Studien zu den slavischen Ortsnamen Griechenlands. 1. Slavische Flurnamen aus der messenischen Mani

Phaedon Malingoudis

 

 

I. DIE SLAVISCHE BESIEDLUNG DES GEBIETES NACH HISTORISCHEN QUELLEN

 

 

 

Das Gebiet, dessen slavische Mikrotoponymie Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist, gehört heute administrativ der Präfektur (griech. νομός) von Messenien an. Sein Areal nimmt ungefähr 25% der Gesamtfläche der Eparchie von Kalamae (ngriech. Καλαμάτα) ein. Geographisch wird es vom messenischen Golf im Westen und von der Bergkette des Taygetos im Osten umgrenzt. Die geläufige, inoffizielle Benennung unseres Gebietes lautet 'äußere, bzw. messenische Mani' (Ἔξω, Μεσσηνιακή Μάνη) im Unterschied zur eigentlichen, lakonischen, Mani, die unmittelbar südlich davon liegt. Die in dieser Arbeit untersuchten Dörfer gehörten nach der früheren administrativen Einteilung zwei Großgemeinden (demoi) an: dem ehemaligen demos Kardamyle (Καρδαμύλη) und'dem ehem. demos Leuktron (Λεύκτρον). Außerhalb der heutigen Verwaltungsgrenzen liegt die Großgemeinde Oetylon (Οἴτυλοv),die der Präfektur von Lakonien angehört. Das in dieser Arbeit untersuchte Material stammt aus allen heute besiedelten Dörfern des soeben umschriebenen Gebietes; ihre Anzahl beläuft sich, wenn man Oetylon hinzurechnet, auf zwanzig. Diese sind:

 

a) Ehemaliger demos Kardamyle

 

    Gemeinde     Eingemeindeter Ortsteil
1. Καρδαμύλη Καρδαμύλη (Κ 1a) [1], Γούρνιτσα (heute Ἁγ. Σοϕία Κ 1b), Πετροβούνι (Κ 1c)
2. Προσήλιον Λιασίνοβα (heute Προσήλιον Κ 2a), Κάλυβες (Κ 2b)
3. Τσέρια

Τσέρια (Κ 3a), Λεϕτίνι (Κ 3b)

4. Ἐξωχώριον

Ἐξωχώριον (Κ 4)

5. Σάϊδονα

Σάϊδονα (Κ 5)

6. Προάστειο Προάστειο (Κ 6)

 

 

1. Um eine Wiederholung der ON zu vermeiden, werden im folgenden die in den runden Klammern angegebenen Siglen benutzt.

 

 

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b) Ehemaliger demos Leuktron

 

    Gemeinde     Eingemeindeter Ortsteil
7. Καρυοβούνιον Ἀράχοβα (heute Καρυοβούνιον L 1)

8. Καστάνια

Καστάνια (L 2)

9. Θαλαμών

Κουτήϕαρι (heute Θαλαμών L 3)

10. Λαγκάδα Λαγκάδα (L 4)
11. Μηλέα

Μηλέα (L 5), Κάτω Χώρα (L 5a)

12. Νεοχώριον Νεοχώριον (L 6)
13. Νομιτσί Νομιτσί (L 7)
14. Πλάτσα Πλάτσα (L 8/Μ), Λοσνά (heute Πηγή, L 8a/M)
15. Ἅγιος Νίκων Πολιάνα (heute Ἅγιος Νίκων L 9)
16. Πύργος Πύργος (L 10)
17. Ρίγκλια Ρίγκλια (L 11), Ἴζινα (heute Ἐλαιοχώριον L 11a)
18. Ἅγιος Νικόλαος Σελινίτσα (heute Ἅγιος Νικόλαος L 12/Μ), Ἅγιος Δημήτριος (L 12a/M), Κοτρώνι (L 12b/M)
19. Τραχήλα Τραχήλα (L 13)

 

 

c) Oetylon

 

20. Οἴτυλον        Οἴτυλον (Oe)

 

Der zeitliche Rahmen, innerhalb dessen die slavischen Flurnamen des genannten Gebietes entstanden sind, läßt sich, aufgrund der historischen Nachrichten aus den mittelgriechischen Quellen, wie folgt bestimmen: Terminus post ist das Jahr 841, während als Terminus ante das vierte Jahrzehnt des 15. Jhd. anzusehen ist. Die historischen Nachrichten, über die wir verfügen, lassen keine Zweifel daran, daß wir in diesem Zeitraum von sechs Jahrhunderten, mit der Anwesenheit von slavischsprechender Bevölkerung in unserem Gebiet zu rechnen haben. Wir wollen im folgenden diese Quellenzeugnisse etwas näher erläutern:

 

Eine slavische Bevölkerung in dieser Gegend der Peloponnes wird zum ersten Male vom Konstantinos VII. Porphyrogenetos (905-959, regnavit: 945-959) ausdrücklich bezeugt. In seinem Werk »De administrando Imperio« berichtet der Kaiser, daß in der Zeit der gemeinsamen Regierung des Kaisers Theophilos und seines Sohnes Michael III. (840-842) ein Aufstand der Slaven auf der Peloponnes ausgebrochen war. Unmittelbar darauf wurde von der Zentralregierung als neuer Militärgouverneur in die Provinz Peloponnes der protospatharios Theoktistos Bryennios mit einem großen Armeekorps

 

 

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entsandt, um die Ordnung wiederherzustellen. Es gelang ihm, »alle Slaven sowie die übrigen Aufständischen der Provinz Peloponnes« (... καί πάντας μέν τούς Σκλάβους καί λοιπούς ἀνυποτάκτους τοῦ θέματος Πελοποννήσου) [2] mit Ausnahme der Ezeriten und der Melingen (Μηλιγγοί) in der Gegend von Lakaedemonien und Helos zu bezwingen. »Und weil es dort einen großen und sehr hohen Berg gibt, der Pentadaktylos genannt wird und der wie ein Nacken tief hinein ins Meer eindringt und weil diese Gegend schwer zugänglich ist, haben sich dort, an den Abhängen dieses gleichen Berges, auf der einen Seite die Melingen und auf der anderen die Ezeriten niedergelassen« [3].

 

Diese Angaben des Kaisers können als ein erster Hinweis dienen, das Niederlassungsgebiet der Ezeritai auf der östlichen Seite des Taygetos ( = Pentadaktylos), im lakonischen Helos, zwischen Sparta und Gytheion zu lokalisieren. Die Sitze der Melingen müßten sich demnach auf der westlichen Seite des Taygetos, wo auch unser Gebiet liegt, befinden [4]. Theoktistos gelang es schließlich, wie der Kaiser ferner berichtet, auch diese beiden Slavenstämme zu besiegen und sie zu einer Tributzahlung zu verpflichten; so zahlten die Melingen, solange er Militärgouverneur der Peloponnes war, jährlich 60 nomismata, während die Ezeriten eine fünffache Summe (300 nomismata) dem kaiserlichen Fiskus abzuführen hatten.

 

Ca. acht Jahrzehnte später, in der Zeit seines Vorgängers Romanos I. Lekapenos (919-944), weiß Konstantin Porphyrogennetos über einen neuen Aufstand der Melingen und Ezeriten zu berichten. Diese Nachricht erreichte die Hauptstadt gerade dann, als ein neuer Militärgouverneur von Peloponnes, der protospatharios Krinitis Arotras, den bisherigen Johannes Proteuon ablösen sollte. Arotras wurde daraufhin vom Kaiser Romanos angewiesen, unbarmherzig mit den Aufständischen vorzugehen. Und so hat der neue Militärgouverneur gleich nach seiner Ankunft auf der Peloponnes solange die Melingen und die Ezeriten in ihren Gebieten bekämpft, bis sie schließlich (nach einer achtmonatigen Kampfzeit) aufgaben: »und so hat der vorhergenannte Protospatharios und Militärgouverneur Krinitis ihnen einen Tribut auferlegt, der höher als ihr voriger war: den Melingen statt der früheren Summe von 60 nomismata zusätzlich noch 540, so daß ihr Tribut nunmehr sich auf 600 nomismata belief, und den Ezeriten die zusätzliche Summe von 300 nomismata, so daß die Gesamtsumme ihres Tributs ebenfalls auf 600 erhöht wurde. Diese

 

 

2. D. Α. I. 232, 13-14.

 

3. ebd. 232, 16-21.

 

4. Zur Lokalisierung vgl. Bon, S. 63; Kougeas, S. 12. Zur Datierung des Aufstandes (841) vgl. R. Jenkins, The Date of the Slav Revolt in Peloponnese under Romanus I. In: Late Classical and Mediaeval Studies in Honor of Albert M. Friend (New Jersey 1955) S. 204, Anm. 3.

 

 

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Summen wurden dann mich vom Protospatharios Krinitis eingetrieben und der Staatskasse zugeführt« [5].

 

Diese erhöhten Tributzahlungen mußten jedoch die beiden Stämme nicht lange leisten; auf ihre Petition hin hat ihnen Romanos I durch eine Goldbulle (nicht zuletzt aus Rücksicht auf eine, durch den Aufstand der örtlichen Militärgouverneure, auf der Peloponnes entstandenen prekären Lage) das Strafgeld erlassen: fortan mußten die Melingen und Ezeriten, Porphyrogennetos zufolge, nur die früheren Geldsummen (60 bzw. 300 nomismata) alljährlich zahlen [6].

 

Unmittelbar nach diesen Ausführungen über die zwei slavischen Stämme liefert uns der gekrönte Historiker einige Angaben, die uns helfen, unsere Vorstellungen über das Ausmaß der slavischen Kolonisation im Süden der Peloponnes zu vervollständigen. Weil die folgende Nachricht von manchen Forschern, die sich mit der Frage der Slaven in Griechenland befassen, allzuoft verschwiegen wird, lasse ich sie in ihrer bereits erschienenen englischen Übersetzung folgen:

 

The inhabitants of the city of Maïna are not of the race of the aforesaid Slavs, but of the ancient Romans, and even to this day they are called 'Hellenes' by the local inhabitants, because in the very ancient times they were idolaters and worshippers of images after the fashion of the ancient Hellenes; and they were baptized and became Christians in the reign of the glorious Basil. The place where they live is waterless and inaccessible, but bears the olive, whence their comfort is. This place is situated in a corner of Malea, that is, beyond Ezeros towards the coast. Seeing that they are perfectly submissive and accept a head man from the military governor, and heed and obey the commands of the military governor, they have paid from very ancient times a tribute of 400 nomismata» [7].

 

Will man den Bereich der objektiven Auswertung unserer Quelle nicht verlassen, so ergeben sich aus Porphyrogennetos' Bericht m. E. folgende Schlüsse: Die Anwesenheit einer slavischen Bevölkerung an den westlichen Hängen des Taygetus läßt sich seit den 40er Jahren des 9. Jhd. historisch bezeugen, ihre Benennung stammt von der Sprache der griechischen Bevölkerung der Peloponnes: Μηλιγγοί < Μελιγκοί, Adj. μελιγκός = 'honigfarbig' (griech. μέλι = 'Honig'), wahrscheinlich wegen ihrer, für eine mediterrane Rasse wie die Griechen, ungewöhnlichen Haarfarbe [8]. Über den genauen Zeitpunkt ihrer

 

 

5. D. Α. I. 234, 46-53; Zur Datierung des Aufstandes vgl. Jenkins, a.a.O., S. 205-207 (920-921); Bon, a.a.O., S. 48 (zwischen 920-924). Vgl. noch B. Ferjančić: Ο upadu Sklavisijana na Peloponez za vreme Romana Lakapina. In: Zbornik Radova Vizantološkog Instituta 3 (1955), S. 33-48: zwischen 927-930.

 

6. D. Α. I. 234, 53-70.

 

7. D. Α. I. 236, 71-81; Übersetzung ebd. S. 237.

 

8. Da sich der Name nicht aus dem Slavischen deuten läßt (vgl. auch Vasmer S. 155, 165, 170), bleibt bis heute die Etymologie von Georgakas (vgl. zuletzt in: Ztschr. für Balkanologie 2, 1964, S. 46-50) die überzeugendste. Freilich bedürfen seine Erläuterungen hinsichtlich der Semantik des Namens einer Korrektur: μελιγκός: nicht 'braun', sondern eher 'braunhaarig'.

 

 

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Niederlassung auf der Peloponnes besitzen wir keine Zeugnisse, wir können jedoch mit einer relativen Sicherheit annehmen, daß spätestens in den 70er Jahren des 7. Jhd., im Zuge der slavischen Einwanderung, sie die Halbinsel erreicht haben [9].

 

Aus dem Kontext der oben zitierten Quelle geht ferner hervor, daß die slavische Bevölkerung unseres Gebietes, die Melingen, im Zeitraum vom 9. Jhd. bis ca. Mitte des 10. Jhd. (Zeit der Abfassung der Quelle) tributpflichtige Untertanen des Kaisers waren. Der unvoreingenommene Leser unserer Quelle wird die dort enthaltenen Nachrichten über den zweimaligen Aufstand der Melingen und Ezeriten (4. Jahrzehnt des 9. und 2. Jahrzehnt des 10. Jhd.) nicht isoliert aus ihrem Kontext bewerten: am ersten Aufstand waren nicht nur die Slaven, sondern, wie es eindeutig berichtet wird, auch die übrige, d. h. die griechische, Bevölkerung der Peloponnes beteiligt. Beim zweiten Aufstand handelt es sich um einen Fall lokaler Insubordination, die neun Monate gedauert hat und die in der tausendjährigen Geschichte des byzantinischen Reiches weder einmalig, noch charakteristisch ausschließlich für byzantinische Untertanen slavischer Zunge war: »This revolt of Melingoi and Ezeritae there- fore began in 920 or early 921, in the troubled period when the Lecapenids (seil, die machthabeńde Dynastie) were ousting the Macedonians (seil, die Angehörigen der makedonischen Dynastie) from power, a period marked by innumerable conspiracies at house and revolts in the empire« [10].

 

Eine weitere Schlußfolgerung, die nicht ohne Bedeutung für die Abschätzung der damaligen Bevölkerungsrelation (griechisch-slavisch) ist, ergibt sich aus den Angaben über die Summen der zu leistenden Tributzahlungen: wenn wir mit der Mehrheit der bisherigen Forschung annehmen, daß die Ezeriten, die 300 nomismata zu zahlen hatten, zahlreicher als die Melingen (deren Tributzahlung sich nur auf ein Fünftel dieser Summe belief) waren [11], dann müs

 

 

9. Da diese Frage außerhalb unserer Problematik liegt, soll sie hier ohne nähere Erläuterung bleiben. Erinnert sei bloß, daß es über den Zeitpunkt der Ankunft der Slaven auf der Peloponnes eine umfangreiche Literatur gibt. Eine solide Übersicht des Forschungsstandes (bis ca. 1965) bietet B. Zástěrová: Les débuts de l'établissement définitif des Slaves en Europe Méridionale. In: Origine et débuts des Slaves, Bd. 6 (Prag 1966), S. 41-52. Vgl. zuletzt darüber: J. Köder, Zur Frage der slawischen Siedlungsgebiete im mittelalterlichen Griechenland. In: BZ 71 (1978), S. 315-331. Die Arbeit von M. Weithmann, die den anspruchsvollen Titel »Die slavische Bevölkerung auf der griechischen Halbinsel« (München 1978) trägt, stellt einen Fehlversuch dar, vgl. darüber meine Besprechung in Ztschr. f. Balkanologie, Jg. 1980 (im Druck). Man vgl. noch J. Karayannopoulos, Zur Frage der Slavensiedlungen auf dem Peloponnes. In: Revue d. Et. Sud- Est Européennes 9 (1971), H. 3, S. 443-460, dessen Argumentation hinsichtlich der Zeit der slavischen Ansiedlungen im genannten Gebiet (letztes Viertel des 7. Jhd.) m. E. bis heute ohne stichhaltige Gegenargumentation geblieben ist.

 

10. D. Α. I., Commentary S. 186.

 

11. Vgl. darüber Bon, S. 63.

 

 

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scn wir daraus folgern, daß deren Nachbarn, die griechischen Bewohner von Maina (Tributpflicht: 400 nomismata), eine Bevölkerungsgruppe darstellte, die zahlenmäßig stärker als die beiden slavischen Stämme war.

 

Die zeitlich nächste Quelle, die uns einige Angaben über die slavische Bevölkerung unseres Gebietes liefert, ist eine hagiographische Quelle. In der Vita des Hlg. Nikon Metanoite (gest. 26. 11. 998), der die letzten Jahre seines Lebens in Lakonien verbracht hat und in der Nähe von Sparta ein Kloster gegründet hat, ist eine Episode überliefert, die die stereotypen Merkmale des hagiographischen Topos aufweist: die Dependence des vom Heiligen gegründeten Klosters wird von einigen Anwohnern überfallen und ihres Viehs beraubt. Der entschlafene Schutzpatron sorgt jedoch dafür, daß seinem Kloster kein Schaden zugefügt wird: die Übeltäter werden nachts im Traum von Hunden heimgesucht. Sie wachen am nächsten Morgen auf, übel zugerichtet und mit entstellten Mündern, und begreifen, daß dies die Strafe des wunderwirkenden Heiligen für ihr Sakrileg ist. Voll Reue bringen sie das Vieh zu seinem Besitzer zurück und geloben, dem Kloster jährlich Weihrauch und Kerzen als Zeichen ihrer Verehrung für den Heiligen zu schenken. Daß der Verfasser der Vita, die um die Mitte des 12. Jhd. entstanden ist, in seiner Beschreibung diesen Dieben die übelsten Eigenschaften zuschreibt, braucht uns hier nicht sonderlich zu verwundern, denn dies wird von seinem Genre verlangt. Wichtig hingegen sind die Angaben über deren Herkunft: sie kamen »aus der Region der εθνικοί, welche die Einheimischen Μιληγγοί zu nennen pflegen« [12].

 

Mit 'ἑθνικοί' sind hier nicht 'Heiden' gemeint, sondern, wie bereits überzeugend nachgewiesen wurde, die nicht-Einheimischen, die nicht-Griechen [13]. Dies wird um so deutlicher, wenn man die Bemerkungen des Verfassers der Vita verfolgt, der - wohlwissend um die Bevölkerungsverhältnisse seiner engeren Heimat Lakonien - bei jeder Gelegenheit die Einheimischen (αὐτόχθονες, ἐγχώριοι, ἡμεδαποί) von den peloponnesischen Einwohnern fremder Herkunft (ξένοι, ἀλλοδαποί, ἐθνικοί) immer zu unterscheiden weiß [14]. Wir können also aus den Angaben der Vita folgern, daß um die Mitte des 12. Jhd.

 

 

12. »τῶν τήν χώραν λαχόντων τῶν ἐθνικῶν, ἥν δή καί Μιληγγούς καλεῖν εἰώθασιν οί ἐγχώριοι«. In der Ausgabe der Vita Niconis, die von Sp. Lampros in Neos Hellenomnemon, Bd. 3 (1906), S. 129-228 aufgrund einer Hs. aus dem J. 1630 herausgegeben wurde, ist gerade diese Stelle korrumpiert (S. 200, 28-30), Die oben angegebene Lesart ist aus einer älteren Hs. aus dem 15. Jhd. (Codex Barberinus Nr. 584), die wohl dem Original viel näher steht, vgl. Sp. Lampros, Ὁ Βαρβερινός κώδιξ τοῦ βίου Νίκωνος τοῦ Μετανοεῖτε. In: Neos Hellenomnemon, Bd. 5 (1908), S. 303. Zur handschriftlichen Überlieferung der Vita und zur Entstehungszeit (Mitte des 12. Jhd.) vgl. G. Da Costa-Louillet, Saints de Grèce aux VIIIe, IXe et Xe siècles. In: Byzantion 31 (1961), S. 346-369.

 

13. Kougeas, S. 14-15.

 

14. ebd., S. 15, Anm. 4.

 

 

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in der Region der Melingen, die übrigens der Verwaltung eines byzantinischen Beamten unterstand [15], immer noch slavisch gesprochen wurde.

 

Auch in den folgenden zwei Jahrhunderten fehlt es nicht an Nachrichten über die Präsenz slavischsprechender Bevölkerung an den westlichen Hängen des Taygetus: ihr Gebiet, das in den Quellen als »Ζυγός τῶν Μελιγγῶν« bzw. 'Ζυγός' (= 'Bergsattel') bezeichnet wird, umfaßt in dieser Zeit die westliche Seite des Taygetus [16] bis nach Oetylon im Süden, einer Stadt, die (nach einem Zeugnis Isidors, des späteren Metropoliten von Kiev aus dem J. 1415) »alt und hellenisch (war) ... deren Bevölkerung jedoch nicht aus Hellenen, sondern aus Barbaren bestand« [17].

 

Daß noch kurz vor der endgültigen Auflösung des byzantinischen Kaiserreiches im Gebiet des Ζυγός slavisch gesprochen wurde, bezeugt uns eine kurze Reisebeschreibung, die nicht ohne Interesse auch für die Geschichte des Polabisch-Pomoranischen ist. Sie entstammt der Feder eines griechischen Reisenden, Kananos Laskaris, der um 1438/39 das Gebiet um die Ostsee bereist hat. In einer Sprache, die vom attizistischen Griechisch der byzantinischen Schriftsteller weit entfernt ist, zählt Kananos die sechs Regionen (έπαρχίαι), die sich rings um den 'wenedischen Gold' (Οὐενεδικός κόλπος = Ostsee) befinden: Norwegen (Νορβεγία), Schweden (Σουήτʒια), Livland (Λιβονία), Preußen (Πουρσία) mit der Hauptstadt Τάντʒικ. Unmittelbar westlich davon liegt »das Land Slavonien (Σθλαβουνία), dessen Hauptstadt Lübeck (Λουπήκ) genannt wird. Von diesem Lande stammen die Zygioten der Peloponnes, denn hier sind sehr viele Dörfer, die die Sprache der Zygioten sprechen« [18].

 

Diese kurze Information ist der letzte historisch verbürgte Hinweis, daß in der Region, deren bis heute erhaltene slavische Mikrotoponymie im folgenden untersucht werden soll, noch eine Sprache lebendig war, deren Zugehörigkeit zur slavischen Sprachfamilie auch von einem Laien wie Kananos auf Anhieb zu erkennen war.

 

 

15. Sein Name (Ἀντίοχος) und sein Amt (δούξ) werden in der Vita Niconis, S. 194, 6-7 angegeben: »Περί τοῦ ἀλαζόνος ἐκείνου Ἀντιόχου ... ὅς την δουκικήν μέν ἀρχήν διεῖπε τής τῶν ἐθνικῶν χώρας«.

 

16. Über die slavische Bevölkerung im Taygetus-Gebiet im 13.-14. Jhd. vgl. außer Kougeas passim, auch D. Zakythinos, Le Despotat grec de Moree, Bd. 2, Athen 1953, S. 25-29 und Bon, Morée, S. 502-504. Eine griechische Inschrift aus dem J. 1331/1332 aus Oetylon, wo ein Κωνσταντίνος Σπανίς mit dem byzantinischen Titel σεβαστός als Verwalter des Gebietes der Melingen erwähnt wird, behandelt H. Ahrweiler, Une inscription Méconnue sur les Mélingues du Taygéte. In: Bulletin de Correspondance hellénique 86 (1962), S. 1-10 (vgl. auch Abramea, die eine bessere Lesung anbietet).

 

17. »... ἡ πόλις ἀρχαία καί Ἑλληνίς ... ἀλλά ὁ δήμος ούχ' Ἑλλήνων, ἀλλά βαρβάρων ἦν«, W. Regel, Analecta Byzantino-Russica, St. Petersburg 1891, S. 65.

 

18. Diese Reisebeschreibung ist von Sp. Lampros in Ἐπετηρίς Παρνασσοῦ 5 (1881), S. 705 bis 706 nach einer Wiener Hs. aus dem 16. Jhd. (Hist. Gr. CXIII) herausgegeben worden.

 

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