Studien zu den slavischen Ortsnamen Griechenlands. 1. Slavische Flurnamen aus der messenischen Mani

Phaedon Malingoudis

 

 

II. DIE SLAVISCHEN FLURNAMEN

 

Dubia

 

Ἄσβινα, Ἄσβινα

Γεράκοβη

Καλογεροβά

Κεράμοβα

Λοβίνα

Μίστροβα

Τσάρκος

Χόχλιτσο

Χωρογχοτό

Φαρμάκοβα

 

Im folgenden seien einige Flurnamen aus unserem Gebiet erwähnt, die slavisch sein könnten. Einer davon ist aus dem Aromunischen zu deuten, er könnte jedoch durch slavische Vermittlung in unser Gebiet gelangt sein. Ich führe diese ON gesondert auf und möchte sie vorläufig als dubia bezeichnen, da ich noch Bedenken hinsichtlich ihrer Bildung bzw. Phonetik habe.

 

 

Ἄσβινα (Tal, K. 6), Ἄσβινα (l 6)

 

Falls es sich hier um einen prothetischen griechischen a- handelt, Ἄσβινα < *Σβίνα, dann könnte man den ON aus einer adjektivischen Form Svina <

 

 

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Svinja, zu *svinьja = »Schwein«, erklären. Der Schwund des -j- vor -a- könnte genauso gut im Griechischen (vgl. Mirambel 84 ff.) wie im Slavischen (s. Vasmer 172) erfolgt sein.

 

Als zweite Deutungsmöglichkeit bietet sich an: jazvina = »Loch, Grube«, augmentativ von jazva = »Wunde«, jazvina > Ἄσβινα, mit Schwund des anlautenden j- im Griech. (oder Slavischen?). Vgl. insbes. sbkr. jazvina = 1. »Loch«, 2. »Wildlager, Tierhöhle«, ON Jazvina (FlußN a. 1244, Dickenmann 1, 157) Jazvina, Jazvine; č. Jezvina; poln. Jažwiny; russ. Jazvinka, Jazvinica (ders., a. a. O.).

 

 

Γεράκοβη (Fem., Κ 3a)

 

Der ON kann nur aus ngriech. γεράκι = »Falke« gedeutet werden, das Suffix ist jedoch slavisch. Handelt es sich hier um eine durch Volksetymologie entstellte Form? Oder ist der ON eine slavische adjektivische Bildung aus dem griech. Appellativ bzw. aus einem griech. FamN Γεράκης bzw. Γέρακας?

 

 

Καλογεροβά (L 1 u. L 2: Berg; L 4)

 

Das Etymon ist mittel- und neugriech. καλόγερος = »Mönch«. Angesichts des adjektivischen Suffixes -ova könnte man m. E. mit Recht hierin eine slavische Bildung aus einem, vom Griech. übernommenen Appellativ vermuten. Ableitungen aus kaluger lassen sich unschwer in der südslavischen Toponymie nachweisen. Aufschlußreich für die Bildung des ON sind andererseits die gräkoalbanischen ΟΝ Καλογερέσι (< alb. Kalojeres-i, s. Georgakas 309) und Καλογρέζα (< alb. Kalojre-zë, alb. demin. Suff. zë, ders. Ztschr. f. Balkan. IV, S. 41 ff.), weil sie im Grunde das gleiche Phänomen (Ableitungen mittels Suffixen der eigenen Sprache aus einem Lehnappellativ) widerspiegeln.

 

 

Κεράμοβα (Κ 1a)

 

Eine slavische adjektivische Bildung. Als einziges Etymon bietet sich m. E. griech. κέραμος (ngriech. κεραμίδι) = »Ziegel, Dachziegel« an. Man könnte auch an eine Ableitung aus einem griech. FamN (bzw. Nomen auetoris) Κεραμέας denken.

 

 

Λοβίνα (L 2, eine Bergquelle)

 

Da es sich hier nachweislich um ein Hydronym handelt, könnte man den ON zu slav. lokvina, augmentativ von südslav. lokva (< *loky, Gen. -ъve) = »Lache, Pfütze« stellen (vgl. die Belegstellen aus der südslav. Toponymie bei Udolph 516), doch läßt sich der Schwund des -k- (etwa: Lokvina > Lovina) weder aus dem Griechischen, noch aus dem Slavischen erklären.

 

Zu erwägen wäre noch eine Ableitung aus slav. lovъ = »Fang, Jagd«: eine adjektivische Form *lovьna ist, wegen der Betonung (Λοβίνα), wenig wahrscheinlich,

 

 

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ist der ON aus einem Nomen loci *lovina, etwa: »Stelle, wo der Jäger auf das Wild lauert« entstanden? Man vgl. dazu die ON: poln. Łowin, Łowina; pp. *Lovin (heute Läven und Lauen, Trautm. HO, II, 89) und russ. GewN Lovin'ka (WRG).

 

 

Μίστροβα (L 8/Laogr. 4)

 

Eine slavische Abteilung aus dem griech. Zunamen (bzw. Nomen auctoris) Μυστρας < Μιζυθράς (zu μιζύθρα = »Hüttenkäse«)? Man könnte auch an eine ursprüngliche Form *Μίστοβα denken (wobei jedoch die Entfaltung des -r- ohne Erklärung bleiben mußte), die auf slav. *Mьstova beruhen könnte: d. h. an eine adjektivische Bildung aus einem PN Mьst(o), KF von einem VN Mьstislavъ, Mьstiborъ, zu mьstiti = »rächen«. Vgl. die Belege bei Mikl., Bildung 79 und Svoboda 81.

 

 

Τσάρκος (L 1)

 

ON entstanden aus dem Appellativ τσάρκος = »Schafhürde«, vgl. auch die ON Πέτρινος Τσάρκος (L 5, πέτρινος = »steinerner«), Πέτρινοι Τσάρκοι (L 2), Τσαρκούλι (L 2, Demin.).

 

Das Etymon geht auf Aromunisches tsarku = »id.« zurück, vgl. daco-rum. ţarc = »id.«. Es handelt sich hier um ein autochthones Wort des Rumänischen (zu idg. *serk-, vgl. griech. ἔρκος, lat. sarcio), das die transhumierenden Vlachen im Karpatenraum und im Pindos-Gebirge den Nachbarvölkern vermittelt haben: vgl. karpatoukr. (Bukowina) cárok, ocárok = »umfriedeter Weideplatz«; poln. (dial.) carek, corek; slovak. carky, carčok; č. (Mähren) cárek = »Stall für Kälber«. Im Bulgarischen ist das Wort nicht belegt (cark = »Ort, wo Mais aufbewahrt wird, /Silistra/ könnte m. E. auch zu carka = »Mais« /Gerov/ gehören.) Vgl. ferner alb. thark und griech. τσάρκος [30].

 

Der ON Τσαρκόβιστα (Epirus), den Vasmer 54 zu »abulg. crъky« stellt, gehört hierher. Da er mit slav. Suffix gebildet worden ist (Cark-ov-išta), ist anzunehmen, daß der Terminus als Lehnwort auch in den südslavischen Dialekten von Pindus vorhanden gewesen sein muß.

 

 

Χόχλιτσο (Κ 4)

 

Ein schwer zu deutender ON. Ich vermute ein slavisches Etymon darin nur wegen seiner phonetischen Übereinstimmung mit slavischen Orts- und Personennamen: Χόχλιτσο < *Chochlьcь entweder a) Appellativ chochъl + Suff. -ьcь oder b) PN Chochъl + Suff. -ьcь.

 

 

30. Uber rum. ţark im Slavischen ausführlich Klepikova 200-204.

 

 

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a) Ein Appellutiv *chochъlъ bzw. *chocholъ ist im West- und Ostslavischen belegt: vgl. russ. chochol [31] »Schopf, Haarbüschel«; ukr. chochoł = »Schopf«; weißruss. chochoł; poln. dial. chochoł = »Ende der Garbe, Strauß«; apoln. chocholaty »elevatus« (daneben: chichoł = »Gipfel, Haarschopf«, Belege Vasmer, Wtb, Bernecker); č. chochol = »Haarschopf«, ač. chochol = »Kogel, Hügel, vršek« (Gebauer s.v.).

 

Die Varianten mit -k- im Anlaut geben Aufschluß über die Etymologie. Mährisch Kochola, Kocholka (südč.) Kochulka = »chocholka« (Machek); slovak. kochl'atý = »mit Schopf versehen«; oberso. Khochol, niederso. chochol = »Kuppe, Hügel, Schopf« (Vasmer, Wtb). Man beachte hier 1) die Fluktuation von k/ch im Anlaut, die auf idg. anlaut. k- hinweist (in diesem Sinne Shevelov 135); 2) die semantische Amplifikation »Schopf« (Kopfgipfel) > »Hügel«, die die Bildung von Ortsname aus dem Appellativ begründet.

 

b) Einen aus dem Appellativ entstandenen PN sieht Svoboda 195 im ač. PN Chochel, Chochol und Chocholka. Der PN ist auch im Altserbischen belegt: Chochьlь, »ein Leibeigener (Paröke) des Klosters Chilandar, 14. Jhd.« (Danič.).

 

ON entstanden aus dem PN: č. Chochol, Chocholice (Profous: zu PN); russ. Chochlovka (35x), Chochlova (5x), Chochlov (3x), Chochlovo (30x), Chochlevo (4x), Chochljata (PN Chochl-ęta?), Chochlovy (RGN); poln. Chochłuszka, Chochołow (Słow. Geogr.).

 

ON, die aus dem Appellativ entstanden sein könnten: weißruss. Chachlja; russ. Chochlja (2x), Chochly (2x), Chochol, Chocholec, Chocholka (WRG), Chochol (3x, RGN); poln. Chochołice, Chochot (3x) Chochołek (Słow. Geogr.).

 

Unüberprüfbar ist die Angabe Hilferdings (a. 1868) für einen ON Χόχλια in Eurytanien (Chochlja < PN Chochъl + Suff. ja. Die Angabe ist Vasmer 3 entnommen, der die Form, ohne Begründung, für falsch hält. Er ersetzt sie, ohne nähere Erläuterung durch *Κόχλια).

 

 

Χωρογχοτό (Neutr., L 11)

 

Ein schwer zu deutender ON. Hier offensichtlich aus einem mit dem griech. Suff. -ωτό (Mask. -ωτός) gebildeten Adjektiv entstanden (über das griech. Suff. -ωτός vgl. Amantos in Athena 22, 1910 S. 202-203). Das Etymon läßt sich jedoch aus dem Griechischen nicht erklären. Das Suffix weist auf eine griechische adjektivische (possessivische) Bildung aus einem Appellativ

 

 

31. Vgl. in diesem Zusammenhang russ. chochol »Spottname der Ukrainer bei den Russen wegen der Haartracht« (Vasmer, Wtb). Dieser Spottname hat eine weite Reise gemacht: man findet ihn wieder im Dialekt der aus dem ukrainischen Sprachgebiet vertriebenen Griechen: χαχόλος = »ungeschickter, einfältiger Mensch«.

 

 

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*χωρόγκ(α) hin, das eine Homophonie mit slav. *choro̢gy, Gen. -ъve = »Fahne, Banner« aufweist.

 

Das einer turkotatarisehen Sprache entlehnte Wort (zur Etymologie vgl. Vasmer, Wtb; Skok s. v. plädiert für avarische Vermittlung) ist in allen Slavinen mit obiger Bedeutung vorhanden: Russ. chorug(o)v'; ukr. chorukov, bulg. chorŭgva, sbkr. horugva (auch horuga, belegt seit dem 16. Jhd., Rječnik); sloven. karógla; č. korouhev (ač. koruhva); slovak. korúhev, poln. chorągiew, oberso. khorhoj; niederso. chorugoj, chorgoj (Vasmer, Wtb).

 

In der slavischen Toponymie sind folgende Bildungen aus dem Appellativ belegt, a) suffixlos: č. Korouhev (a. 1279-1290: Corow; a. 1349: Korouia, a. 1437: Choraw; a. 1547 Koranhew; a. 1837: Kourohow. Profous: »zu ač. korúhev = »Fahne«), b) Suff. -ica: č. Korouhvice (Hosák: »zu ač. Appellativ korúhvice = 'Fähnlein'«); poln. Chorągwica; sbkr. Horugvica (Bergname a. 1348 Danič.), Rugvica (Arm des Flusses Save bei Zagreb, Mazuranić.).

 

Ukr. Choruživka, russ. Choruževka sind jedoch, trotz Šmilauer 80, aus choružii = »Fähnrich der polnischen Armee« entstanden (Žučkevič 394, ebd. weißruss. Belege); vgl. poln. Chorąžec, Chorążka, Chorążyce (3x, Słow. Geogr.). Ob Χορίγκοβον (Eurytanien), das nach Vasmer 85 aus einem PN *Χορηγός (!) entständen sei, hierher gehört (etwa Χορίγκοβο < *Χορόγκοßo < Choro̢gy) läßt sich aufgrund der überlieferten Form nicht verbindlich sagen.

 

 

Φαρμάκοβα (L 11a)

 

Der ON ist wahrscheinlich volksetymologisch im Griechischen umgestaltet worden und zwar in Anlehnung an ngriech. ϕαρμάκι = »Gift«, ein für die Toponymie gar ungewöhnliches Appellativ. Φαρμάκοβα könnte m. E. aus Βαρνάκοβα entstanden sein. Man müßte jedoch hierbei einen Tausch des Labials v- durch f- und des Nasals -n- durch -m- im Griech. voraussetzen.

 

*Βαρνάκοβα < *Vornakova: Possessivische Bildung mit dem Suff. -ova aus dem PN *Vornak, zu *vornъ = »schwarz« (Mikl., Bildung 45) + Suff. -ak.

 

Vgl. die PN: Βρανᾶς (zu vranъ = »schwarz«, quellenmäßig seit dem 11. Jhd. belegt, s. Malingoudis, Inschr. 48); Vranotьko (Štip, 14. Jhd., Danič.); serb. Vraneš(a), Vranica, Vranko, Vranoje (Grković), kroat. Vranac, Vranek, Vraneš, Vranjac, Vranješ (Leksik); sloven. Vranica (a. 1030), Kronsteiner 86); č. Vraník (Svoboda 137), Vránka (a. 1378, Profous IV, 614); poln. Wronek (Trautm. EO I, 167).

 

ON: russ. Voronikovo, Voroniloviči (RGN); poln. Wroników (Trautm. MH 160-161); pp. *Vornъkov, a. 1242 Warnekowe, heute Warnekow (Schönberg, Jeżowa II, 13, 83; vgl. auch Trautm. EO I, 167: Warnekow /a. 1432/, Wernikow /1324/, Wernekowe /a. 1239/ zu pp. PN *Varnek, *Varnik.).

 

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