Образуване на българската народност

Димитър Ангелов

 

Die Bildung des bulgarischen Volkes

D. Angelov

 

ZUSAMMENFASSUNG

 

 

Wie bekannt, ist das Volk eine geschichtliche Kategorie, die infolge von günstigen ethnogenetischen Faktoren auf einer bestimmten Entwiklungsstufe entsteht. An der Bildung der einzelnen Völker nehmen gewöhnlich mehrere ethnische Gruppen teil von denen eine die Oberhand gewinnt und die dominierende wird. Dies ist auch bei der Bildung des bulgarischen Volkes der Fall. Der Hauptanteil am Prozeß seines Aufbaues fällt den Slawen zu mit denen zusammen an diesem Prozeß als zusätzliche ethnische Komponenten die Thraken und die Protobulgaren teilnehmen. In der Darlegung wird die Geschichte der Thraken eingehend verfolgt, die die älteste bekannte Bevölkerung in den bulgarischen Ländereien ist. Es wird festgestellt, daß vom Standpunkt ihrer ethnischen Entwicklung zwei Hauptperioden unterschieden werden können, von denen die erste ungefähr vom 6. Jh. v. u. Z. bis Mitte des 1. Jh. u. Z. (die römische Eroberung) und die zweite von der römischen Eroberung bis Mitte des 6. Jh. u. Z. dauert. Es wird darauf hingewiesen, daß der thrakische Ethnos jahrhundertelang in zahlreichen Stämmen zersplittert war und bis diese unter der Macht der Römer fallen, können nur gewisse Anfänge des ethnogenetischen Vereinigungsprozesses beobachtet werden, der sich hauptsächlich im Bereich des Staates der Odryssen entwickelt hat. Dieser Prozeß konnte jedoch, wegen der politischen Zersplitterung der thrakischen Welt und dem Fehlen eines eigenen Schrifttums und Literatur, nicht zu Ende geführt werden. Dabei waren die Thraken, besonders südlich des Hemusgebirge und entlang dem Schwarzen Meer, einem starken griechischen Einfluß ausgesetzt, der einen ungünstigen Einfluß auf die Bildung eines einheitlichen Volkes ausübte. Es werden noch ungünstigere Bedingungen für das thrakische Volk nach seiner Unterwerfung durch die Römer geschaffen. Die fremde Macht war ein entscheidendes Hindernis für die politische und kulturelle Vereinigung der Thraken und verewigte ihre Zersplitterung in Stämmen. Gleichzeitig mit dem starken griechischen Einfluß, sind die Thraken während der römischen Herrschaft auch einem starken römi-

 

401

 

 

sehen Einfluß ausgesetzt, was ein selbstverständliches Ergebnis der politischen und wirtschaftlichen Herrschaft des Römischen Reichs auf der Balkanhalbinsel ist. Die Romanisierung setzt sich hauptsächlich in den Ländereien nördlich des Hemusgebirges (Balkans) und vor allem in der Stadtbevölkerung durch. Unter der Wirkung der hellenisierenden und romanisierenden Prozesse verliert, wie bekannt, ein bedeutender Teil der Thraken seine Sprache und teilweise auch sein ethnisches Bewußtsein. Das kann auf Grund der Angaben aus den epigraphischen Denkmälern und den narrativen Quellen festgestellt werden. Die thrakische Bevölkerung in den Dörfern hat sich verhältnismäßig widerstandsfähiger erwiesen und ihre Sprache, Religion, Lebensgewohnheiten und Traditio-rien bis Mitte des 6. Jh. bewahrt. Jedoch hat diese Dorfbevölkerung infolge der andauernden Einfälle der Goten, Hunnen, Awaren u. a. stark abgenommen und stellte in quantitativer Hinsicht nicht mehr einen wesentlichen Substrat dar, der den während der zweiten Hälfte des 6. und der ersten Hälfte des 7. Jh. in großen Mengen auf der Balkanhalbinsel angesiedelten slawischen Massen ebenbürtig sein konnte.

 

In der Darlegung wird weiterhin die Frage der slawischen Kolonisation der Balkanhalbinsel behandelt. Es wird die schon längst gut begründete Feststellung hervorgehoben, daß sich in Mösien, Thrakien, Mazedonien, einem Teil Albaniens und in Nord-, Mittel- und Südgriechenland eine ihrer Sprache, Lebensweise und Religion nach einheitliche Gruppe slawischer Stämme angesiedelt hat, welche die bedingte Benennung „bulgarische Gruppe” trägt und die sich durch ihre Spracheigenarten von der serbokroatischen Gruppe unterscheidet. Es wird auch ausführlich der Assimilationsprozeß verfolgt, der sich zwischen Slawen und Thraken vollzogen hat und mit dem Sieg des slawischen Elements und dem endgültigen Verschwinden des thrakischen Ethnos endete (mit Ausnahme der romanisierten und hellenisierten Thraken — Walachen und Karakatschanen, die sich hauptsächlich in den Gebirgen längere Zeit bewahrt haben). Es wird weiterhin in dem Buch hervorgehoben, daß der thrakische Ethnos, obwohl assimiliert, gewisse Spuren seines ehemaligen Bestehens zurückläßt (und zwar auf dem Gebiet der Toponimie, des lexikalischen Fonds der bulgarischen Sprache, der religiösen Glauben, der materiellen Kultur usw.), die in ihrer Gesamtheit noch eine nähere Untersuchung verdienen.

 

Vom besonderen Interesse ist die Frage der Ansiedlung der Protobulgaren auf der Balkanhalbinsel und der Bildung des slawischbulgari-

 

402

 

 

schen Staates im Jahre 681. Wie bekannt haben sich auf der Balkanhalbinsel zwei Gruppen Protobulgaren angesiedelt. Die eine, unter der Führung von Asparuch, kam aus Südrußland (nach dem Zerfall des sogenannten Großbulgariens) und setzte sich in dem heutigen nordöstlichen Bulgarien nieder, während die andere, unter der Leitung von Kuber, von der Provinz Pannonien (dem heutigen Ungarn) kam und sich in Mazedonien in der Gegend der Städte Bitolja und Prilep niederließ. Auf diese Art und Weise kommt das protobulgarische Ethnos an zwei Stellen mit den slawischen Stämmen in Kontakt und dies wirkt sich auf dem Prozeß der Bildung des bulgarischen Volkes. Wie bekannt, wird im Jahre 681 als Ergebnis des gemeinsamen Kampfes in Mö-sien der Protobulgaren und der Slawen gegen Byzanz der slawischbulgarische Staat mit Hauptstadt Pliska errichtet.

 

Der Aufbau des slawisch-bulgarisches Staates ist ein Ereignis von großer Bedeutung für die Formierung des bulgarischen Volkes. Wie bekannt, ist der Staat einer der wichtigsten ethnogenetischen Faktoren, der die Stämme zu einem Ganzen vereinigt und sie in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Beziehung zusammenschließt. Diese Rolle hat auch der im Jahre 681 gebildete slawisch-bulgarische Staat gespielt. Im Laufe von fast anderthalb Jahrhunderten treten in seinen Grenzen fast alle in Mösien, Thrakien und Mazedonien wohnenden Stämme der „bulgarischen Gruppe” ein und das schafft die entscheidenden Voraussetzungen für ihre Vereinigung zu einer monolithen Masse, zur Bildung einer beständigen ethnischen Gemeinschaft, wie sie das Volk darstellt. Im allgemeinen wird dieser Vereinigungsprozeß gegen Mitte des 9. Jh. beendet und zwar unter der Regierung von Presjan (836—852) und Boris I. (852—889). Außerhalb der Grenzen des bulgarischen Staates bleiben nur die im heutigen Griechenland wohnenden slawischen Stämme, die infolgedessen allmählich als selbstständiger Ethnos verschwinden und sich hellenisieren.

 

Gleichzeitig mit dem Prozeß der Überwindung der Stammeszersplitterung der slawischen Stämme im 8. und 9. Jh. verwirklicht sich auch der Assimilationsprozeß der allmählichen Verschmelzung der Slawen und Protobulgaren. Der Hauptfaktor ist, wie dies auch in der Darlegung unterstrichen wird, das Vorhandensein eines gemeinsamen Staat-tes mit einer einheitlichen Innen- und Außenpolitik, die zur Annäherung der beiden verschiedenen ethnischen Gruppen führte und die Voraussetzungen zur Überwindung der zwischen ihnen bestehenden Un-

 

403

 

 

terschiede in der Lebensweise, Religion und Sprache führte. Es werden archäologische Beweismaterialien über die Vermischung der Slawen und Protobulgaren aus folgenden Ansiedlungen angeführt: der Hauptstadt Pliska, dem Aul beim Dorf Zar Krum, den Siedlungen beim Bahnhof Rasdelna, beim Dorf Jakimovo (Bezirk Schumen) u. a. Es wird dabei unterstrichen, daß sich der Verschmelzungsprozeß, infolge der sich vermehrenden Mischehen zwischen Protobulgaren und Slawen, sehr beschleunigt hat, die sowohl unter der gewöhnlichen Bevölkerung, als auch unter der regierenden Aristokratie und sogar unter der herrschenden Dynastie stattfanden.

 

Aus den archäologischen und toponimischen Angaben ist ersichtlich, daß sich der im 9. Jh. besonders verstärkte Assimilationsprozeß sich entschieden zu Gunsten des slawischen Elements entwickelte. Es setzten sich der slawische Wohnungstyp, die slawische Begräbnisart, die slawische Keramik, der slawische Schmuck durch. Es verbreiteten sich hauptsächlich slawische Orts- und Flußnamen und dies sogar im nordöstlichen Bulgarien, wo die protobulgarische Komponente am zahlreichsten und kompaktesten war. Zur Unterstützung dieser Behauptungen werden im Vortrag verschiedene Beweismaterialien angeführt

 

Der um die Mitte des 9. Jh. schon stark fortgeschrittene Prozeß der Bildung eines gemeinsamen Volkes, erfährt einen entscheidenden Ansporn nach der Einführung des Christentums als offizielle Religion (865). Die neue Religion, die auch von der Einführung eines neuen Rechts begleitet war, hat eine wichtige unifizierende Rolle gespielt und in bedeutendem Ausmaße zur Vereinheitlichung der Lebensweise und der Kultur der Slawen und Protobulgaren sowie zu ihrer weiteren Verbindung zu einem einheitlichen Volk beigetragen. Auch dieser Prozeß entwickelte sich bei einer immer größeren Übermacht des zahlreicheren slawischen Elements. Das Endergebnis des Sieges des slawischen Elements ist die Verbreitung und das Durchsetzen im ganzen Lande in der zweiten Hälfte und Ende des 9. Jh. der slawischen Sprache, während die protobulgarische türksche Sprache fast jeden Einfluß verliert und allmählich endgültig verschwindet. Selbstverständlich hat die protobulgarische Sprache, wie dies auch in der Darlegung unterstrichen wird, obwohl sie verschwunden ist, gewisse Spuren in der Sprache der Slawen hinterlassen (in lexikalischer, morphologischer und syntaktischer Beziehung). Das ist eine sehr interessante Frage, die noch nicht voll ständig geklärt ist. Von Interesse ist auch die Frage einiger Widerspie-

 

404

 

 

gelungen des protobulgarischen Ethnos auf dem Gebiet der materiellen und geistigen Kultur. Jedoch unabhängig von der Zahl und der Art dieser Widerspiegelungen, ist es sicher, daß sich das bulgarische Volk Ende des 9. und Anfang des 10. Jh. durch seine Sprache, Kultur und Bewußtsein als slawisches Volk bestätigt. Das ist besonders klar ersichtlich aus einer Untersuchung unseres zu jener Zeit verfaßten mittelalterlichen Schrifttums und besonders solcher Werke wie „Über die Buchstaben” von Tschernorisetz Hrabär, das sogenannte „Alphabetische Gebet” vom Bischof Konstantin, Vita und Lobreden über Kyrill und Me-thodios, Klement von Ochrid u. a. Der slawische Charakter des bulgarischen Volkes wird auch in einer Reihe von Werken byzantinischer, serbischer und russischer Autoren aus dem Mittelalter bestätigt, wie z. B. die historischen Werke der byzantinischen Schriftsteller Nikiphoros Vrienios und Laonikos Chalkokondyles, das russische Werk „Povjest vremennych let”, die serbische Geschichtserzählung des sogenannten Presbyters von Duklja usw.

 

Im letzten Teil der Darlegung werden die Benennungen „Bulgaren”, „bulgarisch”, „Slawen”, „slawisch” untersucht, die im Laufe des Entstehungsprozesses des bulgarischen Volkes verwendet und bestätigt werden. Bisher ist eine derartige terminologische Untersuchung nicht durchgeführt worden und sie ist bestimmt von großer Bedeutung für die Klärung des gestellten ethnogenetischen Probleme. Auf Grund der Untersuchung des Quellenmaterials wird festgestellt, daß während der frühen Phase der Geschichte des slawisch-bulgarischen Staates, als die „Protobulgaren” und die „Slawen” noch zwei sich voneinander bedeutend unterscheidende ethnische Gruppen darstellten, der Name „Bulgaren” nur für die Bezeichnung der „Protobulgaren” verwendet wurde, während zur Bezeichnung der Slawen der Sammelbegriff „Slawinen” (auf griechisch Σκλαβῆνοι) oder die Namen ihrer einzelnen Stämme (Dragowitscher, Seweren, Rinhinen, Smoljanen, Bersiten u. a.) verwendet wurden. Gegen Mitte der zweiten Hälfte des 9. Jh. aber als der Prozeß der Verschmelzung der beiden ethnischen Gruppen schon bedeutend fortgeschritten war, begann sich der Name „Bulgaren” durchzusetzen und wurde für die gesamte Bevölkerung des Landes verwendet, d. h. im Grunde genommen auch für die Slawen, die bedeutend zahlreicher als die Protobulgaren waren und sie langsam absorbierten.

 

Als Beispiel können von den einheimischen Quellen zwei Inschriften von der Zeit des Khans Presjan (836—852) angeführt werden. Von

 

405

 

 

den byzantinischen Quellen können die Chronik des Mönchs Georglos die Lebensgeschichte von Peter Patrikios, die Werke des Patriarchs Photios und eine Anzahl von anderen Werken angeführt werden. Von den westlichen Quellen lohnt es sich folgende anzugeben: die sogenannte Universalchronik, die Werke der Neapolitaner Bischöfe, die „Antworten des Papstes Nikolaus auf die Anfragen der Bulgaren” u. a. Anfang des 10. Jh. ist der Name „Bulgaren” in seinem erweiterten Sinn schon im ganzen Land verbreitet und gebräuchlich, während die einzelnen slawischen Stammesbezeichnungen aufgegeben sind. Ein interessantes Beispiel für den Gebrauch des Namens „Bulgaren” finden wir in dem sogenannten „Ausführlichen Leben des Klement von Ochrid”. Wie bekannt ist dieses Heiligenleben nur in griechischer Sprache bewahrt und seine griechische Fassung stammt wahrscheinlich vom Fnde des 11. Jh. Sie beruht aber auf eine alte slawische Vita, die von einem unbekannten Schüler des Klement von Ochrid kürzlich nach seinem Tode (916) verfaßt worden ist und demnach die Lage Anfang des 10. Jh. in den südwestlichen bulgarischen Ländereien (Mazedonien) widerspiegelt. Eben dieser Schüler von Kliment, der im 10. Jh. geschrieben hat, nennt sich und seine Landsleute „Bulgaren”. Das ist aus einem Passus in der Legende ersichtlich, wo Kliment gelobt wird, daß er alles was zur Kirche gehört „uns, den Bulgaren” (ἡμῖν τοῖς Βουλγάροις παρέδωκε) übergeben hat. Dieses Zitat beweist, daß die Bezeichnung „Bulgaren” am Anfang des 10. Jh. schon fest in der Bevölkerung der bulgarischen Gegenden verankert war.

 

Indem dieser Schüler von Klement sich als „Bulgare” bezeichnet, nennt er „bulgarisch” die Sprache die zu jener Zeit im Lande gesprochen wurde. Den Staat nennt er „Land der Bulgaren” und bezeichnet die Herrscher Boris und Simeon als „bulgarische Könige”. Wir finden ein anderes Beispiel für die Benennung „Bulgaren” in einer Messe zum Andenken an Ivan Rilski, die kurz nach seinem Tod (d. h. nach dem Jahre 946) verfaßt worden ist. Er wird dort mit dem Beinamen „Mitbürger der Bulgaren” (bälagarom sägrashdanine) genannt.

 

Die Bezeichnungen „Bulgaren”, „Bulgarien”, „bulgarische Herrscher” usw. werden in einer Reihe von Quellen betreffs der Epoche des Königs Samuel und seiner Nachfolger gebraucht, die lange und schwere Kriege gegen Byzanz geführt haben. Es lohnt sich von den einheimischen Quellen, die vor einigen Jahren in Bitolja entdeckte Inschrift von Ivan Vladislav, dem letzten bulgarischen Herrscher und Neffen Samuels,

 

406

 

 

zu erwähnen. In dieser Inschrift bezeichnet er sich als „Herrscher der Bulgaren” (samodărshetz bălgarom”) und „geborener Bulgare” („bălgarin rodom”). Von den byzantinischen Quellen möchten wir die Lebensgeschichten von Achilles von Larissa und Johannes von Thrakien, die Urkunden des Kaisers Basileos II., die Werke von Michael Psellos, Johannes Zonaras, Michael Attaleiates, das Strategikon von Kekaumenos u. a. als Beispiele erwähnen.

 

Abgesehen davon, daß sich im 10. und 11. Jh. der Name „Bulgaren” als allgemein annerkannte Benennung bestätigt und in allen Gegenden Bulgariens verbreitet (und zwar in den Provinzen Mösien, Thrakien und Mazedonien), so begegnet man manchmal in einigen Quellen zusammen mit den Bezeichnungen „Bulgaren” und „bulgarisch” auch die Bezeichnungen „Slawen” und „slawisch”, die in diesen Fällen gleichbedeutend sind. Die Verwendung dieser Bezeichnungen läßt sich durch den Umstand erklären, daß das bulgarische Volk im Grunde genommen ein slawisches Volk war und infolgedessen war eine terminologische Vermischung leicht möglich. Als Beispiel der Verwendung der Benennung „Slawen” und „slawisch” im Sinne von „Bulgaren” und „bulgarisch” können solche einheimische Denkmäler angeführt werden wie das obenerwähnte „Über die Buchstäben” von Tschernorisetz Hrabär, das „Sechstagebuch” („Šestodnev”) von Johannes dem Exarch, die sogenannte „Kurze Vita” von Naum von Ochrid u. a. Die für die altbulgarische Literatur vom Ende des 9. und der ersten Hälfte des 10. Jh. charakteristischen Tendenz ein Gleichheitszeichen zwischen diesen beiden Benennungen zu stellen, kann auch in einigen Denkmälern späterer Herkunft beobachtet werden und zwar nicht nur einheimischen, sondern auch fremden Ursprungs. So werden z. B. in einer dem Kloster Johannes Kolovos in Südmazedonien vom byzantinischen Kaiser Romanos II. im Jahre 960 erteilten Urkunde, die im 11. Jh. bestätigt wurde, die dem Kloster unterstellten Bauern mit der doppelten Bezeichnung „Slawen” und „Bulgaren” (Σκλάβων — Βουλγάρων) bezeichnet. In der im 11. Jh. in lateinischer Sprache verfaßten Legende des Georg von Iveron werden die Einwohner eines Dorfes in Südmazedonien als „Bulgaren, die sich Slawen nennen” (Bulgari qui sclavi appellantur) bezeichnet. In der ausführlichen Lebensgeschichte des Klement von Ochrid, die Ende des 11 Jh. vom byzantinischen Erzbischof Theophylaktos verfaßt worden ist, finden wir den Ausdruk „das Geschlecht der Slawen, d. h. der Bulgaren” (τὸ τῶν Σϑλαβένων γένος εἶτ᾿ οὖν Βουλγάρων). In der sogenannten

 

407

 

 

„Legende von Thessaloniki” (ein namenloses einheimisches Werk von der Mitte des 11. Jh.) wird vom Entsenden von Kyrill zu den slawischen Völkern genannt Bulgaren gesprochen („v esiki slovinskie, se reksche Blăgare”). In dem von Chronisten Johannes Zonaras verfaßten Wörterbuch wird die Benennung „Sklavinija” mit „Balgarija” gleichgesetzt (Σκλαβινία ἥ Βουλγαρία). Wie aus diesen Beispielen ersichtlich ist, hat die gemischte Verwendung der Benennungen „Bulgaren” und „bulgarisch” und „Slawen” und „slawisch” ziemlich lange gedauert. Allmählich verschwand jedoch diese terminologische Besonderheit. Seit dem 11. Jh., wie aus bulgarischen und auch aus fremden Denkmälern ersichtlich ist, begannen die Bezeichnungen „Bulgaren” und „bulgarisch” eine entscheidende Oberhand zu gewinnen und sich als dauernde und einzige Bezeichnungen sowohl in der Literatur, als auch in der Umgangssprache durchzusetzen. Diese terminologische Entwicklung ist naturgemäß und verständlich. Durch die Benennungen „Bulgaren” und „bulgarisch” konnte am besten die Spezifik unseres Volkes bestimmt werden. Es wurde dadurch unterstrichen, daß obwohl es seinem Charakter nach slawisch ist, es sich von den anderen südslawischen Völkern auf der Balkanhalbinsel — Serben, Kroaten und Slowenen, unterscheidet.

 

Gleichzeitig wurden durch die Benennungen „Bulgaren”, „bulgarisch” und „Bulgarien” die ethnischen Grenzen des bulgarischen Volkes umrissen und es wurde angegeben in welchen Gebieten dieses Volk lebt und sich schöpferisch betätigt.

 

[Previous] [Next]

[Back to Index]