher Reflex (> griech. ε) bzw. e̯a, i̯a (> griech. εα, ια, α) für das 'jat' vorhanden ist, kein Kriterium für die chronologische Einteilung der ON der Peloponnes (die im Zeitraum zwischen dem 7. und dem 15. Jhd. entstanden sind) gewinnen.

 

Aufschlüsse über die genaueren Bedingungen des unterschiedlichen Reflexes des 'jat' (e bzw. ja) in den slavischen ON der Peloponnes würden sich erst nach einer umfassenden Untersuchung der slavischen Mikrotoponymie des gesamten peloponnesischen Raumes ergeben. Ich möchte mich daher hier mit einer vorläufigen Feststellung (die freilich durch das in der Zukunft geförderte toponymische Material in vielfacher Hinsicht modifiziert werden kann) begnügen: es hat den Anschein, daß die Aussprache des 'jat' in unserem Gebiet von dessen sekundärer Positionslänge abhängig war; betontes ě wurde als ja (woher griech. α, ια), unbetontes dagegen als e (woher griech. ε) ausgesprochen.

 

Vgl. betontes ě = ja: Τζάτζαλη (< Cěžalь in Κ 1c), Διάβιτσα (< Děvica in Κ 6), Κολιάνα (< Kolěno in Κ 6, dazu die hybriden Komposita Κολιανόπυργος in L 7, Κολιανόμπυργας in L 3), Νιάμιτσα (< Němьca in Oe.); Ἀράχοβα (Orěchova in L 1), Μπρέτσαπος (< Procěp in Κ 3a), Μπόρσιακα (L 5), Μπόρτσακα, Πόρσακες (L 8 < Prosěka), Σιανοβίτσα

 

 

36. Ich nenne hier ein markantes Beispiel aus einer Gegend, in welcher heute altbulg. ě als e ausgesprochen wird. Joh. Skylitzes berichtet, daß im Gebiet des heutigen Jugosl. Makedonien im Jahre 1017 die Kundschafter des bulgarischen Zaren Ivan Vladislav: »βεζεῖτε ὀ Τζαῖσαρ« sagten (Belegstelle: Moravcsik 87), »běžite Cěsar« = »fliehet, der Kaiser (kommt)«. Běžite: Hier ist sowohl das ě1 von běžati (< idg. ē, vgl. lit. bégu, bégti = »laufen«) wie auch das ě2 (< Diphtong ai) durch griech. ε vertreten.

 

 

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(< Sěnovica in L 1, ursprünglich wohl Proparoxytonon, die Paroxytonie ist sekundär, griechisch!); Στιάνοβα (L 8), Στιάνοβες (L 8a < Stěnova), Τριάζοβες (< Strězov- in L 8/M), Βατρινίχσα (L 8a), Γιατρινίτσα (Oe., < Větrьnica, Paroxytonie sekundär wie in Σιανοβίτσα oben); man vgl. noch das Lehnappellativ (s. unten 'Lexik') μπιαλονίκος < bělьnik. Ausnahme: Λιασίνα (< Lěsina in L 5) und die Ableitungen Λιασίνοβα (Κ 2), Λιασάκοβα (L 7) sowie das hybride Kompositum Λιασοβούνι (Κ 3a), wo mit einem ursprünglich unbetonten ě gerechnet werden muß.

 

Unbetontes ě = e: Μπελέχας (< Bělecha in Κ 2b), Μπελεγράδι (< Bělegrad in L 13), Μπελίνες (inK 5, auch Lehnappel, μπελίνα < bělina), Λεπούνια (< Lěpunja in L 7), Πορετσίνα (Κ 4), Πορετζίνες (Κ 2a < Porěčina), Μπρετσός (< Prěčjъ in L 8/M), Στάρδελον / Στάρδελα (< Staryj děl in L 8a), Ζάδελος (< Zaděl in L 2). Vgl. noch die Lehnappellativa κούντελια < kùdelja < ko̢dělja und κολενίτσα < kolěnìca. Eine Ausnahme bildet vielleicht Ἀσπέλιοβα (Oe.) < Ospělova, wo das ě wahrscheinlich ursprünglich betont war.

 

 

Slav. y

 

Der slavische Diphtong y wird ausnahmslos in den ON unseres Gebietes durch griech. i vertreten. Demnach muß sich wohl der Übergang y > i im Slav. vor der Übernahme vollzogen haben. Dieser Übergang entspricht der phonetischen Entwicklung aller südslav. Sprachen [37].

 

Das Material: Μπίλιστα (< *Bilišta < *Bylišta in Κ 4), vgl. dazu das Lehnappellativ μπίλα (unten 'Lexik'). Ντιμνίτσα (< Dimnica < *Dymьnica inK 2b), Κίκα (< Kika < *Kyka in Κ 3a, Κ 4, L 11, K 2a: Τσίκα), Κορίτσα (< Koritca < *Korytьca in Κ 1b, Κ 3a), Κορίτο (L 4, L 9) und Κορίτες (Κ 4) aus dem Lehnappellativ κορίτο < slav. korito < * koryto. Der ON Αρκίτοβα (L 5, vgl. oben s. v.) gibt mir Anlaß zu der Vermutung, daß die Monophtongisierung des y zu i in der Sprache der in Griechenland eingedrungenen Slaven in einer sehr frühen Zeit und jedenfalls vor dem Vollzug der Liquida-Metathese (Terminus ante: 863) stattgefunden haben muß.

 

Überprüft man das gesamte slavische Ortsnamenmaterial aus Griechenland, das Vasmer ausgewertet hat, so läßt sich eine Vertretung eines petrifizierten slavischen Diphthongs y mit Sicherheit nicht nachweisen. Gegenüber den zahlreichen Belegen für slav. y > griech. i bringt Vasmer 277 lediglich 14 ON und 2 Appellativa aus dem gesamten griechischen Gebiet, die scheinbar einen Reflex griech. ου für slav. y aufweisen.

 

Wir wollen sie hier näher ansehen: Ein Appellativ καρούτα = »Trog«, das vornehmlich in Nordgriechenland vorkommt (Epirus, Makedonien) <

 

 

37. Vgl. Mareš 98.

 

 

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koryto soll älter als das aus der Peloponnes bekannte κορίτο sein. Man würde jedoch eher das Gegenteil erwarten, da sich doch das Slavische in Nordgriechenland bis an die Schwelle unserer Zeit behauptet hat. Hier liegt albanische Vermittlung vor: vgl. alb. karutë = »Gärbottich« < slav. *koryto [38].

 

Hinter μαγούλα, einem weitverbreiteten geographischen Terminus im Neugriech. = »Hügel, tumulus« steckt nicht slav. *mogyla = »id.«, sondern eher neugriech. μάγουλο = »Wange«. So sind denn auch die ON Μαγούλα (ein ON, der in Griechenland sehr oft vorkommt) sowie die griechischen Ableitungen Μαγουλίτσα und Μαγουλιανά aus der Liste Vasmers zu streichen [39].

 

Das gleiche gilt auch für den ΟΝ Καρούτια (Phthiotis), der auch direkt aus einem griechischen Lehnappellativ, welcher Herkunft es auch immer gewesen sein mag, entstanden ist. Ebenfalls beiseite bleiben müssen die ON Τριβούνι (Kozani) und Βουτσί (Epirus, Arkadien), die ein griechisches Etymon haben; Τριβούνι geht nicht auf slav. *Trěbyni zurück, sondern ist ein sehr oft vorkommendes griechisches Kompositum: τρι- = »drei« + -βούνι, zu mittelgriech. βουνό = »Berg«; Βουτσί ist aus dem neugriech. Appellativ βουτσί = «Behälter« entstanden, das die neugriech. Fortsetzung von mittelgriech. βουτσίν < βυτίον darstellt [40]».

 

Für vier ON kann man ebensogut eine andere slavische Etymologie geltend machen: warum sollte Μουσίνια in Thessalien, wo wir sonst i-Reflexe für slav. y haben, auf *Myšina (Vasmer) und nicht auf *Mušina (mucha) beruhen? Ζητούνι (Phthiotis) und Δοβρούνιστα (Kozani) sind m. E. aus slav. PN entstanden. Ζητούνι: nicht aus *Žityni (zu žito = »Getreide«), sondern < Žitunjь, zu PN Žit-unъ [41]. Δοβρούνιστα nicht aus dem PN *Dobrynja, sondern eher aus dem PN *Dobrunъ. Für Γαρούνα sollte man statt *Gorynь eher das Appellativ gorun = »Wintereiche«, das Vasmer 77 selber in Erwägung zieht, vorziehen.

 

Drei ON haben ferner eine unsichere Etymologie. So ist nicht einzusehen, warum Μπούστρι (Ätoloakarnanien) direkt auf *Bystra gehen soll, wo wir überall sonst in Griechenland einen Reflex i in Βιστρίτσα haben. Liegt hier nicht eher eine albanische Vermittlung vor [42]? Wie ist die Form Δερμπούνι

 

 

38. Jokl, Untersuchungen 291, Slav. y > alb. u ebenfalls in matukë <slav. *motyka = »Haue«. Das Neugriech. (dial.) hat dagegen μοτίκα =»id.«

 

39. Das gibt auch Vasmer 277 selber zu: »Allerdings müssen Fälle wie Μαγούλα nur mit Vorsicht herangezogen werden, da es auf ON durch Griechen übertragen werden könnte.«

 

40. Andriotis, s. v.

 

41. Eine KF von VN Žito-mir, Žito-ljub, Žiti-goj usw. (Svoboda 93) zu žitь = »vita« + Suffix- unъ.

 

42. Für alb. ON Buštritsa und Pušteritsa < slav. Bystrica vgl. Jokl, Untersuchungen 290-291.

 

 

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(heute Λύκαιον, Arkadien) [43] lautlich aus *Terbyni zu erklaren? Für Βούταμον (Lakonien) < *Bytomjь hat Vasmer selber Bedenken ausgesprochen [44]. Es bleibt somit in der Liste Vasmers nur ein einziger ON, der theoretisch den Reflex griech. u für slav. y haben könnte: Τούνι < slav. tynъ = »Zaun« (Lakonien, Vasmer 174).

 

Angesichts dieser Tatsachen scheinen mir die Zweifel, ob ein Diphthong y in seiner urslavischen Gestalt in der slavischen Toponymie Griechenlands sich nachweisen läßt, berechtigt zu sein.

 

 

Slav.

 

Das slavische etymologische (graphisch: glagol. , kyril. ) hat zwei Vertretungen in unserem Gebiet. Einerseits ju (griech. ου) in Λιούτα < Ljuta (L 11a) und andererseits i (griech. ι) in Λίντοβα < Litova (Oe.), Ἀλιτόμιρα < *Litomir(a) (L 5 a), Λιμποβίζια < Libovižja (L 5, L 11a) und Λίμποβες < Libova (L 2, L 5).

 

Der Reflex griech. i < slav. läßt sich aus der historischen Phonologie beider Sprachen gut erklären. Wie bereits Vasmer (S. 241-242) richtig erkannt hat, haben die ersten griechisch-slavischen Kontakte auf griechischem Boden zu einer Zeit stattgefunden, da sich der neugriechische Iotazismus nicht vollkommen durchgesetzt hatte. Das Mittelgriechische besaß noch den Lautwert ü für das Ypsilon. Wir wissen andererseits, daß zur Zeit der Entstehung des glagolitischen Alphabets das Graphem den Lautwert (bzw. j nach l und r) besaß. Später entstand aus südslav. ü ein u [45].

 

Die, fast ausschließliche, Vertretung von slav. durch griech. i in der slavischen Toponymie Griechenlands [46] ist also aus der Entwicklung ü > i des neugriechischen Ypsilon zu verstehen: das slav. der ON wurde nach der Übernahme dem Ypsilon phonologisch gleichgestellt und wurde später zum neugriech. i umgewandelt. Demnach sind die ON, die einen Reflex (ι)ου für slav. aufweisen, als jüngere Übernahmen anzusehen, da sie doch die spätere slavische Lautstufe u < haben.

 

Doch ist mit dieser Möglichkeit speziell in unserem Gebiet nicht zu rechnen. Im Maniotischen könnte ein ιου auch aus einem ι entstanden sein, also: Λιούτα < Λίτα [47].

 

 

43. Da der ON in Pacifico's Liste (vgl. Sauerwein OV, Liste Leontarion Nr. 19) als Derbuni überliefert ist, kann man das anlautende Δ als gesichert ansehen.

 

44. S. 165-166: »... das Fehlen dieses slavischen Namens bei den Südslaven läßt die Zusammenstellung unsicher erscheinen«.

 

45. Mareš 87, 97, 102.

 

46. Vgl. die Belege Vasmers 241-242.

 

47. Vgl. Mirambel 78: »le -ιου ... repose sur ι et οι: ἀchιονού (ἀχινούς), chioυνού (σκοινιοῦ) chioυρου: (χοίρους) en maniote ... l'influence d'une sonante (λι, ν, ρ) a sans doute altere le -i en -ιου dans des conditions qu'il est difficile de prećiser.«

 

 

142

 

 

Die Nasalvokale

 

Der Nachweis eines evll. vorhandenen slavischen Nasalvokals (o̢ bzw. ę) in unserem Ortsnamenmalerial wird durch den Umstand erschwert, daß im Dialekt von Mani die Tendenz des n (ν), vor Spiranten und Liquida zu schwinden im weitaus größeren Umfange vorhanden ist als im Gemeinneugriechischen. Er schwindet sogar, im Gegensatz zu anderen neugriech. Dialekten wie wir anfangs gesehen haben, vor den neuentstandenen stimmhaften Verschlußlauten, die es selbst hervorgerufen hat (n + p, n + t > gemeinneugriech. nb, nd; maniot. b, d) [48].

 

 

o̢

 

Nach Mareš (S. 105) durchlief der Nasalvokal o̢ bis zur Entnasalisierung (o̢ > u) folgende Entwicklungsstufen: Ausgangsstadium: ăN, wo ă den noch nicht labialisierten Vokal darstellt, während Ν für das am Ende des Nasals konzentrierte nasale Element steht > Zwischenstufen: 1. ŏN (Labialisierung ă > ŏ) > 2. ō̢ (ein langer »reiner« Nasal) > 3. ū̢ (ein langer »reiner« Nasal) > Endstadium: ein entnasalierter Vokal u.

 

Wenn wir das gleiche Entwicklungsschema für das etymologische ο̢ der slav. ON unseres Gebietes voraussetzen, so lassen sich deutlich die Anfangsund die Schlußphase (ăN, traditionell: o̢, bzw. u) der phonologischen Entwicklung erkennen. Einen zur Zeit der Übernahme des ON noch im Slav. vorhandenen Nasal erkennt man durch den Reflex des noch nicht labialisierten Vokals ăN > α (ν) oder durch den Wandel des darauffolgenden Verschlußlauts, den n vor seinem Schwund verursacht hat: slav. ăNK > neugriech. [aη] maniot. [ag]. Ein entnasaliertes u < ο̢ erkennt man allein durch die ου-Vertretung im Griechischen. Zwischenstufen (etwa Reflexe *ουν bzw. *ον) lassen sich, nicht zuletzt wegen der oben erwähnten phonetischen Besonderheiten des neugriech. Dialekts, aus unserem Material nicht ermitteln.

 

Die ältere Lautstufe ӑN weisen folgende ON auf: Γλαμπούκα (L 2), Γλάμπουκα (L 2, 3x), Κομπινοβίτσα (Κ 5, mit sekundär, α > ο im Griechischen, wie oben erwähnt), Ἀμπλίστρα (Κ 3a), Ἀγκλιστή (L 4), Λισταντίνα (Κ 3a, Κ 3b, Κ 4), Πράντος (Κ 4), Τσερομπράντος (Κ 3a), Πισαντίστης (L 12).

 

 

48. Wir können dieses Phänomen im überlieferten Urkundenmaterial unseres Gebietes, das sich im Zeitraum 1547-1830 erstreckt (Skopeteas 70-100), gut beobachten: die Nasale werden in der Regel vor Spiranten und Liquida nicht geschrieben, ebenfalls fehlt oft das ν vor μ, ferner wird der neuentstandene stimmhafte Verschlußlaut d (< nt, graphisch: ντ) regelmäßig durch griech. τ dargestellt, da es dem Schreiber ein Graphem für d aus dem griechischen Alphabet nicht zu Verfügung stand.

 

 

143

 

Der jüngeren Schicht gehören dagegen die ON: Κουπάλα (Κ 4), Κουπινοβίτσα und Λουκά (aus dem Lehnappellativ), wo wir klar erkennen können, daß ursprünglich kein Nasal vorhanden war, denn dann wäre p zu b und k zu g geworden. Man vgl. hierzu das gemeingriech. Lehnappellativ λαγκάδι < slav. lo̢ka, wo slav. -ăNK- > griech. [aη]. Unser Gebiet hat dagegen den entnasalierten Vokal u der späteren Form luka. Die u-Vertretung ist ferner vorhanden in den ON: Ντουμπός (Κ 3b), Ντουμπίτσα (Κ 4), Δούβροβα (L 1), Ντούμπροβα (L 5a), Γλουμπετσα (L 2), Γλουμπινά (Κ 1a), Γλουμπίνα (Κ 5), Γλουμπινίτσα (Κ 3a), Λουμπόκα (L 1), Κούργος (Κ 1a), Κούργοι (Κ 5), Κουσίτσα (Κ 2a), Πούντακας (L4) [49], Σουντενίκος (Κ4), Σούντοβα (Κ 1c), Τούγνοβα (Κ 5) [50].

 

 

ę

 

Anders als für ο̢ bietet uns unser Material nur spärliche Angaben für slav. etymol. ę: im Falle von Βασετίνιο (Κ 4) können wir mit Sicherheit annehmen, daß kein Nasal vorlag, sonst wäre t zum d im Griechischen geworden. Das Appellativ βεζά (s. 'Lexik') bietet uns keinen Anhaltspunkt, denn ein evtl. vorhandener Nasal könnte im Griech. vor z verlorengegangen sein.

 

Anders sieht es dagegen im Falle von Ντούπιατα (Κ 1b), wo wir es mit Sicherheit mit einem Neutrum der t-Stämme (Paradigma: telę-telęta) zu tun haben. Liegt hier eine ähnliche Entwicklung wie im Ostslavischen pętь > russ. pjat'), etwa eN (= ę) > 'ą > 'a > griech. ια [ja] vor? Ich vermag jedoch nur aus diesem einzigen Beleg keine Schlüsse zu ziehen.

 

 

Die reduzierten Vokale ъ, ь

 

1. Ein etymologisches ъ findet sich (außer in den weiter unter 2. besprochenen Fällen) in unserem Gebiet nicht. Ein zur Zeit der Übernahme noch vorhandener vorderer reduzierter Vokal ь hat im Griechischen die Vertretung i. Wir können also mit Vasmer (S. 278 ff.) alle ON unseres Gebietes, die den Reflex griech. i für slav. ь aufweisen, zu der älteren Schicht rechnen.

 

Jünger sind dagegen die ON, die die Vertretung griech. ε für slav. etymologisches ь in starker Position, bzw. griech. ø für slav. etymol. ь in schwacher Position haben. Wir können aufgrund dessen mit Sicherheit annehmen, daß die Vokalisierung der Halbvokale in starker Position bzw. der Schwund der-

 

 

49. Hier könnte man Zweifel haben, ob doch nicht ein slav. Nasal im Sinne folgender Entwicklungsstufe vorliegt, etwa: Pudakas < slav. Pun̯takъ. Ich habe mich für die Möglichkeit eines sekundären Wandels t > d im Griechischen entschieden, weil wir bisher über keine Belege für Vertretungen eines slav. u aus der slavischen Toponymie Griechenlands verfügen.

 

50. Vgl. dazu Karte Nr. 3.

 

 

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selben in schwacher Position (ein Prozeß, der in allen slavischen Sprachen zu beobachten ist) nach der Niederlassung der Slaven auf unserem Gebiet stattgefunden hat. Läßt man hier aus methodologischen Erwägungen die ON Νιάμιτσα (Oe.), Σέλιτσα (Κ 4) sowie Βιτομίρι (L 1) beiseite, wo griech. i auch slav. i reflektieren (Nèmica, Selica) bzw. sekundär sein könnte, so weisen einen noch vorhandenen i» folgende ON auf:

 

Τσικάνιοβα (< Čьkanova in L 5), Κόνισκα (< Konьska in L 3), Κόνισκια (< Konьska in L 5), Λισταντίνα (< Lьsto̢tina in Κ 3b, Κ 4), Νόϕιτσα (< Ovьča in L 4), Πίσολος (< Pьsolъ in L 5), Πισαντίστης (< Pьso̢tište in Κ 12), Πιστράκοβο (< Pьstrakovo in Κ 6), Σέλιτσο (< Selьce in Κ 2b), Σελινίτσα (< Selьnica in L 12), Σιβίτσοβα (< Sivьcova in Κ 6), Σιμολίσκια (< Smolьsk- in L 11a), Βίνινα (< Vinьna in L 4) [51].

 

Die jüngeren Lautstufen (slav. ь > , e, bzw. ь > ø) weisen die ON auf:

 

a) slav. ь > e:

Ντρεμπένια (< Drebenja zu drebьnъ in Κ 2b), Ντουρένια Ντεμπρή (< Durenja Debr, zu durьnъ und dьbrъ [52] in Κ 3a), Γλουμπέτσα (< Glubeča zu Glubьcь in L 2), Γλουμαίνιτσα (< Glumenica zu glumьnъ in Κ 4), Γραδενίτσα (Κ 1c, Κ 4)/Γαρδενίτσα (Oe., < Gradenica < Gradьnica), Κοσμενίκα (< Kosmenik < Kosmьnikъ in L 5a), Τσέρνοβες (< Černov- < Čьrnov- in L 8/M).

 

b) slav. ь > ø

Ντιμνίτσα (< Dimnica < Dymьnica in Κ 2b), Καλτσοί (< Kalci < Sing. Kalьcь in L 8/M), Κότσιστα (< Kočišta < Kotьcišta zu kotьcь in Κ 6), Κορίτσα (< Koritca < Korytьca in Κ 1b), Κουνά (< Kunna < Kunьna in Κ 3a), Λοσνά (< Lozna < Lozьna in L 8a), Μάλσοβα (< Malšova < Malьšova in L 8a), Ἐμαλτσός (< Moltcè < Moltьcè in L 4) [53], Μούσκοβα (Muškova < Mušьkova in L 7), Σόπλιτσα (Κ 4)/Σοπλίτσα (Κ 5, < Soplica zu sopьlь), Στράχλια (< Strachlja < Strachьlja? in Κ 2b [54], Σουντενίκος (< Sudenik < So̢denьnikъ in Κ 4), Βονά (< Vona < Vonьna in Κ 4).

 

 

51. S. die Karte Nr. 4.

 

52. Ursl. dъbrь ist sehr früh, wohl infolge einer Vokalassimilation ъ-ь zu dьbrь geworden, daher aksl. (Zogr. und Mar.) dьbrь (Vondrák I, 373, 644). Die Endung -ή ist aus dem Griechischen zu erklären: Angleichung an die femin. Appellativa ρεμπρή, πλευρή des örtlichen Dialekts.

 

53. Man beachte jedoch, daß der ON schon sehr früh vor der Liquida-Metathese übernommen wurde. Daher könnte man doch mit einem ursprünglichen Moltьcè rechnen. Der Schwund des -i- könnte auch im Griechischen erfolgt sein: Moltьce > *(Ε)Μαλτιτσός > Ἐμαλτσός.

 

54. Man könnte jedoch auch von einer ursprünglichen Form Strachilja zu PN Strachil ausgehen: in diesem Fall müßte man mit der Möglichkeit eines Schwundes des unbetonten -i- im Griech. rechnen (*Στράχιλια > Στράχλια).

 

 

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2. Slav. ъr, ьr und ъl, ьl

 

Eine auch im Neugriechischen weit verbreitete Liquida-Metathese (vgl. unten) läßt uns keine Sicherheit darüber, ob die überlieferten ON tatsächlich die ursprüngliche slavische Lautung reflektieren. So könnten wir nicht entscheiden, ob Κουρτσούνα (L 8/M, L 12a/M) die ältere Lautstufe ъr + Konson., Χρούσοβο (Κ 11a) dagegen die jüngere rъ + Konson. reflektieren.

 

Die Lautgruppe ьr ist in den ON Τρίνικες (L 11), Βριμπίτσα (Κ 4) sowie im Lehnappellativ ντρίνικας = »Scheune« vorhanden. Auch in diesem Falle jedoch läßt sich über die genaue Stellung des offensichtlich noch vorhandenen vorderen reduzierten Vokals nichts Verbindliches sagen. Eindeutig jüngere Lautstufen weisen hingegen die ON auf: Βραμπά (Κ 4) < slav. Vr̥ba < Vьrba mit Übergang ьr > r̥ im Slavischen. Beim -α- handelt es sich um einen svarabhakti-Vokal, der wegen der unaussprechbaren Lautfolge von drei Konsonanten im Griechischen enststanden ist (vr̥b > vrab).

 

Μούρκοβο (Κ 4) ist aus einer Form Mъrkovo < Mьrkovo entstanden, d h. aus einem jüngeren Umlaut ьr > ъr, der ausreichend in den aksl. Denkmälern bulgarischer Provenienz belegt ist [55]. Ein jüngeres (sonantisches) r̥ ist schließlich im ON Ἄρτος (Κ 2b, Κ 3a) enthalten (ṛt < *rъtъ)\ das anlautende a- ist, wie wir gesehen haben, erst im Griechischen entstanden.

 

Die Lautgruppe ursl. -ьl- ist in den ON Βλικοβία (Varianten: Βρικοβία, Γλυκοβία in Κ 2b), Γλυκοβός (Κ 6), Πλίζινα (L 1, L 5a) und Πλίζελη (Κ 4) enthalten. Aus den oben angegebenen Gründen unterlasse ich es, hier Vermutungen über die genaue slavische Form (ob älter -ьl- oder jünger -lь-) anzustellen. Der vordere reduzierte Vokal mußte freilich noch im Slavischen vorhanden gewesen sein, da er den griech. Reflex i aufweist.

 

Ein etymologisches -ъl- ist schließlich in den ON Χελμός (L 5), Γκλεμουτσός (L 3) und Κλεμούτσου (L 4) vorhanden. Man kann jedoch hier, trotz Vasmer (S. 285-286), nicht über einen Reflex griech. -ελ- < slav. -ъl- sprechen. Der ON Χελμός, der einige Male in der Toponymie der Peloponnes vorkommt, ist nicht auf slav. chъlmъ direkt zurückzuführen. Der Reflex slav. tъlt > griech. telt deutet eher auf albanische Vermittlung hin. So sind denn auch ON wie Chelm, Chelmica, Mali Chelmit in der Toponymie Albaniens zu finden [56].

 

 

Konsonantismus

 

Aus dem Bereich des slavischen Konsonantismus in unserem Gebiet verdienen folgende Fälle einer eingehenden Erläuterung.

 

 

55. Vgl. darüber V. Wijk I, 106 ff.

 

56. Selišč., Slavj. 288.

 

 

146

 

a) slav. b > griech. b (μπ)

 

Slavisch b wird fast ausnahmslos durch gricch. b (graphisch μπ) vertreten. Lediglich in 4 ON erscheint griech. v für slav. b: Βολινές ( L 10), Βασετίνιο (Κ 4), Δούβροβα (L 1) und Γαβρίτσες (L 3). Man wird jedoch hier beachten müssen: daß Βολινές auch für slav. *Volinjь stehen könnte, daß Δούβροβα eine hyperkorrekte Wiedergabe des Informanten sein könnte (zumal auch die Form Ντούμπροβα in L 5 a belegt ist!) und daß Γαβρίτσες eine griechische Bildung aus dem Appellativ γάβρος sein könnte. Es bleibt somit als einzig sicheres Beispiel für den Reflex v < slav. b der ON Βασετίνιο zu nennen. Die Wahrscheinlichkeit, daß dieser ON zu den älteren Übernahmen gehört, erhöht sich durch die Tatsache, daß wir hier den Reflex griech. a für ein offensichtlich noch nicht labialisiertes slavisches ă vorfinden.

 

Gegenüber diesem einen Beleg für slav. b > griech. v. wird in allen übrigen ON unseres Gebietes slav. b durch griech. b (μπ) vertreten, vgl.:

 

Ἀλμπάσιτσα

Μπελέχας

Μπελεγράδι

Μπελίνες

Μπίλιστα

Μπάλτσα

Ντούμπροβα

Γάμπρος

Γαμπροβίτσα, Γαμπρεβίτσα

Γλωμπιστές

Γλουμπίτσα

Γλουμπινά

Λουμπόκα, Γλαμπούκα, Γλάμπουκα

Μπολεσίνα

Ἀμπροντολός

Ντρεμπένια

Ντουμπός

Ντουμπίτσα

Ντεμπρή

Λίμποβες, Γλίμποβα

Λιμποβίζια

Νομπρεβίτσα

Ρεμπρή

Βραμπά

Βριμπίτσα

 

 

b) Slav. d

 

Auch beim slav. stimmhaften Verschlußlaut d ist anzunehmen, daß er in den älteren Übernahmen durch griech. δ, in den späteren dagegen durch griech. d (graphisch ντ) vertreten wird. Um die älteren ON mit einer größeren Wahrscheinlichkeit bestimmen zu können, muß man auch hier eine Aussonderung der sekundären Fälle vornehmen.

 

So sind die ON Γαρδός, Ἀγαρδόνας, Γαρδίνα und deren zahlreiche griechischen Ableitungen nicht zu der ältesten Schicht zu rechnen, da sie aus Lehnappellativa des örtlichen Dialekts stammen. Aus methodologischen Erwägungen muß auch hier Γαρδινίτσες (L 8/M) unberücksichtigt bleiben: Der

 

 

147

 

ON könnte auch eine griechische Ableitung aus dem Lehnappellativ γαρδίνα sein.

 

Δούβροβα (L 1), Πρόπαδες (L 2) und Νούπαδη (L 5) sind höchstwahrscheinlich vereinzelte, hyperkorrekte Wiedergaben, weil sie sonst eine d- Vertretung aufweisen. Es bleiben somit folgende ON, die sehr wahrscheinlich einen urspr. Reflex slav. d > griech. δ aufweisen und somit als frühere Übernahmen angesehen werden könnten: Διάβιτσα (< Děvica in Κ 6), Γραδενίτσα (< Gradenica < *Gordьnica in Κ 1c, Κ 4), Γαρδενίτσα (< Gradenica in Oe.), Ὀγράδα (< Ograda in Κ 6), Βαϊδενίτσα (< Vodenica in Κ 5). In allen übrigen ON unseres Gebietes wird slavisch d durch griech. d vertreten. Diese sind:

 

Ντιμνίτσα

Ντολός

Πρασίνο ντολός

Ντρεμπένια

Ντουμπός

Ντουμπίτσα

Ντουτσια

Ντούπιατα

Ντουρένια Ντεμπρή

Ντούμπροβα

Ντουσίλια

Γοντίνια

Γραντεσίνα

Ὀλοβοντολός

Ἀμπροντολός

Μασοντολός

Πρόπαντη

Ραντεσίνα

Σουντενίκος

Σούντοβα

Οὔπαντο

Γούπαντα

Νούπαντη

Βοντίτσα

Αβόντοβα

Βοντοπήγαδο

 

 

c) Liquida-Metathese

 

Wie Vasmer (287 ff.) bereits gezeigt hat, darf man mit Sicherheit annehmen, daß die Slaven bei ihrem Vordringen in Griechenland die Liquida-Metathese noch nicht durchgeführt hatten, deshalb weisen die älteren slavischen ON (Terminus ante: ca a. 863, Entstehung der ersten slav. Übersetzungen) stets die urslavische Lautstufe, z. B. griech. tart < slav. tort: Δαργαμηρός < *Dorgoměrъ. Da die Labialisierung ă > ο erst nach dem Vollzug der Liquida-Metathese im Slavischen durchgeführt wurde, kann uns ein im ON vorkommender griech. Reflex tart als ein Kriterium dafür dienen, daß der ON eine Übernahme vor dem Vollzug der Liquida-Metathese darstellt. Da jedoch auch das Neugriechische eine vielfache Liquida-Metathese kennt, d. h. sowohl tort > trot und trot > tort, als auch den Tausch einer Liquida

 

 

148

 

mit einem beliebigen Konsonant innerhalb des Wortes [57], ist es nicht leicht zu entscheiden, ob in allen Fällen, wo der Reflex griech. tart vorkommt, wir es mit der älteren slavischen Lautform zu tun haben.

 

Was unser Gebiet betrifft, so liegt mit Sicherheit eine sekundäre griechische Metathese in folgenden Fällen vor: Κοῦργος (Κ 1a), Κοῦργοι (Κ 5) < slav. Krug < *Kro̢gъ; Ποργορά (L 2, neben Προγορά in Κ 5!) < slav. Progora; Μπόρσιαχα (L 5), Μπόρτσακα (L 8), Πόρσακες (L 8) < slav. Prosěka; Παρσίνοβα (L 1), Μπαρσίνοβα (L 5) < slav. Prosinova; Τάργα (L 5a) < slav. Traga.

 

Ein griechischer Konsonantenaustausch innerhalb des Wortes ist ferner im ON Νεροβίσκια < *Νεβορισκια (L 1) zu beobachten. ON wie Γαρδός, Γαρδίνα und deren griechische Ableitungen sind aus Lehnappellativa gebildet; die darin enthaltene tart-Lautung wurde aus dem Appellativ übernommen und bietet keine Anhaltspunkte zur Datierung der sekundär entstandenen Ortsnamen.

 

Wegen der griechischen b-Vertretung möchte ich schließlich im ON Μπάλτσα (L 5 < slav. Blaca < *Boltьca, Plur. Neutr.) auch eine sekundäre Liquida-Metathese im Griechischen annehmen: Wäre der ON alt, so wäre eher ein griech. ν- (Βάλτσα) im Anlaut zu erwarten.

 

Wenn wir nun die ON aussondern, die offensichtlich nach dem Vollzug der Liquida-Metathese übernommen wurden, d. h. Μπελεγράδι (L 13), Γραντεσίνα (Κ 1d) und Ὀγράδα (Κ 6), dann verbleiben folgende ON aus unserem Gebiet, die noch die ursl. Lautung tolt bzw. tort enthalten. Diese sind:

 

Ἀλμπάσιτσα (< *Albošica in L 5a), Ἐμαλτσός (< *Molce < *Moltьce in L 4) [58], Ἀρκίτοβα (< *Orkitova < *Orkytova in L 5), Σαλτίνοβα (< *Soltinova in Κ 4) und Βάρνοβα (< *Vornova in L 2) [59].

 

 

Slav. *tj und *dj

 

Das Material unseres Gebietes kann die These Vasmers (S. 295 ff.), daß die slavischen ON Griechenlands einen Reflex št < ursl. tj aufweisen, den man gemeinhin als bulgarisch bezeichnet, nicht widerlegen. In der Tat kommt in den Nomina loci ausnahmslos das Suffix -ište < *-iski̯o vor, vgl. Μπίλιστα (< Bilišta, Plur., in Κ 4), Παγασίστια (< Gazište in L 7), Γλωμπιστές

 

 

57. Beispiele: tort > trot: σκροπίζω = »zerstreue«, aus σκορπίζω in Kreta; trot > tort: δερπάνι < δρέπανον in Epirus; Tausch der Liquida mit einem Konsonant: γρωνίζω < γνωρίζω. Vgl. ausführlich Meyer, Neugr. Studien 92-95.

 

58. S. noch Anmerkung 53 oben.

 

59. Vgl. die Karte Nr. 5.

 

 

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(< Globište in L 6), Κότοιστα (< Kočišta, Plur. in Κ 6), Νεροβίσκια (< Nevorište in L 1), Ἀμπλίστρα (< O̢blišta, Plur., in Κ 3a), Ἀγκλιστή (< O̢glište in L 4).

 

Der gleiche Reflex št ist auch in den patronymischen ON (Suffix *-itj- > bulg. -išt-, sbkr. -, russ. -, westslav. -ic-) unseres Gebietes zu finden: Τσιρίνιστα (< Čiriništa in Κ 6), Τσουροβίστια (< Djurovišta in Κ 6), Μουσίστια (Mušište in L 8a) und Πισαντίστης (< Pьso̢tište in Κ 12).

 

Die urslavische Lautverbindung dj, die im Bulgarischen bekanntlich den Reflex žd hat, ist dagegen durch griech. ζ vertreten. Vgl. Τζάτζαλη (< Cěžalь in Κ 1c), Τζοῦζος (< Čuž in Κ 2a), Λιμποβίζια (< Libovižja in L 5, L 11 a). Man könnte mit Vasmer (S. 297) an eine phonetische Entwicklung neugriech. ζ < ζδ < slav. žd denken, doch läßt sich diese Annahme keineswegs von den Fakten der griechischen Phonologie bestätigen. Der Ausfall eines interdentalen δ nach dem Spiranten ζ, also slav. žd > griech. ζ, wäre für das Griechische ungewöhnlich. Im Gegenteil hat das Griechische ein interdentales θ, δ nach den Spiranten s, z in Lautverbindungen wie sl, zr entwickelt: Slověne > Σθλαβηνοί, Prizrěn > Πρισδριάνα.

 

Wir verfügen andererseits über Belege, wo slav. zd durch griech. ζδ wiedergegeben wird: γαρασδοειδής < slav. gorazdъ (10. Jhd.), Σδραβίκην, Σδραβίκιον etc. (a. 1300 et seq.) < slav. Zdravik (Vasmer 217), Σδράλτση < Zrělca (ebd. 195) [60].

 

Um zu beweisen, daß der Reflex slav. etymol. dj > griech. ζ weder eine Eigentümlichkeit des griechischen Dialekts unseres Gebietes darstellt, noch ausschließlich in Belegen aus unserer Zeit vorkommt, möchte ich noch folgende Beispiele aus der slavischen Onomastik anführen: 1. Ein Ante namens Δαβραγέζας wird im J. 555/556 von Agathias erwähnt [61]. Dieser PN läßt sich m. E. ohne lautliche Schwierigkeiten aus dem Slavischen ableiten, wenn man von einer Form Dobrojěžь ausgeht, d. h. aus einem VN Dobro-jězdъ + Suff. -jь, das hier eine patronymische Funktion hat [62].

 

2. Der im 7. Jhd. überlieferte Name eines slavischen Stammes in Thessalien Βελεγεζίται [63] ist eine griechische Ableitung (das Suffix -ίτης, Plur. -ίται

 

 

60. Griech. σ ist hier stimmhaft, = z.

 

61. Agathias 91, 111-112, 145.

 

62. Daß sich aus dem possessivischen Suffix -jь auch eine patronymische Funktion entwickelt hatte, kann man gut in den altrussischen PN beobachten. Vgl. Brjačislav syn Izjaslavlь (a. 1021), Vjačeslav syn Jaroslavlь (a. 1057), Jurij Volodimeričь Monomašь (a. 1138, s. Selišč. Proisch. 99, 101.). Die gleiche Funktion ist auch in den ač. PN belegt, vgl. Bud + jь > Búz, Drag + jь > Draž, Milík + jь > Milíč, s. Svoboda 116.

 

63. Quellenangabe und Übersicht über die bisher vorgeschlagenen Etymologien in Izvori, S. 188, Anm. 5.

 

 

150

 

bildet im Mittel- und Neugriechischen Einwohnernamen) aus einem ON *Βελεγέζι der seinerseits aus einer slav. adjektivischen Form Velejěžь < PN Vele-jězdь + Suff. -jь stammt.

 

3. Zu erwähnen sind ferner die ON, für welche auch Vasmer ein etymologisches *dj vorausgesetzt hat, sich jedoch geweigert hatte, einen slavischen Reflex dj > ž einzusehen, da er von der Voraussetzung ausging, daß die slavischen ON Griechenlands überall einen 'bulgarischen' Reflex dj > žd aufweisen: Γαρζενίκος (Arkadien). Vasmer 151 setzt mit Recht eine ursl. Form *Gordjěnikъ voraus, erwähnt jedoch nicht, warum eine von ihm zu erwartende Form *Γαρζδενίκος < Graždenik ausgeblieben ist. Den gleichen Reflex zeigt der ON Γαρζενίτσα (ON in Ἄλβενα, Olympien, Georgakas 120) < Gordjěnica. Vgl. dagegen bulg. ON Graždenik, Graždenica.

 

Für Μέβδέζα (Epirus) sagt Vasmer (S. 41): »Ich deute den Namen als 'Bärenort' vom slav. medvědь ... Die bulgarische Entsprechung wäre *Medvěžda«. Ραδοβίζι (Epirus, belegt a. 1696) ist ebenfalls eine adjektivische jь-Bildung von einem, nach Vasmer (S. 48) »abulg.« PN Radovidъ, wo jedoch der abulg. Reflex dj > žd offensichtlich nicht vorhanden ist.

 

Aus den oben angeführten Belegen [64] scheint mir die Vermutung, daß die griechischen Belege für urslavisch dj keinen 'bulgarischen' Reflex žd aufweisen, berechtigt zu sein. Einen evtl. Einwand, griech. ζ reflektiere ein späteres bulgarisches ž < žd, entkräftigen die griechischen Belege aus dem 6. und 7. Jhd. [65].

 

 

64. Man könnte noch die ON Γαράζο und Μαλεβίζι aus Kreta hinzuziehen: Γάραζο ließe sich theoretisch aus slav. Goražь < PN Gorazd + Suff. -jь erklären, Μαλεβίζι könnte aus + Μαλαβίζι stammen (a > e im Griech.) < slav. Malovižь < PN Malo-vidъ + Suff. -jь. Doch habe ich noch große Bedenken, ob es überhaupt slavische Ansiedlungen auf Kreta gegeben hat. Wir verfügen über keine klaren historischen Zeugnisse in dieser Hinsicht und die 17 ON, die Vasmer (S. 174-176) anbietet, lassen ebenfalls keinen Schluß in diesem Sinne zu. (Vgl. Vf. in Ztschr. f. Balk., XVI (1980), S. 214-215).

 

65. In Erwartung von mehr Belegen aus der Toponymie Griechenlands und aus den byzantinischen Quellen möchte ich im Rahmen dieser Arbeit keine weiteren Vermutungen äußern. Eine verbindliche Aussage behalte ich mir für eine künftige Arbeit vor.

 

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